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Der Zauber der Kindheit - und weshalb wir ihn uns bewahren sollten

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Elva Etienne via Getty Images
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In etwa zwei Wochen ist es soweit. Ich zähle die Tage (zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Artikel verfasse, sind es noch genau 15). Ich zähle die Tage, wie ich es früher getan habe, vor meinem Geburtstag, dem Weihnachtsabend, dem letzten Schultag vor den Sommerferien.

In etwa zwei Wochen läuft die Neuverfilmung von Stephen Kings zeitlosem Meisterwerk „Es" in den deutschen Kinos an und während die Zuschauer in den Vereinigten Staaten trotz des verheerenden Hurrikans „Irma" in rekordverdächtiger Anzahl in die Filmpaläste strömen, müssen sich die Fans des Horrors hierzulande noch ein wenig gedulden.

Pünktlich zu diesem Ereignis, dem wohl insbesondere die Leser des weltbekannten Autors in heller Erwartung entgegenfiebern, habe auch ich mich in die über 1500 Seiten umfassende Geschichte jener sieben Kinder um Bill Denbrough vertieft, die in der Kleinstadt Derry im Bundesstaat Maine den Kampf gegen das namenlose Böse aufnehmen, welches ihnen als physische Manifestation ihrer Ängste unter anderem in der Gestalt des grausamen Clowns Pennywise gegenübertritt.

Wer an dieser Stelle glaubt, Stephen King hätte über vier Jahre hinweg lediglich eine Horrorgeschichte verfasst, die so schockierend ist, dass sie auch drei Jahrzehnte nach Veröffentlichung der Erstausgabe ihre Leser den Atem anhalten und die Kinobesucher in ihren gepolsterten Sesseln zusammenzucken lässt, hat weit gefehlt.

Von Fantasie und Magie

Es war nicht bloß Kings unnachahmlicher Schreibstil, der mich das Buch kaum aus der Hand legen ließ. Es waren auch nicht ausschließlich jene aufgrund ihrer Detailliertheit unglaublich bildhaft geschilderten furchterregenden Ereignisse in Derry, deren Ursprung in jenem Grauen lag, das King schlicht und einfach als „Es" bezeichnete, die das Werk zu einem Klassiker seines Genres machten.

Nein, „Es" ist mehr als eine Geschichte zum Gruseln, mehr als über 1500 kurzweilige Seiten, die sicher schon manchem Leser den nächtlichen Schlaf raubten und ihn mit wachsamem Blick und eiskalten Händen in den strömenden Regen starren ließen, der in undurchdringlicher Dunkelheit gegen geschlossene Fensterscheiben trommelt und vielleicht irgendwo ein mit Paraffin überzogenes Papierboot durch Stromschnellen gleichende Rinnsteine treibt.

„Es" handelt vielmehr von dem unsichtbaren Band freundschaftlicher Liebe und bedingungslosem Vertrauen, von der Macht kindlicher Überzeugung, dem Glauben an das Übernatürliche und Irrationale, von Fantasie und Magie. Und von deren Verblassen, deren Verschwimmen und Verschwinden.

„Es" handelt auch vom allmählichen Vergessen, von der Rationalität und Realität erwachsenen Denkens, in welchem Logik und Vernunft jene Kindern so eigene Vorstellungskraft und jenen unerschütterlichen Glauben an das Magische verdrängen, ersetzen oder sogar auslöschen.

Und wenn wir uns alle einmal besinnen und an unsere Kindheit, die, jedenfalls in meinem Fall, noch gar nicht allzu weit zurückliegt, erinnern, so müssen wir uns eingestehen, dass auch wir einen Teil dieser wunderbaren Naivität eingebüßt haben, die uns an den Weihnachtsmann und den Osterhasen und an die Monster unter unserem Bett glauben, die uns aus Kissen und Decken Höhlen und aus ein paar Brettern und Ästen im Wald ein Fort erschaffen, die uns Staudämme und Sandburgen bauen und für einen Nachmittag dieser Fußballstar sein ließ, dem wir in unseren ungeschickten Bewegungen nacheiferten.

Als Kind hat ein jeder von uns daran geglaubt, eines Tages die Welt verändern zu können. Als Kind hatte man das Gefühl, unbesiegbar zu sein, ewig leben zu können, man strotzte vor Energie und Furchtlosigkeit.

Als Kind scheint man felsenfest davon überzeugt zu sein, dass alles gut wird, Schmerz vergänglich und keine Sorge von langer Dauer zu sein scheint, dass nicht nur unsichtbare Wesen, sondern auch mit den Sinnen nicht erfassbare Mächte und vielleicht sogar die wahre Liebe existieren und dass alles lediglich eine Frage des Glaubens ist.

Vergessen ist keine Notwendigkeit

Je älter wir werden und je mehr wir reifen, je öfter und intensiver wir uns mit alltäglichen Pflichten, Bürokratie, Rechnungen, der Wohnungssuche, der Arbeit oder dem Studium auseinandersetzen, desto häufiger sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, woher wir eigentlich kommen, wer wir einmal waren und weshalb unsere Kindheit eine so prägende, kraftvolle und lehrreiche Zeit war.

Je älter wir werden, desto mehr können wir von Kindern lernen, von uns selbst, von einem jüngeren Ich.

Wir müssen erwachsen werden und reifen und diesen alltäglichen Pflichten nachgehen, uns mit lästiger Bürokratie, Rechnungen, der Wohnungssuche, der Arbeit oder dem Studium auseinandersetzen, daran besteht keinerlei Zweifel.

Allerdings denke ich auch, dass das Vergessen keine Notwendigkeit darstellt, dass Glaube und Vorstellungskraft, Fantasie und Magie immer noch von Bedeutung sind. Sie bieten kreative Lösungen an, stärken unser Vertrauen in uns selbst und andere, reduzieren unsere Sorgen und wirken unseren Ängsten entgegen.

Der Zauber existiert

Häufig ist es doch unser eigenes Denken, dass uns zurückschrecken lässt, das zwischen dem steht was wir sind und besitzen und dem, was wir zu sein hoffen und erstreben.

Warum sollten wir nicht immer noch an die wahre Liebe glauben, nicht immer noch furchtlos sein, nicht immer noch die Welt verändern oder sie jedenfalls ein Stück weit besser machen können? Warum sollten wir nicht ab und an unseren Träumen und Wünschen nachhängen, uns nicht gelegentlich fragen dürfen, „was wäre, wenn...?", nur um ebendiesen Hoffnungen im nächsten Augenblick einen Schritt entgegenzugehen?

In Stephen Kings Roman treten die Kinder, die im Verlauf der Geschichte zu Erwachsenen heranreifen, dem namenlosen Bösen auf den ersten Blick unbewaffnet gegenüber.

Ihre Kraft liegt einzig und allein in ihrer Freundschaft und Liebe, in ihrem gegenseitigen Vertrauen und der Rückbesinnung auf die Macht der kindlichen Überzeugung.

Und so verweist Stephen King bereits in seiner anfänglichen Danksagung auf die wesentliche und so bedeutungsvolle wie zeitlose Botschaft seines Buches, die für jeden uns früher selbstverständlich war und auch heute noch genauso gilt:
Der Zauber existiert.

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