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Wie "Game of Thrones" eine hässliche Wahrheit über uns selbst enthüllt

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GAME OF THRONES
NBC via Getty Images
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SPOILER-Warnung: Dieser Text enthält Spoiler aus allen Staffeln der Serie bis einschließlich der neunten Episode der aktuellen Staffel.

Es war ein Moment, auf den sich die Fans der Fantasy-Serie Game of Thrones lange gefreut haben: Ramsay Bolton's Tod in der neunten Episode der aktuellen Staffel. Getötet wurde er ausgerechnet - oder: gerechterweise - durch Sansa Stark, eigentlich Ramsays Ehefrau, die er so lange drangsaliert und missbraucht hatte. Nicht nur Sansa, sondern auch alle Zuschauer und ich haben gelächelt, als Ramsay endlich sein verdientes Ende fand.

Auf Twitter teilten viele Zuschauer ihr Vergnügen über die Szene:

Von allen üblen Typen der Serie war Ramsay sicherlich der schlimmste. Er kastrierte Theon Greyjoy, vergewaltigte Sansa und ermordete seinen Vater samt dessen Frau mit ihrem Neugeborenen. Nach all dem mussten wir als Zuschauer einfach mit Genugtuung grinsen, als Sansa Ramsay durch seine eigene Hundemeute zerfleischen ließ.

Doch bei der Szene beschlich mich - und wahrscheinlich noch den einen oder anderen Zuschauer - ein merkwürdiges Gefühl: Ist es wirklich okay, sich so über einen äußerst grausamen Tod einer Figur zu freuen?

Es war nicht das erste Mal, dass der Tod einer Figur von den Fans gefeiert wurde. Als in der dritten Episode der sechsten Staffel die Verräter gehängt wurden, die Jon Snow hinterhältig ermordet hatten, war die Freude auf Twitter schon einmal groß. Da schien es auch egal, dass einer der Gehängten namens Olly noch ein Kind war, wie ein Fan tweetete:

Darf man das? Sich über den Tod eines Kindes freuen?

Natürlich ist dieses Kind nur eine Figur in einer Fernsehserie. Aber die emotionale Wucht, die Game of Thrones in solchen Szenen bei uns Zuschauern auslösen kann, enthüllt etwas über uns, das wir sonst nicht gerne zugeben würden: Unsere Urteile werden von Sympathien und Vorurteilen bestimmt - nicht von unserem Verstand.

Da ist es mir egal, dass Olly wahrscheinlich keine zehn Jahre alt ist. Es ist mir egal, dass seine Familie von den sogenannten Wildlingen ermordet wurde und ich seine Wut auf Jon Snow sogar ein bisschen verstehen kann, als der den Wildlingen helfen möchte. Es ist mir egal, weil er Jon Snow ein Messer in den Bauch rammt und Jon Snow meine Identifikationsfigur ist. Mit ihm habe ich bereits seit fünf Staffeln mitgekämpft, mitgeliebt, mitgefreut und mitgetrauert. Ich hasse Olly, weil er mir diesen Sympathieträger wegnimmt.

Die Reaktion ist normal

Diese Reaktion ist völlig normal, wenn man sich mit einer erfundenen Figur in einer Serie identifiziert. Bei Game of Thrones erhält das Lieben oder Hassen jedoch einen schalen Beigeschmack, weil im Gegensatz zu anderen Fantasy-Reihen wie Der Herr der Ringe keine Figur wirklich gut oder wirklich böse ist. Ramsay ist zwar tatsächlich nur ein Psychopath. Aber Olly meint, stets das Richtige zu tun. Als er Jons große Liebe Ygritte erschießt, glaubt er, Jon vor ihr zu retten - immerhin ist sie gerade dabei, einen Pfeil auf Jon abzuschießen. Am Ende hat Olly mit Ygritte und Jon weitaus weniger Menschen auf dem Gewissen, als beispielsweise Jon selbst.

In Game of Thrones wird viel gemordet. Richtig viel. Aber ob wir eine Figur lieben oder nicht, hängt nicht davon ab, ob sie mordet - sondern lediglich davon, ob sie den - in unseren Augen - „Richtigen" tötet. Das ist weder gerecht noch rational, sondern sehr viel ursprünglicher. Game of Thrones enthüllt uns, dass wir uns mehr von Sympathien leiten lassen, als durch unseren Verstand. Denn dann müssten wir die meisten Charaktere einfach nur als Mörder verachten.

Viele Fans rechtfertigen ihre Freude über das Sterben ihrer verhassten Figuren damit, dass das ja nur ausgleichende Gerechtigkeit wäre, wenn da einer gehängt wird oder seinen Kopf verliert. Das aber ist keine Gerechtigkeit, sondern das biblische "Auge um Auge, Zahn um Zahn"-Prinzip, das wohl keiner von uns im Alltag erleben möchte.

Aber die Serie enthüllt noch etwas über uns: Wir lassen uns von Vorurteilen leiten.

Seit der fünften Staffel macht sich ein Priester - genannt: "High Sparrow" - daran, die Kirche in Westeros zu reformieren. Er tut das im Stile eines echten Bösewichts, mit Intrigen und Folter. Dafür wird er von der Game of Thrones-Gemeinde genauso gehasst wie alle anderen Schurken - oder vielleicht einen Ticken mehr.

Die emotionale Wucht

Die emotionale Wucht der Abneigung gegen diesen Kirchenmann lässt sich aber nicht dadurch erklären, dass er schlimmer wäre als die anderen Bösewichte der Serie. Im Vergleich zu Ramsay ist der "High Sparrow" harmlos wie ein Schoßhündchen.

Die YouTuber Gil Kirdon und Itamar Harel erklären den Hass auf den Priester dadurch, dass wir als Zuschauer im 21. Jahrhundert eine größere Abneigung gegen religiöse Fundamentalisten wie den "High Sparrow" spüren als gegen mittelalterliche Feldherren. Einfach, weil sie uns näher sind. Man denke etwa an den IS und die Verbrechen, die er im Namen des Islams begeht.

Würden wir rational urteilen, müssten wir auch den respektabelsten Fürsten von Game of Thrones, Eddard Stark, hassen, wenn er in der allerersten Episode der Serie einen unschuldigen Deserteur mit den Worten köpft: „Das Gesetz ist das Gesetz." Wir tun das aber nicht, weil uns dieses feudale Gesetz des Mittelalters fern ist. Die fundamentalen Ansichten des Glaubens in Westeros scheinen dagegen brandaktuell.

Die Serie hält uns Zuschauern also den Spiegel vor. Und was wir darin sehen, ist manchmal etwas hässlich. Wir sehen dann, dass wir nicht so abgeklärt und vernünftig sind, wir wie gerne denken. Dass wir uns freuen, wenn vermeintlich „schlechten" Menschen Schlechtes wiederfährt. Dass wir uns von Emotionen leiten lassen, wo ein kühler Kopf gefragt wäre.

Ein Beispiel aus der echten Welt

Ein aktuelles Beispiel dafür aus der echten Welt sind die Briten, die sich vom Slogan "Take back control" des Brexit-Lagers einlullen ließen - und jetzt erst hinterher versuchen, herauszufinden, was ihre Stimme für das Verlassen der EU eigentlich bedeutet. Für sachliche Argumente waren sie jedoch vor dem Referendum taub.

Die Urteile von uns Game of Thrones-Zuschauern haben erst einmal keine realen Konsequenzen. Wir folgen einfach nur gebannt einer guten Geschichte - ob vor dem Bildschirm oder vor den Buchseiten. Eine letzte Folge Game of Thrones bleibt uns noch in der sechsten Staffel, dreizehn weitere sollen folgen, dann hat das Lieben und Hassen seinen Abschluss gefunden.

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