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Ich bin mit einem Bundestags-Chauffeur mitgefahren - das hat er über die Politiker erzählt

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BUNDESTAG
Bundestags-Chauffeur verrät: Es gibt nur ein Thema, über das die Politiker gerade sprechen | Getty
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Eigentlich wollte ich nur ein Uber-Taxi nehmen. Die U-Bahn hatte ich gerade verpasst, zu Fuß hätte ich wohl eine Dreiviertelstunde gebraucht - vom Oranienburger Tor in Berlin nach Moabit.

Wenige Minuten später sitze ich in einer Limousine, in der sonst Bundestagsabgeordnete durch Berlin chauffiert werden - mit Panoramadach, hellen Ledersitzen und sanft-violettem Neonlicht im Innenraum.

Dabei habe ich nichts anderes getan, als in der App per Klick einen Fahrer anzufordern. Wie das möglich ist?

Seit August fährt eine Bundeswehrtochter die Abgeordneten. Dienstfahrten auf Staatskosten. Den Vertrag mit einem Privatunternehmen ließ man auslaufen. Doch der alte Dienstleister gibt nicht auf: Die Flotte konkurriert weiter mit dem Bundeswehr-Fahrdienst um Politikerkunden. Wenn ein Fahrer mal keinen Auftrag hat, nimmt er auch mal Uber-Nutzer mit.

In der edlen E-Klasse fahren wir also durch Berlin. Ich auf einem Sitz, auf dem "schon alle" saßen, wie mein Fahrer mir erklärt. Seit rund 30 Jahren fahre er schon Politiker durch die Hauptstadt. Abgeordnete jeder Partei. Viel zu sagen habe man sich oft nicht.

"Über Politik red' ick grundsätzlich nischt", sagt mein Fahrer in breitem Berlinerisch. Viele Themen gebe es dann meist nicht: "Nur mit manchen kann man gut über die Weiber reden."

Seit die AfD da ist, ist alles ein bisschen anders

Ich versuche mir auszumalen, wie derlei Gespräche wohl ablaufen, doch mein Fahrer hat das Thema schon wieder gewechselt.

Grundsätzlich seien Politiker ganz normale Menschen, "es gibt solche und solche". Der Politikbetrieb sei nicht anders als eine Firma. "Wenn einer zum Schichtleiter wird, hebt er auch manchmal ab. Genauso Leute, die vielleicht Vize-Chef einer Partei werden", sagt der Chauffeur vielsagend.

Namen nennt er nicht. Die müsse er eh alle Jahre wieder neu lernen. Dieses Mal sei es besonders schwierig - bei über 700 Abgeordneten. "Aber in ein paar Wochen hab' ick auch die drauf."

Alles Routine? Fast.

Etwas habe sich gerade verändert. "Seit der Wahl is' dat Jeheule groß", sagt mein Fahrer. "Die AfD." Dabei seien die Politiker selbst Schuld. "Ick sach' den': Wenn sie ihren Job jut machen, haben sie das Problem nicht."

"Protestwähler", glaubt der Mann hinter dem Steuer.

Irgendwie ist das beruhigend. Einer, der seit 30 Jahren täglich mit Politikern zu tun hat, sie in privaten und beruflichen Momenten erlebt, so nah wie kaum ein anderer am politischen Machtzentrum des Landes ist, hält die AfD für ein vorübergehendes Phänomen. Ein zu lösendes Problem.

"Ganz normale Menschen", sagt er nochmal. Auch wenn er seinen ersten AfD-Kunden durch die Hauptstadt fahren wird, werde er diese Haltung nicht ändern, beteuert er.

Wir sind da. Ich steige aus.

"Schönen Abend", sagt der Chauffeur freundlich. "Jib mir fünf Sterne", schiebt er hinterher - und ist auf einmal auch wieder ein ganz normaler Uber-Fahrer.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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