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Lena Waldhoff Headshot

Auf diesen Horror war ich nicht vorbereitet

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Die Organisation "Jugend Rettet" fährt mit ihrem Schiff "Iuventa" aufs Mittelmeer, um schiffbrüchige Flüchtlinge aus dem Wasser zu retten. Lena Waldhoff ist eine der Gründerinnen der NGO. Die meiste Zeit arbeitet die 25-jährige Studentin von Berlin aus für das Projekt, im Spätsommer war sie selbst mit auf dem Meer. Sie hat heftige Szenen erlebt - aber die wahre Herausforderung liegt für sie woanders.

Die Menschen schrien, hatten Todesangst, ruderten mit den Armen.

Ihr Schlauchboot verlor Luft, hing auf einer Seite schon tief im Wasser. Es war unfassbar voll, 150 Menschen, schwangere Frauen, Kinder, Schwerverletzte.

Ein Mitglied unserer 14-köpfigen Crew der "Iuventa" hatte das Boot mit dem Fernglas erspäht, ein weißer Strich am Horizont. Es war der letzte Einsatz unserer zehntägigen Mission im vergangenen September.

6500 Menschen gerettet

Wir haben allein an diesem Tag 150 Menschen in den internationalen Gewässern vor Libyen vor dem Ertrinken gerettet. Aufs ganze Jahr gerechnet waren es 6500.

Mehr zum Thema: Das ist der Grund, warum gerade so viele Flüchtlinge über das Mittelmeer kommen

jugend rettet
Die "Iuventa" läuft in der Regel mit 14 Mann Besatzung aus. Die Profis - der Kapitän, zwei Steuermänner, ein Arzt, ein Maschinist, der Missionsleiter - werden von Helfern ohne Seeerfahrung unterstützt

Eigentlich ist das, was wir da tun, Aufgabe der Europäischen Union. Aber sie ruht sich auf unserer Arbeit aus. Immer wieder ruft jemand an und fragt, wo und wann wir Einsätze planen. Ich bin so enttäuscht und wütend.

Die Haltung der EU ist für mich viel schlimmer als die Hasskommentare, die ich bekommen. Ich soll selbst verrecken und solche Sachen. Das trifft mich nicht. Es ist ja kein Hindernis für die Arbeit.

Die Haltung der EU ist für mich auch viel schlimmer als die dramatischen Szenen, die ich auf See erlebt habe.

Bei unserer Mission im September war ich als Kommunikatorin dafür zuständig, die Menschen als erste anzusprechen, sie mit Schlüsselwörtern wie "no coast guard", "doctor", "Germany", "help" und "Welcome to Europe" zu beruhigen.

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Horror statt Routine

Als der Kollege also jenes Schlauchboot mit den 150 Menschen entdeckt hat, dachte ich, es wäre alles wie die Tage zuvor, Routine eben. Helm und Schwimmweste anziehen, mit zwei Beibooten zu den Flüchtlingen fahren und sie dann zu anderen Rettungsschiffen bringen, weil die "Iuventa" nicht für den Transport aufs Festland ausgelegt ist. Aber auf diesen Horror war ich nicht vorbereitet.

Erst aus der Nähe haben wir gesehen, wie wenig Zeit uns noch blieb. Noch während wir die Rettungswesten ausgeteilt haben, sind die ersten Menschen ins Wasser gefallen. Das Boot sank, noch bevor wir alle Menschen zu anderen Schiffen shutteln konnten.

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Die Boote mit den Flüchtlingen sind in der Regel so voll, dass die Leute kaum sitzen können. Wer zusammensackt, läuft Gefahr, erdrückt zu werden. Innen sammelt sich oft eine ätzende Mischung aus Benzin, Salzwasser und Urin

In unsere Beiboote passen nur zehn Menschen. Wir haben Rettungsinseln verwendet. Und haben es geschafft. Es ist niemand gestorben. Aber es war so knapp.

Dazu kam, dass mir sofort bei unserer Ankunft einer der Männer ein Baby zuwarf. Er hat es einfach so durch die Luft geworfen. Ich habe es gefangen - und sofort wieder zurückgegeben.

Wenn Eltern sehen, dass man so ihr Kind zuerst rettet, werfen sie ihre Kinder auch. Wenn da etwas schiefgeht, ist das Kind verloren. Und es kann sein, dass Eltern und Kinder im Chaos getrennt werden, für immer. Wir mussten unser Programm abspulen, Ruhe bewahren, um schnell vielen zu helfen. Aber als das Baby geflogen kam, da fiel mir das kurz sehr schwer.

Hasskommentare treffen mich nicht

Manche werfen uns vor, wir würden die Leute mit unseren Rettungsaktionen aufs Meer locken. Ich sehe da definitiv keinen Zusammenhang.

Die Menschen verlassen ihre Heimat nicht, weil wir da mit einem Schiff irgendwo vor der libyschen Küste herumfahren. Sondern weil sie zum Beispiel in Eritrea fünf Jahre Militärdienst ohne Perspektive geleistet haben, dann monatelang unterwegs waren und in Libyen Zwangsarbeit geleistet haben. Sie wollen einfach nur weg.

Was ich mir vorstellen kann ist, dass Schlepper unsere Hilfe einkalkulieren. Aber sie werden nie aufhören, Menschen aufs Meer zu schicken. Wir können die Menschen nicht einfach ertrinken lassen.

Mehr zum Thema: "Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer" - Flüchtlingsrettern schlägt Hass entgegen

Die blöden Kommentare erschrecken mit nicht so wie die Haltung der EU. Sie kümmert sich fast ausschließlich um Abschottung. Sie stattet die libyschen Behörden mit Schnellbooten und Waffen aus, damit sie gegen die Schlepper vorgehen.

Aber die Leute der libyschen Küstenwache, die dann in den Booten sitzen, haben oft nicht mal eine Ahnung, wie man ein Funkgerät bedient. Sie versuchen, Kontakt mit den Crews von Rettungsschiffen aufzunehmen, und wenn das dann nicht klappt, glauben sie, die Besatzung wolle nicht kooperieren und werden aggressiv.

Schüsse auf ein Rettungsschiff

Am 17. August hat die libysche Küstenwache mindestens 13 Warnschüsse auf ein Schiff von „Ärzte ohne Grenzen" abgegeben, einige Geschosse sind auf der Brücke eingeschlagen.

Wir haben deswegen unseren Panic Room für die Crew verstärkt und mehr Kommunikationsmittel eingebaut, damit wir im Notfall nicht völlig abgeschnitten sind.

Der Vorfall ist immer noch nicht ganz aufgeklärt, aber er zeigt, wie gefährlich die Verhältnisse auf See und wie chaotisch sie in Libyen sind. Und da will die EU Flüchtlinge zurückschicken? Das ist doch absurd.

Ich sehe nur eine Lösung: Die EU muss legale Möglichkeiten schaffen, um einzureisen und einen Asylantrag zu stellen. Ich höre oft, das sei utopisch. Aber anders geht es nicht.

Dieser Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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(jg)