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Eine gespaltene Stadt (Reisetagebuch aus Beirut 1/2)

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BEIRUT STREET
Travel Ink via Getty Images
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Beirut gilt bereits seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts als das Paris des Nahen Ostens, als westliche Perle der arabischen Welt. Doch immer wieder treffen blutige Konflikte die Metropole an der Ostküste des Libanons.

Nach dem jahrelangen Bürgerkrieg der 70er- und 80er-Jahre und dem zerstörerischen Krieg mit Israel 2006 war es zuletzt vor Allem der Syrienkrieg, der bedrohlich über die Grenzen des Landes hinüberschwappte.

Kaum vorstellbare Probleme

Im November vergangenen Jahres starben 44 Menschen in Beirut bei einem Attentat des IS. Über eine Millionen Syrer haben seit dem Ausbruch des Krieges in dem kleinen Land Zuflucht gesucht und stellen die sorgengeplagte politische Führung, die aufgrund innenpolitischer Zerwürfnisse seit 2014 ohne einen Präsident dasteht, vor kaum vorstellbare Probleme.

Wie sieht das Leben im Libanon im Zeichen dieser bedrohlichen Zeiten aus?

Ich war einige Tage in Beirut und Umgebung unterwegs - und habe ein Land erlebt, in dem Schmerz und Lebensfreude Hand in Hand gehen.

Mittwoch: Meine Ankunft in Beirut

Ich muss zugeben, ich bin nervös als ich gegen vier Uhr Nachts Ortszeit in Beirut ankomme. Eigentlich machen mir Nachrichten von Terrorismus und politischen Spannungen keine Angst.

Letztes Jahr habe ich einige Monate in Kairo verbracht, zu einer Zeit als die Zahl terroristischer Anschläge gerade drastisch in die Höhe schnellte. Ich habe aus dem Wohnzimmer meines Apartments eine Bombenexplosion gehört. In unmittelbarer Umgebung zündete ein Attentäter eine Sprengladung vor einer Polizeistation.

Nun also der Libanon - und ich bin angespannt. Mitschuld daran ist sicherlich die Teilreisewarnung des Auswärtigen Amts, die sich für mein Reiseziel doch deutlich krasser liest, als etwa jene für Ägypten.

„Bewaffnete Auseinandersetzungen", „Autobomben", „Sicherheitskräfte können Sicherheit nicht garantieren", „gezielte Angriffe auf westliche Ausländer": all das klingt erst einmal wenig beruhigend.

Doch nach einem erstaunlich lockeren Smalltalk mit dem Sicherheitsbeamten am Flughafen und dem freundlichen „Ahlan" meines Fahrers, löst sich meine Anspannung. Als dieser merkt, wie rudimentär mein Arabisch ist, wechseln wir schnell ins Französische.

Besonders in der Oberschicht des Libanons ist Französisch noch immer eine sehr präsente Umgangssprache, auch Englisch sprechen in Beirut - durch alle Gesellschafts- und Altersschichten hindurch - viele Menschen. Die Beirutis halten die Fahne der Internationalität, die ihrer Heimat zugesprochen wird, hoch.

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Ich komme an meiner Unterkunft an. Auch hier werde ich auf Französisch begrüßt. Es ist ein kleines Hostel im sunnitischen Viertel Hamra, durch das die berühmte gleichnamige Einkaufsstraße führt. Pulitzerpreisträger Borzou Daragahi beschrieb die Umgebung um die Hamra Street einmal als „Bastion des Liberalismus". Als einzigen Ort im Libanon der nicht entweder Sunniten, Shiiten, Christen oder Drusen gehöre.

Ich bestelle mir in der Hotelbar noch ein Getränk. Bezahlen solle ich es doch einfach morgen, deutet mir die Bedienung. Langsam steckt mich die gelebte Lockerheit des Nahen Ostens wieder an.

Donnerstag: Eine gespaltene Stadt

Frühstück an der Strandpromenade. Humus, Ful, Chubz: besser kann mein erster voller Tag in Beirut kaum beginnen.

Hamra ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Viertel. Wenn man über die Hamra Street flaniert, könnte man tatsächlich den Eindruck gewinnen, man befinde sich in einer europäischen Großstadt. Das Paris des Nahen Ostens?

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Vielleicht. Doch hier zwischen eher orientalisch anmutenden Cafés und westlichen Bars, kleinen und großen Boutiquen und Geschäften empfinde ich Beirut als bodenständiger. Und zumindest in einem hat Daraghi Recht: Auf der Hamra Street treffen sich Menschen jeglicher Couleur: Muslime, Christen, Einheimische, Zugezogene, Touristen, Studenten und Arbeiter.

Es ist ein lautes Wirr-Warr. Es ist einer dieser Orte von vielen im Nahen Osten, an dem hektischer Trubel und Gemütlichkeit aufeinander treffen - und zu verschmelzen scheinen. Während sich Menschen an Menschen und Autos an Autos aneinander vorbeischieben, sitzen die Menschen unbeeindruckt von all dem Chaos auf den engen Bordsteinen. Sie rauchen Shisha, spielen Backgammon und trinken Tee.

Etwa zwei Blocks entfernt befindet sich die American University of Beirut. Im Jahre 1866 von amerikanischen Missionaren gegründet, entwickelte sich die Hochschule schnell zu einer der wichtigsten Universitäten des Nahen Ostens. Hier zeigt sich das moderne Beirut in seiner vollen Blüte.

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In den amerikanischen Kaffee- und Fast-Food-Läden rund um den Campus sitzen Studenten hinter ihren Laptops, trinken Kaffee aus Plastikbechern, lernen und unterhalten sich. Die Szenerie wirkt fast wie aus einem US-amerikanischen Collegefilm.

Das Bild das sich dem Besucher hier zeichnet, ist natürlich nicht repräsentativ für Beirut. Ohnehin ist es kaum möglich, in wenigen Tagen einen umfassenden Eindruck der Millionenstadt zu bekommen.

Denn erschwerend kommt hinzu: Beirut ist eine zutiefst gespaltene Stadt, eine Stadt der Gegensätze. Immer noch sind der Libanon im Großen und seine Hauptstadt im Kleinen von konfessionellen und politischen Spannungen durchzogen. Diese spiegeln sich deutlich im Stadtbild wieder.

„Das kannst du hier genau sehen"

Ein Taxifahrer zeigt mir die Karte Beiruts auf seinem Smartphone: „Das kannst du hier genau sehen", erklärt er. „Das hier sind die muslimischen Viertel, hier die sunnitischen, hier die schiitischen. Und hier leben die Christen." Dazu kommen die Flüchtlingslager im Süden der Stadt, in denen zigtausende großteils palästinensische Flüchtlinge leben - abgeschnitten vom schönen Leben der Flaniermeilen.

Dass diese Parallelwelten zu einem Brandherd werden können, wird mir klar, als ich meinen Fahrer weiter über das Leben in Beirut ausfrage. Er sei Christ, erzählt er, habe aber Freunde aller Religionen, in allen Gebieten der Stadt.

Einmal sei er bei einem Freund in einem schiitischen Viertel gewesen. „Ich wollte mir ein Ersatzteil für mein Auto abholen", erzählt er mir. Als er die Wohnung seines Freundes gerade verlassen wollte, habe ihn dieser zurückgehalten. „Er hat gesagt ‚Warte' und aus dem Fenster gezeigt. Da standen acht bis zehn bewaffnete Männer um mein Auto", berichtet er: „Sie wussten, dass ich nicht hierher gehöre".

Ich frage ihn, wer die Männer waren. „Hisbollah", antwortet er.

Fortsetzung folgt

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