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"Instagram ist das Make-up fürs Leben": Warum wir online nicht unser wahres Gesicht zeigen

20/05/2017 16:06 CEST | Aktualisiert 20/05/2017 16:06 CEST
lechatnoir via Getty Images

Jeder kennt es, die meisten haben es. Instagram ist die wohl bekannteste und am meisten genutzte Plattform, um sein Leben in Form von Bildern und Videos mit seinen Freunden und, wenn man denn möchte, mit der ganzen Welt zu teilen.

In gewisser Regelmäßigkeit erwische ich mich selbst dabei, wie ich angesichts der unzähligen Aufnahmen traumhafter Strände, wohldefinierter Körper, extravaganter Partys, dem obligatorischen Mittagessen beim 5-Sterne-Italiener um die Ecke und den nahezu einwandfrei abgelichteten "spontanen" Schnappschüssen direkt nach dem Aufstehen, beim letzten Festival oder Shoppingtrip ein wenig neidisch werde.

Unsere Instagram-Profile zeigen,

wer wir gerne wären

Gerade die Prominenten und Personen des öffentlichen Lebens sowie diejenigen, die es gerne wären, beherrschen das Spiel mit den Filtern, Posen und Hashtag in Perfektion, sodass man beinahe dazu verleitet wird, an die angebliche Spontaneität und Authentizität dieser Bilder zu glauben.

Doch wenn man ehrlich ist, auch zu sich selbst, sollte man sich besonders als aktiver Nutzer eingestehen, dass Instagram vor allen Dingen der Selbstdarstellung dient.

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Wir teilen die Dinge, die uns zu einem gewissen Grad erfüllen, die wir genießen, an deren Schönheit und Einzigartigkeit wir uns erfreuen, ja die wir vielleicht sogar lieben.

Nicht nur das, wir hoffen auch, dass andere ebenjene Erlebnisse, die zahlreichen besonderen Momentaufnahmen in einem kontinuierlichen Fluss alltäglicher Gegebenheiten, bewundern, dass sie teilnehmen an unserem Leben oder wenigstens an den Abschnitten, die wir öffentlich zu präsentieren bereit sind.

Instagram soll anderen Menschen zeigen, wer wir sind und möglicherweise gelingt uns dies mithilfe von Fotografien, kurzen Texten und Symbolen zumindest im Ansatz.

Doch genau wie andere Plattformen, auf denen wir uns und unser vermeintliches Leben einem geradezu unüberschaubaren Publikum preisgeben, gibt die App nicht bloß Einblick in unseren Alltag und die Person, die wir sind.

Nein, vielmehr offenbaren wir anhand unserer Posts, wer wir gerne wären. Das Medium stellt gewissermaßen eine Schnittstelle zwischen unserem wahren und unserem idealen Selbst dar, die vor allem für Außenstehende und all diejenigen, die uns nicht persönlich kennen, zu verblassen scheint.

Das Make-up fürs Leben

An diesem Punkt neigt man schnell dazu, zu vergessen oder zu verdrängen, dass all diese geteilten Augenblicke nichts anderes sind als genau das: ein Wimpernschlag, das Produkt technischer Möglichkeiten und Fertigkeiten, Blickwinkel, Location und einem Gespür für massentaugliche Ästhetik, oder anders gesagt: nur die Hälfte der Wahrheit. Wenn überhaupt. Vielleicht auch nur ein Bruchteil dessen.

Instagram ist gewissermaßen Make-up für das Leben. Abgesehen von der Tatsache, dass ohnehin fast ausschließlich all die schönen Dinge Teil unseres Profils werden dürfen, sorgt im Zweifel stets ein Filter für den entsprechenden Feinschliff.

Doch für ein jedes dieser unzähligen Leben (na gut, genau genommen sind es mittlerweile über 700 Millionen) gilt diesbezüglich das Gleiche wie für Frauen: Schönheit definiert sich nicht durch Make-up, nicht durch die bloße Optik, sondern beinhaltet noch so viel mehr: Charisma, Authentizität, Ehrlichkeit, Offenheit und und und...die Auflistung ließe sich an dieser Stelle wohl noch lange fortsetzen.

Auch ohne Make-up und trotz oder gerade aufgrund vermeintlicher Makel sind Frauen so wunderschöne Geschöpfe. Und auch ohne Filter sieht das Leben vieler von uns wahrscheinlich gar nicht so schlecht aus.

Hinter den Kulissen

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch wenn ein überwiegender Teil der Nutzer diesen Anschein zu erwecken versucht, sollte man sich nicht blenden lassen, sondern sich, während man sich durch die aktuellsten Aufnahmen scrollt und möglicherweise ab und an die eigene Existenz sowie den eingeschlagenen Berufsweg hinterfragt, ebendieser Maske bewusst sein, die Routine, Gewohnheit und Alltag gekonnt hinter hochauflösenden Karikaturen unseres tatsächlichen Lebens versteckt.

Auf Instagram ist nun einmal kein Platz für Tränen, für Trennungen, für Steuererklärungen, Rechnungen und das allererste Blinzeln nach dem Aufwachen.

Das ist auch in Ordnung, denn obgleich Plattformen, die derart tiefe Einblicke in unser wahres oder möglicherweise ideales Selbst geben, wenig Raum für die Schattenseiten des Lebens bieten (und glaubt mir, diese Seiten kennt jeder), schaffen es auch andere nicht minder bedeutsame Erlebnisse und Erfahrungen auf das durchschnittliche Profil.

Ebenso wenig, wie Instagram die Trauer über die letzte Trennung sieht, erlebt es den Moment des ersten Kusses, jenen magischen Augenblick, in dem sich die Lippen zweier Menschen, die vielleicht seit Jahren darauf warteten, zum allerersten Mal berühren.

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Die App hört nicht den Klang der von Ehrlichkeit und Dankbarkeit durchzogenen Worte, die wir den Menschen, die wir lieben, in stillen Sekunden widmen, nicht das Lachen unserer Freunde, während man zusammen durch nächtliche Straßen streift. Instagram verspürt nicht das Gefühl von Nervosität vor einem ersten Date oder Bewerbungsgespräch oder das Kribbeln im Bauch, wenn man sich neu verliebt. Und das ist gut so.

Gerade diese Momente, die ganz alleine uns gehören, die es nicht auf Fotos schaffen, sondern lediglich in unsere Erinnerungen, sind häufig diejenigen, die am wertvollsten sind. Wertvoller als ein paar Likes oder freundliche Kommentare.

Denn zu genau diesen Zeitpunkten benötigt das Leben keine Hashtags, keine Filter und erst recht kein Make-up.

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