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Achse des Wahnsinns: Die gefährliche Haltung deutscher Kommentatoren in der Syrien-Debatte

09/04/2017 16:36 CEST | Aktualisiert 09/04/2017 17:58 CEST

Die USA haben einen Militärstützpunkt des syrischen Diktators Baschar al-Assad bombardiert - und die deutschen Medien drehen frei.

Trump sei in den Krieg gezogen, empören sich derzeit viele. Sie ignorieren: Die USA sind schon lange im Krieg - und wie sie sind es die Briten, die Franzosen, die Deutschen. Weil sie nicht wegschauen dürfen, wenn Bashar al-Assad und der IS mordend durch das Land ziehen.

Es ist vollkommen normal und richtig, dass wir jetzt über die Verhältnismäßigkeit und die strategische Sinnhaftigkeit des US-Luftangriffs in der Provinz Idlib diskutieren.

Doch die Art und Weise, wie derzeit viele deutsche Publizisten und sogenannte Nahost-Experten auf die Lage in Syrien reagieren, zeugt nicht nur von Ignoranz, sondern auch von ideologischer Verblendung.

5 Entwicklungen in der Syrien-Debatte, die uns Sorgen machen sollten:

1. Publizist Augstein spielt den Assad-Versteher

Der "Spiegel"-Kolumnist Jakob Augstein reagierte auf absurde Art und Weise auf das, was in Khan Scheichun passiert war.

Augstein nahm Assad nach seinem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Schutz - und zwar in dem er eine gängige Verschwörungstheorie bediente. Bei Facebook fragte der Publizist: "Warum setzt Assad gerade dann Chemiewaffen ein, als der Westen sich vorstellen konnte, ihn auch nach dem Krieg zu dulden?"

Augstein glaubt offenbar an eine große Inszenierung. Oder wieso ignoriert er, dass alle - aber auch wirklich alle - Indizien dafür sprechen, dass Menschenrechtsbrecher Assad für den brutalen Angriff von Khan Scheichun verantwortlich ist?

UN-Ermittler bestätigten in der Vergangenheit, dass deckungsgleiche Attacken von Assad verübt worden waren. Bildmaterial aus verschiedensten Quellen deutet auch heute wieder auf einen syrischen Angriff hin - ebenso Geheimdienstberichte aus Israel und der Türkei.

Auch scheint der "Freitag"-Herausgeber nicht mitbekommen zu haben, dass Assad immer dann zur Eskalation neigt, wenn sich die Parteien in Syrien in Verhandlungen annähern.

Stattdessen schürt Augstein einen einseitigen Anti-Amerikanismus, der derzeit bei vielen Linken und Rechten hoch im Kurs zu stehen scheint.

2. Nahostexperte Lüders gibt Erdogan die Schuld

Der vermeintliche Nahost-Experte Michael Lüders geht noch einen Schritt weiter als Augstein. Im ZDF-Talk "Markus Lanz" macht er den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für die Giftgasangriffe auf syrischem Boden in der Vergangenheit verantwortlich.

Der ehemalige "Zeit"-Korrespondent glaubt an einen Angriff "unter falscher Flagge" und spinnt damit die Propaganda weiter, die das arabische Pro-Assad-Medium "Al Masdar" seit Tagen verbreitet.

Die Dschihadisten-Miliz Al-Nusra würde Angriffe mit dem türkischen Geheimdienst inszenieren, ist er überzeugt.

Selbst Russland widerspricht dieser vogelwilden Behauptung. Der Kreml erklärte, Assads Luftwaffe habe ein Chemiewaffenlager der Rebellen bombardiert - dadurch sei es zum Austritt der Giftstoffe gekommen.

Der Linken-Politiker Jan van Aken, einst ABC-Waffenkontrolleur für die UN, erklärte der „Stuttgarter Zeitung": "Nur der IS kann auf Seiten der Rebellen Giftgas herstellen. Allerdings setzt der IS kein Sarin ein, sondern Senfgas, und Senfgas war bei der jüngsten Attacke ganz sicher nicht im Einsatz."

Lüders ist das egal. Schon in Vergangenheit war der Wissenschaftler dadurch aufgefallen, dass er zweifelhafte vermeintliche Geheimdienstquellen zitiert hatte. Die einfache Formel, der Lüders dabei auch in seinen Büchern folgt: Die USA, Israel, der Westen - sie allein haben den Nahen Osten ins Chaos gestützt.

3. Amerika wird zum Hauptfeind

Dieser simplen Idee folgen derzeit wieder viele Kommentatoren.

Und ja: Man kann und muss US-Präsident Trump kritisch sehen - auch seinen Luftschlag auf den syrischen Militärflughafen.

Doch viele Medienvertreter machen es sich dieser Tage zu einfach: Sie scheinen zu glauben, allein die USA sei für das schlimme Schicksal der Krisenregion verantwortlich. Als hätte die Zurückhaltung Barack Obamas in den vergangenen fünf Jahren Syrien zu einem besseren Ort gemacht.

Publizist Jürgen Todenhöfer skandiert unablässig, der Westen müsse den Krieg im Nahen Osten beenden.

Die Annahme, der Westen trage für den Krieg in Syrien die Alleinverantwortung, ist jedoch ein ebenso stumpfes neoimperiales Ressentiment wie die Annahme, nur der Westen könne ihn beenden.

Wir müssen endlich verstehen: Der Syrienkrieg ist im Kern immer noch ein Bürgerkrieg des syrischen Volkes gegen seinen Diktator. Und kein Krieg der USA, kein Krieg Russlands, kein Krieg der Türkei.

4. Alle scheinen zu wissen: "Interventionen bringen nie etwas"

"Trumps Raketen werden Syrien keinen Frieden bringen", stellte die "Süddeutsche Zeitung" fest. Damit hat sie recht - und dennoch reicht ein einfaches dagegen sein dieser Tage nicht.

"Bild am Sonntag"-Chefredakteurin Marion Horn fasste den Reflex vieler Deutscher in ihrem Kommentar treffend zusammen: "Eine Woche vor Ostern, dem höchsten christlichen Fest, machen wir das, was wir am besten können: dagegen sein und raushalten."

Die pseudo-pazifistische "Ist doch alles zwecklos"-Haltung, die viele linke Kommentatoren dabei gerade an den Tag legen, ist fatalistisch und unmenschlich.

Sie suggeriert: Weil Interventionen in der Vergangenheit - etwa im Irak - auf lange Sicht gescheitert sind, sollten wir uns lieber überhaupt nicht mehr einmischen. Wer so denkt, während Assad mutmaßlich Kinder vergast, sollte sich ernsthaft fragen, wer hier unmenschlich handelt. Die USA oder diejenigen, die ihren blanken Nihilismus hinter dem Deckmantel des Friedens verstecken.

Wir sollten anfangen, aus gescheiterten Interventionen zu lernen, wie es Militär und Akademiker in den USA übrigens seit Jahren versuchen.

5. Keiner äußert konstruktive Ideen

Denn: Konstruktive Ideen, wie es nun in Syrien weitergehen könnte, äußert fast niemand. Das Fazit, das immer wieder und überall gezogen wird: Die Situation ist ausweglos.

Michael E. O'Hanlon, Experte für Verteidigungspolitik beim Brookings Institute, machte in der US-Zeitung "USA Today" vor, dass es auch anders geht.

In seinem Kommentar schreibt er, Trumps Luftschlag könne zu einer politischen Lösung führen. Wie er sich die vorstellt, skizziert er kurz und pointiert: Mehr Zusammenarbeit mit Kurden und moderaten sunnitischen Gruppen auf syrischem Boden, zwei voneinander getrennte kurdische Schutzzonen im Norden des Landes, Hilfsleistungen für den Wiederaufbau dieser autonom regierten Zonen.

Natürlich ist das eine Idealvorstellung, für die Trump große Hindernisse zu überwinden haben würde. Aber es ist immerhin eine Vorstellung, wie es weitergehen könnte.

Ohne Verschwörungs-Tamtam und pauschale Schuldzuweisungen.

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(jg)

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