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Sorry liebe Männer, ich bin nur mit euch ausgegangen, damit ich was Gutes zu essen bekomme

27/11/2017 12:29 CET | Aktualisiert 27/11/2017 14:28 CET
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Ich sitze mit Steve im Restaurant, versuche, mein Schnitzel nicht zu schlingen, sondern dezent genüsslich zu essen. Dennoch fällt mir Kommunikation während des Essens schwer, denn das ist meine erste und einzige warme Mahlzeit diese Woche.

Als die Kellnerin abkassiert und fragt, ob wir zusammen oder getrennt zahlen, halte ich kurz die Luft an. Steve reagiert sofort und übernimmt die Rechnung, mein Adrenalin sinkt. Glück gehabt, mal wieder.

Die 200 Euro für den Englischkurs der Kinder habe ich gestern überwiesen. Es ist Mitte des Monats und ich habe noch 30 Euro für die nächsten zwei Wochen.

Fest steht, dass ich die Kinder damit versorgen kann, denn ihr Mittagessen bekommen sie in der Tagesbetreuung. Somit brauche ich mich lediglich um Frühstück, Abendessen und Snacks zu kümmern. Ich weiß, dass ich das schaffe. Nur - für mich wird es nicht reichen.

Als der Vater der Kinder uns verlassen hat, habe ich mir geschworen, dass die Kinder deswegen keine Abstriche machen sollen. Es ist hart genug, dass sie dieser neuen Situation ausgesetzt sind, dass sie ihre gewohnte stabile Familie verloren haben.

Seit er weg ist, kommen sie jede Nacht zu mir ins Bett. Sie haben Verlustängste - die Angst, dass auch ich gehen könnte. Immer wieder versichere ich ihnen, dass das niemals passieren wird; doch lange haben sie auch geglaubt, dass der Papa niemals aus ihrem Alltag verschwindet. So bleibt ein Restzweifel.

Die Wohnung ist viel zu teuer

Deswegen versuche ich ihnen nicht noch mehr zu nehmen. Die Wohnung ist viel zu teuer; mit zwei Verdienern war sie bezahlbar. Doch nun frisst sie mein komplettes Gehalt, schließlich kann ich nur in Teilzeit arbeiten.

Dennoch habe ich keinen Anspruch auf Unterstützung, denn dazu verdiene ich offiziell zu viel. Selbst wenn ich einen Umzug in Erwägung ziehe, könnte ich es mir nicht leisten - denn auch das kostet Geld, welches ich nicht habe.

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Bin ICH mal auf einem Geburtstag eingeladen, überlege ich dreimal, ob ich hingehe; ein Geschenk für 10 Euro würde bereits mein Budget übersteigen, also sage ich ab. Oft bringe ich es gar nicht übers Herz, sodass ich an dem Tag behaupte, eines der Kinder sei krank.

Die Kinderbetreuung, Versicherungen, Sprit, Telefon und zusätzlich die Hobbys der Kinder, das leibliche Wohl sowie neue Kleidung für die Mäuse nicht zu vergessen - all das scheint selbstverständlich.

Ich habe ein schlechtes Gewissen

Doch Fakt ist, dass ich seit einigen Monaten mit einem schlechten Gewissen leben muss.

Denn ich verabrede mich mit Männern, die ich über eine Dating-Plattform finde, nicht, um sie tatsächlich kennen zu lernen, sondern um ein gutes Essen zu ergattern.

Einmal pro Woche holt mein Ex die Kinder ab, um zwei Stunden mit ihnen zu verbringen - diese Zeit nutze ich.

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Ich mache meinen Dates vor, die zu sein, die sie suchen. Eine Affäre, eine Geliebte, die potenzielle neue Freundin. Abstrakte Vorlieben?! Welch Zufall - die habe ich auch! Ich erwähne schicksalhafte Fügung oder den glücklichen Zufall. Und es tut mir leid.

Denn ich weiß, ich bin nicht die, die sie suchen. Ich weiß auch, dass ich dafür gar keinen Kopf hätte. Weil mein Kopf ist damit beschäftigt, den Monat so rum zu bekommen, dass meine geliebten Kinder nicht spüren, dass ich kämpfe.

Die Männer waren toll

Tatsächlich versuche ich, die vermeintlichen Arschlöcher zu finden, die es auch mal verdient haben, ausgenutzt zu werden. Aber immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mit diesem Gedanken versuche, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Denn seien wir mal ehrlich, wie sollte ich das nach wenigen Nachrichten einschätzen können.

Rückblickend auf die zahlreichen Dates, die ich hatte, kann ich sagen, dass ich wirklich tolle Männer kennenlernen durfte. Und ich möchte mich einfach dafür entschuldigen, dass sie gar nicht die Chance hatten, mehr zu sein als Mittel zum Zweck. Es tut mir leid.

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Vielleicht tröstet es euch zu wissen, dass es sich anfühlt wie Prostitution, auch wenn ich nicht mit einem von euch geschlafen habe. Vielleicht tröstet es euch zu wissen, dass ich es für meine Kinder mache, damit sie nicht noch mehr verlieren.

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