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Die tödlichste Infektionskrankheit der Welt

24/03/2017 12:24 CET | Aktualisiert 24/03/2017 12:24 CET

Untersuchung in einer Tuberkuloseklinik in den USA anfangs des 20. Jahrhunderts

Tuberkulose - eine Krankheit aus längst vergangenen Zeiten? Keineswegs, wie die Zahlen zeigen. TB ist weltweit die tödlichste Infektionskrankheit.

Das Bild zeigt eine Tuberkuloseklinik in den USA vor knapp 100 Jahren. Aus dieser Zeit stammt auch der einzige aktuell verfügbare Impfstoff. Forschung und Entwicklung sind also dringend notwendig.
Foto: Wellcome Library, London. Wellcome Images images@wellcome.ac.uk (CC BY 4.0)

Am 24. März ist Welt-Tuberkulose-Tag. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist von der Krankheit bedroht, doch viele Menschen wissen nur wenig darüber. Wir haben mit Dr. Mario Raviglione, Direktor des weltweiten Tuberkulose-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), über die aktuelle Situation und Hoffnungen für die Zukunft gesprochen.

Für die meisten Menschen in Deutschland und Europa ist Tuberkulose (TB) eine Krankheit aus längst vergangenen Zeiten. Tatsächlich jedoch ist TB ein gravierendes, globales Gesundheitsproblem. Wie lässt sich der Handlungsbedarf ins Bewusstsein der Menschen bringen?

Dr. Raviglione: Wir müssen den Menschen klarmachen, wie gefährlich die Krankheit ist. Das ist nicht so leicht, da sogenannte offene Tuberkulose am häufigsten Menschen in Entwicklungsländern betrifft. Die Krankheit ist eng mit Armut verbunden. Deshalb findet man sie auch bei Randgruppen in anderen Teilen der Welt. Zum Beispiel bei Migranten, Geflüchteten, älteren Menschen, Alkoholkranken oder Drogenabhängigen. Das Motto der nachhaltigen Entwicklungsziele ist daher auch, „niemanden zurückzulassen".

Meiner Meinung nach ist Nordamerika besser über TB informiert als Europa. Wenn ich in europäischen Ländern unterwegs bin und mit anderen über meine Arbeit spreche, reagieren viele überrascht. Sie denken oftmals, dass TB längst ausgerottet sei. Tatsächlich jedoch ist TB die tödlichste Infektionskrankheit weltweit. Daran sterben fast doppelt so viele Menschen wie an Aids und viermal mehr als an Malaria.

Warum ist es so schwierig, Tuberkulose zu beenden?

Dr. Raviglione: Ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit sogenannter latenter TB infiziert, aber die meisten wissen nichts davon, da die sie keine Symptome zeigen, bis die Krankheit ausbricht. Rund zehn Prozent aller Infizierten erkranken tatsächlich im Laufe ihres Lebens. Das passiert meistens dann, wenn ein zweiter Faktor hinzukommt, der das Immunsystem schwächt. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein: beispielsweise Unterernährung, Rauchen, Alkoholmissbrauch oder andere Krankheiten wie Aids und Diabetes.

Außerdem haben wir heutzutage immer mehr mit Resistenzen gegen ein oder mehrere Antibiotika zu kämpfen. Diese Formen der TB lassen sich nicht mit den gängigen Medikamenten behandeln. Rund fünf Prozent der Infizierten weltweit sind an einer solchen Form der TB erkrankt. Deshalb muss der Einsatz gegen multiresistente Tuberkulose und Forschung für neue Medikamente ein wesentlicher Bestandteil der Agenda zu Antibiotikaresistenzen sein.

Was muss getan werden, um TB weltweit bis 2030 zu beenden, wie es sich die Weltgemeinschaft in den nachhaltigen Entwicklungszielen vorgenommen hat?

Dr. Raviglione: Wir müssen über die Krankheit informieren und Regierungen zum Handeln auffordern. Zunächst einmal brauchen wir bessere Diagnosemöglichkeiten, um schnelle und zuverlässige Ergebnisse zu bekommen - auch für latente TB. Das ist momentan nicht möglich. Deshalb wird die Infektion häufig nicht erkannt und dementsprechend auch nicht behandelt. TB ist eine langsame Krankheit. Die Betroffenen und auch die Ärzte entdecken TB erst, wenn die Krankheit ausbricht und der Patient schon weitere Menschen angesteckt hat. Das wiederum passiert ziemlich schnell, da die Erreger über Tröpfcheninfektion verbreitet werden. Darum ist es so wichtig, dass Menschen überall auf der Welt eine gute Gesundheitsversorgung haben, um möglichst schnell reagieren zu können.

Dann brauchen wir natürlich verbesserte Medikamente, die keine oder nur wenige Nebenwirkungen haben. Derzeit setzen wir als WHO uns dafür ein, dass das Thema Tuberkulose im Rahmen der Diskussion über Antibiotikaresistenzen auf dem G20-Gipfel im Juli in Hamburg besprochen wird. Die Resistenzenbildung ist eine hohe Hürde in unserer Arbeit gegen TB. Wir sollten die Situation nicht außer Kontrolle geraten lassen.

Zu guter Letzt müssen wir die Menschen vor einer Ansteckung schützen. Der einzige derzeit verfügbare Impfstoff ist rund 100 Jahre alt und nicht sehr wirksam. Wir brauchen dringend einen neuen Impfstoff, der mindestens 90 Prozent der Geimpften vor einem Ausbruch der Krankheit schützt. Außerdem eine Prophylaxe für latente TB, damit sich Menschen erst gar nicht mit dem Bakterium infizieren. Quasi eine Art Impfstoff.

Was erhoffen Sie sich von Regierungen, um die weltweiten Bemühungen zur Ausrottung von TB zu unterstützen und zu verbessern?

Dr. Raviglione: Regierungen der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen müssen die allgemeine Gesundheitsversorgung ihrer Bevölkerung verbessern. Weltweit muss mehr in Forschung und Entwicklung für bessere Diagnosemöglichkeiten, Impfungen und Medikamente investiert werden. Mit 620 Millionen US-Dollar pro Jahr ist TB schwer unterfinanziert angesichts der hohen Zahl an Erkrankten und Todesfällen. Um die bestehenden Möglichkeiten schnell zu verbessern, würden mindestens zwei Milliarden US-Dollar benötigt. Ich glaube allerdings, dass wir noch viel mehr benötigen, um neue Entdeckungen und Entwicklungen schnell voranzutreiben.

Besonders von Deutschland erhoffe ich mir mehr Gelder für Forschung, um die vorhandenen Medikamente zu verbessern und neue zu entwickeln. Ein zuverlässiger Schnelltest, neue Medikamente zur Behandlung und ein neuer und wirksamer Impfstoff wären die perfekte Lösung, damit TB endgültig der Vergangenheit angehört. Wir müssen uns weltweit dafür einsetzen, denn Menschen - und mit ihnen Krankheiten - reisen täglich und immer schneller um den Erdball. Was heute noch eine Gesundheitsgefahr in einem weit entfernten Land ist, kann morgen schon vor unserer eigenen Haustür auftauchen.

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