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Lieber Herr Lieberberg, Ihre Pöbelei gegen Muslime zeigt, dass Sie etwas falsch verstehen

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Lieber Herr Lieberberg,

ich verstehe, dass Sie wütend sind.

Schon wieder müssen Sie Ihr "Rock am Ring"-Festival abbrechen. Letztes Jahr war ein Unwetter schuld, dieses Jahr eine Terror-Warnung.

Auch ich bin wütend. Wütend, dass solche Sicherheitsmaßnahmen heutzutage nötig sind. Dass der Terror so tief in unseren Alltag vorgedrungen ist, dass immer wieder Großveranstaltungen abgesagt, unterbrochen oder durch ein enormes Sicherheitsaufgebot begleitet werden müssen.

Was Sie heute Abend bei Ihrer Pressekonferenz gesagt haben, ist aber ein völlig falsches Signal. Sie forderten in ihrer Rede, es müsse Schluss sein mit "This is not my Islam". Sie meinen: Mit leeren Bekundungen von Muslimen, sie hätten mit dem Terror ja nichts zu tun.

Selbst wenn wir annehmen, ein Muslim habe den Abbruch des Festivals nötig gemacht, ist Ihre Aussage nicht hinnehmbar.

Muslime würden sich nicht genug gegen den Terror unternehmen, behaupten Sie. "Ich habe bis jetzt noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich?", polterten Sie.

Erst einmal ist das gelogen: Nach dem Terroranschlag vom Breitscheidplatz in Berlin im Dezember demonstrierten tausende Muslime für den Frieden. Ähnliche Bilder kennen wir etwa aus Brüssel und aus Paris.

Zum anderen verkennen Sie, wie wenig die meisten Muslime mit der Welt des radikalen Islams zu tun haben. Es mag befremdlich wirken, dass Muslime so selten gegen den islamistischen Extremismus auf die Straße gehen. Aber das ist Messen mit zweierlei Maß.

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Meine Eltern sind deutsch. Und trotzdem gehe ich nicht gegen Neo-Nazis auf die Straße. Oder gegen Pegida. Das liegt nicht daran, dass ich die Meinung dieser Menschen nicht zutiefst ablehne.

Aber Demonstrationen sind nicht meine Welt. Das waren sie noch nie. Politisch bin ich auf andere Art und Weise. Würde mich nun jemand fragen "Wieso tust du nichts gegen die Gefahr der Nationalisten?", ich würde wahrscheinlich antworten: "Was soll ich denn tun?"

Diese Menschen sind mir vollkommen fremd. Mit meiner Lebensrealität haben Pegida-Gänger so viel zu tun, wie Helene Fischer mit "Rock am Ring".

Der Gedanke, ich müsste mich nach jedem fremdenfeindlichen Übergriff in Deutschland von Pegida, dem NSU oder dem Dritten Reich distanzieren, lässt mich erschaudern. Ich denke: Auch aus diesem Reflex heraus ist das geflügelte Wort "This is not my Islam" entstanden.

Wir haben ein Problem mit einer kleinen islamistischen Szene. Das wissen Sie genauso wie ich. Wir müssen diese Szene bekämpfen. Dass das lediglich die Aufgabe der 99 Prozent gemäßigter, friedlicher Muslime in Deutschland sei, ist aber ein fataler Irrglaube.

Fast wünsche ich, es wäre so einfach, wie Sie es sagen. Dann könnten wir bei den Terroristen an die Tür klopfen und sie fragen: "Was macht ihr da eigentlich?"

Auch zehntausende deutsche Muslime würden diese Aufgabe wohl gerne für Sie übernehmen.

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(ks)