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Liebe Helene Fischer, was du mit den Deutschen machst, macht mir Angst

18/05/2017 17:10 CEST | Aktualisiert 29/05/2017 10:21 CEST
Markus Hibbeler via Getty Images

Herzbeben. Lass uns leben. Wir wollen was erleben. Die Drums donnern los. Es ist dasselbe seelenlose Brettern, das wohl in diesem Moment auch durch den Bierkönig auf Mallorca donnert. Oder zu jeder Zeit des Tages.

Es ist dasselbe seelenlose Brettern, das willensstarke Menschen trotz sieben Bier und drei Kurzen in Scharen von Volksfesten fliehen lässt. Seit irgendein irrwitziger Musik-Guru den apokalyptischen Plan ausbaldowerte, stumpfe Alpenfolklore mit dem Konserven-House neurotisch knöpfedrückender Schmalzfrisuren-Diskjockeys zu paaren, verfolgt mich dieses Liedwerk.

Und jetzt kommt es noch einmal knüppeldick. Denn das neue Album von Helene Fischer ist da.

Helene Fischer, das ist die Frau, über die immer alle sagen, dass sie ja eigentlich ziemlich gut aussehe. Und ja so nett sei. So sympathisch. Und was für eine Ausstrahlung.

Mir persönlich ist das allerdings völlig egal, wenn ich Musik höre. Ich will überrascht werden, irgendwie verzaubert. Ich will Charakter. Und da liegt das Problem. Die neue CD von Helene Fischer hat ungefähr so viel Charakter wie Prinz Marcus von Anhalt.

Was zur Hölle willst du mir sagen?

Noch viel schlimmer ist: Ich glaube, Helene Fischer weiß das selbst. Und dennoch gaukelt die blonde Schunkel-Königin auf ihrer neuen Platte pausenlos so etwas wie Bedeutsamkeit vor. Auf "Brechen wir das Schweigen" kommt dieser hemmungslose Selbstbetrug besonders schonungslos zum Vorschein.

"Wir brechen das Schweigen und brennen wie das Licht. Und solange die Welt sich dreht, gehen wir unseren Weg. Oh, oh, oh, oh, oh".

Das ist es also: das "We are the World" der Generation Youtube. Eine Hymne an die Hochglanz-Rebellion. Politisch schlagkräftig wie ein "Neon"-Cover. Was zur Hölle willst du mir sagen, Helene?

Das alles ist so bedeutungslos leer, das ich mir fast einen Xavier Naidoo herbeiwünsche, der mir lüstern ins Ohr raunt, dass das Weltjudentum die CIA untergraben habe.

Doch von solchen Eskapaden ist Helene Fischer wohl in etwa so weit entfernt wie vom Literatur-Nobelpreis. Ihre Platte ist aalglatt und perfekt durchchoreografiert.

Fischer stiehlt sich das zusammen, was die Menschen lieben. Ihr ganzes Album ist ein besonders perfides Hypnose-Verbrechen. Sie will ihre Hörer mit einfachen Gefühlen aus der Konserve gefügig machen. So klingt ihre quälend lange Platte wahlweise nach den Atzen, Rosenstolz oder Felix Jaehn. Hauptsache der Pathos trieft bis zur Schmerzgrenze.

Klatschen auf 1 und 3: Das lieben wir Deutschen

Im Wechsel will Fischer uns zum Weinen und zum Klatschen bringen. Sie spricht damit die zwei Grund-Emotionen der Deutschen an: Pessimismus und das stupide Klatschen auf 1 und 3. Manchmal schafft Fischer sogar beides. Helene, du Teufelsweib!

Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass Helene Fischer damit wieder x-Millionen Platten verkaufen wird. Das liegt nicht unbedingt nur am Alkoholkonsum der Deutschen, denn der ist rückläufig.

Es liegt vor allem daran, dass die Deutschen hauptsächlich eins wollen: Mitgerissen werden. Und selbst wenn es nur dem Selbstzweck dient, mitgerissen zu werden.

Denn jeder, der nur einen kurzen Moment innehält und mal darüber nachdenkt, was Helene Fischer ihm da eigentlich gerade ins Ohr schwallt, erkennt, dass es um mehr doch gar nicht gehen kann.

Helene, dein Erfolg macht mir wirklich Angst

Da singt sie etwa: "Genau mein Ding, genau mein Ding. Mal das Unmögliche zu wagen. Zu allen Wundern Ja zu sagen, das macht Sinn!" Oder wird auf einmal melancholisch: "Wenn du lachst, bringst du jede Angst zum Schweigen. Wenn du lachst, ist das wie ein Tag am Meer." Das klingt nach Yvonne Catterfeld zu ihrer düstersten Zeit.

Wenn man diese Zeilen von Helene mal nur liest, ohne das wummernde Tamm-Tamm aus der Discounter-Pop-Goldschmiede ihrer Fließband-Songschreiber, erkennt man schnell, wie himmelschreiend hohl das alles ist.

Es ist gruselig, sich auszumalen, dass das mehreren Millionen Deutschen völlig egal ist. Dass sie Inhalt und Scharfsinnigkeit für Stadion-Euphorie hinten anstellen. Für ein Gefühl der Massen-Ekstase.

Ein Gefühl, bei dem uns eigentlich bitter aufstoßen sollte.

Ich hoffe, dass das Ganze nur ein musikalisches Phänomen bleibt.

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(bp)

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