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Wisch und weg - wieso ich die Frau meines Lebens nicht über das Internet kennenlernen will

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MAN WITH SMARTPHONE
Klaus Vedfelt via Getty Images
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Jemanden kennenzulernen ist heute unglaublich einfach. Theoretisch jedenfalls.

Unserem digitalen Zeitalter haben wir es zu verdanken, dass mittlerweile wenige Klicks oder sogar ein simples Wischen über das Display unseres Smartphones genügen, um unser Interesse an einer anderen Person zu bekunden oder selbige in das Reich derjenigen zu verbannen, deren erster Eindruck uns schlichtweg nicht zugesagt hat.

Um viel mehr als ebendiesen ersten Eindruck geht es schließlich nicht, wenn wir darüber entscheiden, ob wir über die oberflächliche Begutachtung hinausgehen und tatsächlich mehr über jemanden erfahren möchten, als knappe Beschreibungen und steckbriefartig aufgelistete Informationen hergeben.

Was oberflächlich erscheinen mag, unterscheidet sich jedoch im Wesentlichen nicht von unserem Verhalten in alltäglichen Situationen des "echten" Lebens, in denen wir ebenso darauf vertrauen müssen, mit möglicherweise einem einzigen Blick die subjektive Attraktivität eines anderen Menschen einschätzen zu können.

Aufpolierte Bilder können nicht den Geruch oder den Klang einer Stimme ersetzen

Selbstverständlich spielen in diesen Momenten noch andere Aspekte eine Rolle. Bearbeitete und mithilfe von Filtern aufpolierte Bilder können in keiner Hinsicht die Mimik und Gestik, den Geruch oder den Klang einer Stimme ersetzen.

Insofern berauben uns Datingportale gewissermaßen einer Vielzahl von Möglichkeiten, die unsere multimodale Wahrnehmung grundsätzlich bietet und die durch ein paar zumeist wenig aussagekräftige Fakten nicht ausgeglichen werden können.

So würden wir im Club oder im Café eventuell eine Person, deren Profil uns geradezu umgehauen hätte, vollkommen ignorieren.

Ebenso könnten wir von dem tatsächlichen Auftreten und der Ausstrahlung einer anderen Person auf Anhieb fasziniert sein, während die hochgeladenen Fotos uns nur aufgrund ihrer eigentlichen Unscheinbarkeit zwischen all den hochauflösenden und professionell anmutenden Portraits aufgefallen wären.

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Kommt es dann tatsächlich zur Kontaktaufnahme und einem Gespräch, das diese Bezeichnung verdient und nicht aus von Floskeln durchzogenem Smalltalk besteht, so müssen wir uns stets der Tatsache bewusst sein, dass wir wahrscheinlich nur einer unter vielen sind. Vielleicht haben wir in der Tat ernsthaftes Interesse geweckt.

Womöglich sind wir aber auch nur einer unter zahlreichen Namen, zu denen jemand, der sich im gleichen Moment zuhause auf der Couch, in der Uni, Bahn, der Kantine oder dem Büro befindet, beim Aufblinken der Nachricht noch einmal rasch das Profil öffnen muss, um sich in Erinnerung zu rufen, wer dort gerade auf ein paar Sekunden ungeteilter Aufmerksamkeit hofft.

Ein derartiges Treffen gleicht einem Bind-Date

Mit dieser Ungewissheit müssen wir zwangsläufig leben, wenn wir uns in die undurchsichtigen Gefilde der Partnerbörsen und Datingapps begeben.

Und wir müssen uns fragen, ob uns der eventuelle Druck, aus der Masse möglicher Bekanntschaften oder Partner herauszustechen, nicht einen Teil unserer Authentizität nimmt.

Falls es letztlich auf ein persönliches Treffen hinausläuft, so ist dessen Ausgang angesichts der bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich über das Smartphone, das Tablet oder den Laptop stattgefundenen Kommunikation überaus ungewiss.

Inwieweit entspricht diese lebendige, fröhlich lachende oder uns kritisch musternde Person dem Menschen hinter den Worten, in den wir bis dahin eine unüberschaubare Auswahl an Eigenschaften hineinprojizieren konnten?

Sehen ihre Sommersprossen so süß aus wie auf ihren Bildern? Ist er wirklich der begeisterte Hobbykoch? Ist sie so ansteckend optimistisch wie sie am Telefon geklungen hat? Singt er wirklich lauthals mit, sobald er einen Springsteen-Song hört? Trägt sie die Snapchat-Hundeohren auch in der Öffentlichkeit?

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Obwohl man sich theoretisch bereits über alles Erdenkliche ausgetauscht haben kann, gleicht ein derartiges Treffen doch einem Blind Date.

Denn was wissen wir schon über eine Person, der wir noch nie von Angesicht zu Angesicht gegenübergetreten sind? Das kann aufregend sein, ohne Frage, aber auch in beidseitiger oder, vielleicht noch schlimmer, einseitiger Enttäuschung enden.

Weshalb der Zauber fehlt

Manch einer mag jetzt argumentieren, dass wir uns ebendieser Problematik auch dann stellen müssen, wenn wir auf der Straße auf die Frau zugehen, die zwischen ihren Freundinnen heraussticht, weil sie kein Levis-Shirt oder eine High Waist Jeans trägt, uns in der Bar neben den charmant lächelnden Typen mit den verwuschelten Haaren setzen oder ein ungezwungenes Gespräch in der Schlange beim Bäcker beginnen.

Das stimmt selbstverständlich, auch in derartigen Situationen können unsere Erwartungen enttäuscht werden, die wir uns aufgrund des anziehenden Äußeren innerhalb von Sekunden aufgebaut hatten.

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Auch kann der Umstand, dass es wesentlich weniger Überwindung kostet, jemandem eine getippte Nachricht zu schicken als wortwörtlich den ersten Schritt auf eine Person zuzugehen, als durchaus positiv beurteilt werden.

Zur gleichen Zeit vermisst man jedoch nicht nur den Nervenkitzel sondern noch etwas viel Wesentlicheres, um das ich, wenn ich ehrlich bin, all jene Generationen ein wenig beneide, die noch gänzlich ohne Smartphone, Messenger-Dienste und Datingportale aufgewachsen sind: den Zauber der ersten Begegnung.

Das erste schüchterne Lächeln, das man einem bis zu genau diesem Augenblick vollkommen fremden Menschen schenkt.

Den Moment, in dem sich die Augen zweier Fremder nur für den Bruchteil einer Sekunde treffen und schließlich aneinander haften bleiben. Die völlige Ungewissheit und unerlässliche Aufgeschlossenheit, mit der man dieser Person gegenübertritt.

Die Tatsache, dass man sich nur persönlich oder über ein Telefonat für ein nächstes Treffen verabreden konnte. Das Gefühl, nicht bloß einer unter vielen zu sein. Denn genau darum geht es mir persönlich.

Die Suche nach dem besonderen Moment

Bis hierhin mag das alles sehr kritisch klingen. Zweifellos bringen die unzähligen Portale und Apps, unabhängig davon nach welchem Prinzip sie funktionieren und auf welchen Algorithmen sie aufbauen, eine ganze Reihe an Vorteilen mit sich und bieten eine exzellente Möglichkeit, Menschen auch außerhalb eines gewissen Umkreises und den sozialen Kontexten kennenzulernen, in denen man sich üblicherweise aufhält.

Viele haben auf Grundlage dessen neue Freunde gefunden. Einige einen Partner oder eine Partnerin. Manch einer sogar die große Liebe. Demzufolge verurteile ich keinen einzigen der Millionen von Nutzer.

Im Gegenteil, ich war und bin Teil von ihnen. Ich betrachte derartige Singlebörsen als Chance, als großartige Möglichkeit mit anderen in Kontakt zu treten und freue mich über jeden Menschen, den ich auf diese Weise schnell und unkompliziert kennenlernen darf.

Doch wenn ich ehrlich bin, möchte ich die große Liebe, sollte es sie denn geben, nicht auf Tinder finden.

Auch nicht bei Badoo, Elitepartner, Friendscout24 oder Parship. Ich möchte dieser Person zufällig am See begegnen, im Café, auf einem Konzert, im Kino oder in einer Bar. Es mag albern klingen, aber ich suche diesen besonderen Moment, dieses unkontrollierbare Gefühl "geflasht" zu werden, fasziniert zu sein von dem ersten Anblick eines Menschen, den Worten, die ihre Lippen formen, dem Klang ihrer Stimme, den Gedanken, die sich dahinter verbergen.

Ich möchte ihr in die Augen sehen, wenn sie von Dingen erzählt, die sie liebt

Ich möchte ihr in die Augen sehen, wenn sie von den Dingen erzählt, die sie liebt und von den Träumen, die sie sich erfüllen möchte.

Ich möchte sie nicht intuitiv mit einem ihrer Bilder vergleichen, mit der Vorstellung von ihr, die sich aus Fotos und Textnachrichten wie ein Mosaik zusammengesetzt hat.

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Vielleicht kommt am Ende alles anders und ich werde eines Besseren belehrt, wer weiß das schon.

Doch zum jetzigen Zeitpunkt ist es ein anderer Gedanke, der mich in dieser Hinsicht bestärkt: Ich möchte nicht mit der Befürchtung leben, die Frau meines Lebens mit dem reflexartigen Zucken meines Daumens versehentlich einfach weggewischt zu haben.

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