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Die Hetze gegen Juden nimmt zu - nun fühle ich mich in Polen nicht mehr sicher

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ONR POLAND
Agencja Gazeta / Reuters
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Polen war schon einmal Schauplatz dramatischer Judenverfolgungen: Die Nazis zerstörten das einst blühende jüdische Leben in unserem Land - kaum etwas blieb von unserer Kultur übrig.

In Polen leben heute nur noch 20.000 bis 30.000 Juden - 7000 davon sind Mitglied in meiner Organisation, dem Verband der Jüdischen Glaubensgemeinden in Polen.

Lange ging es uns hier relativ gut. Doch nun habe ich Angst.

Schon seit zwei, drei Jahren, aber besonders innerhalb der vergangenen Monate registrieren wir einen Anstieg antisemitischer Vorfälle.

Vor allem rechte Organisationen und Politiker hetzen gegen Juden.

Aber die Regierung reagiert nicht. Sie leistet keinerlei Gegenrede - auch weil die antisemitischen Parolen nicht selten aus ihren Reihen kommen.

Ich fühle mich hilflos.

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Einige Beispiele:

Anfang August griffen rechte Hooligans Mitarbeiter des israelischen Fußballclubs Hapoel Petah Tikva an, der wegen eines Freundschaftsspiels in der Nähe von Warschau trainierte. Dabei wurden zwei Menschen verletzt. Bis heute hat es keine Reaktion von offizieller Seite gegeben.

Obwohl die rechtsextreme Organisation Obóz Narodowo-Radykalny (Nationalradikales Lager, ONR) kurz nach ihrer Gründung in den 1930er Jahren verboten wurde, ist sie nun legal. Ihre Symbole tauchen bei Demonstrationen immer wieder auf, ihre Anhänger agieren sehr aggressiv. ONR wird auch von der Regierung unterstützt.

Beim Jahrestag zum Warschauer Aufstand am 1. August marschierten ONR-Anhänger und Politiker der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zusammen. Das Problem: ONR ist nicht nur mächtig geworden. Sie hetzen auch gegen Juden, weil sie davon ausgehen, dass die Regierung darüber hinwegsieht oder sogar gutheißt.

Ein PiS-Abgeordneter, Bogdan Rzońca, twitterte am 2. August: "Ich frage mich, warum so viele Juden unter denjenigen sind, die Abtreibungen vornehmen, trotz des Holocausts." Erst nachdem sich etliche Twitter-Nutzer beschwert hatten, löschte Rzońca den Post - ohne weitere Reaktion.

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So etwas kann nur in Polen passieren

Schon seit Jahren sitze ich in einer Kommission der Regierung, die sich mit geraubtem jüdischen Eigentum in Polen beschäftigt.

Jeden Dienstag treffe ich mich mit Vertretern aus den Regionen.

Und jeden Dienstag muss ich mir deren Klagen anhören: Es gebe keinen Juden in Polen, sie selbst hätten nichts. Wir Juden hätten kein Recht, unser Eigentum zurückzuverlangen. Zudem hätte nur die polnische Bevölkerung unter der Nazi-Herrschaft gelitten.

Das macht mich wütend.

Schon oft habe ich gedacht: Das ist zu viel, ich ziehe jetzt vors Gericht.

Doch bisher wurde nur eine einzige Person verurteilt. Er hatte Juden bei einer Demonstration öffentlich als Marionetten dargestellt, als Feinde Polens.

Allerdings legte der Staatsanwalt - wohlgemerkt: nicht der Anwalt - Berufung ein, um die eigentliche Gefängnisstrafe in eine Bewährung umzuwandeln.

So etwas kann nur in Polen passieren.

Die Situation wird immer gefährlicher

Weder Präsident Andrzej Duda noch Ministerpräsidentin Beata Szydło haben die tatsächliche Macht im Land inne. Die hat PiS-Chef Jarosław Kaczyński.

Wir glauben, dass er nur er wirklich etwas unternehmen kann. Deswegen haben wir uns in einem offenen Brief an Kaczyński gewandt, um auf die jüngsten antisemitischen Vorfälle aufmerksam zu machen.

Denn die Situation in Polen wird immer gefährlicher für uns. Ich fühle mich hier nicht mehr sicher. Und immer wieder flehen Mitglieder unserer Gemeinden um Hilfe.

Wir sind europaweit die einzige jüdische Community, die keine Sicherheitsgarantien von ihrer Regierung bekommen hat. Insbesondere jetzt, wo die antisemitische Gewalt zunimmt, wird uns Polizeischutz für unsere Gebäude, unsere Mitglieder oder unsere Zeremonien verwehrt.

Ich fühle mich im Stich gelassen. Und ich fühle mich an dunkelste Zeiten erinnert. 1968 sollte sich nicht wiederholen.

Die damaligen antisemitischen Kampagnen und Kundgebungen hat über Zehntausende Juden aus Polen vertrieben. Viele Emigrierte erhielten von den Behörden der Volksrepublik Polen nur Ausreisedokumente und verloren ihre Staatsbürgerschaft.

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Ein Denkmal für die Opfer des Krakauer Ghettos wurde mit einem Hakenkreuz geschändet, aufgenommen im März 2010 (Foto: Reuters)

Ich fürchte das Schlimmste

Wenn es die Institutionen, die Polizei oder das Innenministerium, sowie die Regierung nicht schaffen, die polnischen Juden zu beschützen, fürchte ich das Schlimmste.

Falls Kaczyński wider unserer Erwartungen nicht auf unseren Brief antworten sollte, dann sind wir vollends hilflos.

Das Problem: Selbst die Europäische Union könnte uns kaum helfen. Die wird von der nationalkonservativen Regierung als äußerer Feind gesehen.

Und viele rechte Polen sehen in den Juden den inneren.

Der Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.

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