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Die gefährliche Trauer in Nizza

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NICE
Jean-Pierre Amet / Reuters
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Nach den Anschlägen in Paris am 13. November 2015 fühlten viele Menschen nur eines: Ohnmacht. Nach der Todesfahrt von Mohamed Lahouaiej-Bouhlel in Nizza letzten Donnerstag sieht die Gefühlslage dagegen anders aus. Die Bewohner der französischen Hafenstadt sind vor allem wütend. Ihre öffentlich geäußerte Wut nimmt zuweilen aber aggressive Formen an - und könnte Europa gefährlich werden.

Der Zorn entlädt sich

Der Zorn über den schrecklichen Anschlag, bei dem 84 Menschen starben, entlädt sich vor allem an der Stelle auf der Promenade des Anglais, an der der Attentäter von der Polizei erschossen wurde.

Wie die französische Tageszeitung Le Monde berichtet , werfen die Menschen dort Steine, schmutzige Taschentücher und sonstigen Abfall hin. Manchmal werde der Müllhaufen auch angezündet und der Attentäter mit Beschimpfungen überzogen.

Die Wut ist verständlich nach einer solchen grausamen Tat. Auch schon nach den Anschlägen in Paris wandten sich einige aggressiv gegen den Islamischen Staat und seine Sympathisanten. Damals herrschte jedoch auch ein Gefühl von Zusammengehörigkeit in der Trauer.

Die Trauer weicht aggressiven Tönen

Ganz Europa solidarisierte sich mit den Opfern, verbildlicht durch eine Zeichnung des Eiffelturms als Friedenszeichens und dem Hashtag "jesuisparis". Jetzt dagegen weicht die Trauer zunehmend aggressiven Tönen, die eine solche Einheit verhindern.

Als beispielsweise Frankreichs Premierminister Manuel Valls am Montag eine Trauerfeier für die Opfer des Anschlags in Nizza besuchte, wurde er von den Teilnehmern ausgebuht. Die Bevölkerung gibt den Behörden die Schuld, nicht genug für den Schutz gegen Terrorattacken getan zu haben.

Auch der ehemalige Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, attestierte der Regierung von François Hollande gegenüber der Süddeutschen Zeitung eine "Schuld durch Unterlassung" an den Anschlägen von Nizza. Immerhin habe er mehrmals Verstärkung im Kampf gegen den Terrorismus gefordert, sei aber immer von Paris ignoriert worden.

Muslimische MitbĂĽrger unter Generalverdacht

Aber nicht nur die politische Elite wird von den wĂĽtenden BĂĽrgern von Nizza angeklagt, auch muslimische MitbĂĽrger stehen unter Generalverdacht, VerbĂĽndete oder zumindest Sympathisanten des islamistischen Terrors zu sein.

In einem Video des französischen Nachrichtenmagazins L'Express ist zu sehen, wie nach einer Gedenkfeier auf der Promenade des Anglais eine arabisch aussehende Frau von mehreren Personen beschimpft wird. „Verpiss dich!" und „Geh nach Hause" schreien sie ihr ins Gesicht. Da hilft es auch nicht, dass die Frau ihnen entgegnet, dass sie in Frankreich geboren sei.


Die Wut ist immun gegen dieses logische Argument. Auch die Tatsache, dass es dem Terroristen von Nizza egal war, dass unter den Opfern auch Muslime sein wĂĽrden, findet keine Beachtung.

Trauer ist ein komplizierter Prozess

Die Trauer ist ein komplizierter Prozess. Etwas akzeptieren zu müssen, was man nicht akzeptieren will, muss unweigerlich Ärger und Zorn bei den Betroffenen hervorrufen. Doch das Geschehene lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Jetzt gilt es, die richtige Entwicklung nach den Anschlägen einzuleiten. Die wütenden Bürger von Nizza aber sind dabei, die falsche Abzweigung zu nehmen.

Natürlich ist es anmaßend, anderen vorzuschreiben, wie sie zu trauern haben. Es ist außerdem nur verständlich, dass nach einem solchen Massaker und in einer Welt, in der eine Schreckensnachricht die nächste jagt, die Emotionen blank liegen. Wer die Entwicklung von Wut und öffentlich gezeigtem Rassismus aber weiterdenkt, merkt schnell, dass sich damit der islamistische Terror in Frankreich und den anderen Ländern Europas nicht einfach beseitigen lässt.

Probleme mĂĽssen endlich angegangen werden

Die Antwort auf den Terror darf nicht Rassismus und der Ausschluss der muslimischen Bevölkerung sein. Die eindimensionalen und rassistischen Äußerungen der Populisten schaden nur und befördern die Gewalt, statt echte Lösungen zu bieten.

Vielmehr müssen jetzt die Problemfelder der westlichen Gesellschaften wie Armut, kulturelle Identität und die Integration von jugendlichen Einwanderern angegangen werden.

Nur so kann die Antwort darauf, wie ein jahrelang nicht religiöser Mann plötzlich zum Mörder von 84 Menschen wurde, gefunden und weitere Gewaltakte verhindert werden.

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