BLOG

"Wir sehen uns vor Gericht" - ein Vater verklagt die Schule, weil er mit auf Klassenfahrt will

16/11/2017 11:02 CET | Aktualisiert 17/11/2017 11:57 CET

Klar: Alle Eltern ärgern sich über schlechte Zeugnisse, Schulverweise, verpatzte Abiturprüfungen oder darüber, dass ihre Kinder nicht auf die Wunschschule gehen können. Doch was macht man mit diesem Ärger? Man kann ihn abklingen lassen in dem Wissen, dass es schon irgendwie weitergehen wird. Oder man kann vor Gericht ziehen. Und das tun immer mehr Eltern.

"In den letzten zehn Jahren haben sich die Fallzahlen verdoppelt", berichtet Andreas Gleim, der die Rechtsabteilung der Hamburger Schulbehörde leitet. Er vertritt die Schulen der Hansestadt, Gegner sind häufig Eltern.

Einmal klagte eine Familie gegen das Zeugnis der Tochter, einer Viertklässlerin. "Ein wunderbares Zeugnis, nur Einsen und Zweien", erinnert sich Gleim. "Aber in den Bemerkungen stand: ›Du könntest dich noch mehr anstrengen im Sport.‹" Die Eltern zogen vor Gericht - nur wegen dieser Äußerung.

Oben im Video: "Eine Mutter schreibt einen Brief an die Schule und erklärt, warum ihre Tochter ab sofort keine Hausaufgaben mehr macht"

Die Richterin hatte das persönliche Erscheinen des Mädchens angeordnet. Das saß dann mit seinen zwei Zöpfen zwischen Vater, Mutter und Anwalt. Und der Vater sagte zur Richterin: "Mit einer solchen Bemerkung im Zeugnis würde ich dieses Kind nicht in meinem Betrieb einstellen."

Auch in Bayern sind so viele Eltern klagewütig, dass die Rechtsabteilung mittlerweile die größte Abteilung des Bayerischen Lehrerverbands ist. "Es ist schon tragisch, dass dies in einem pädagogischen Verband so ist", sagt Abteilungsleiter Hans-Peter Etter.

Eltern wollen durch Gang zum Anwalt das Zeugnis verbessern

Und es sind bei weitem nicht nur die Mamis und Papis von Gymnasiasten, die durch einen Gang zum Anwalt das Zeugnis verbessern wollen. Auch viele Grundschuleltern sind darunter, berichten Anwälte, die sich auf Schulrecht spezialisiert haben. Vorausgesetzt natürlich, dass sie das Geld haben - oder eine Rechtsschutzversicherung.

Auch in den Kanzleien treten einige Eltern dann sehr fordernd auf. Teilweise haben die Anwälte echte Probleme damit, den Müttern und Vätern klarzumachen, warum sie einen Fall nicht annehmen - zum Beispiel, weil sie merken, dass die Eltern sich einfach nur in den Unterricht einmischen wollen und die Lehrer für Idioten halten. Oder wenn eine Klage einfach keine Aussicht auf Erfolg hat.

"Es gibt Mütter, die zu uns kommen, weil ihr Kind eine bestimmte bilinguale Klasse nicht erreicht hat, und die sagen: ›Wenn mein Kind nicht in der Grundschule Chinesisch lernt, was soll dann aus ihm werden?‹", berichtet ein Jurist.

"Eine Mutter sagte neulich zu mir: ›Ich bin so sauer, klagen Sie!‹", berichtet ein anderer. Aber Wut sei ein schlechter Ratgeber. Denn: Die Kinder müssen am nächsten Tag noch im Unterricht sitzen - und eine gestörte Beziehung zum Lehrer hat schlimmere Folgen als eine Drei minus.

Mehr zum Thema: Ich therapiere Kinder, die nicht in die Schule gehen wollen - es werden mit jedem Jahr mehr

Eine Anwältin erzählt, dass immer häufiger Eltern zu ihr kommen, deren Kinder - meistens seien es Jungs - als Strafmaßnahme vom Unterricht oder einer Klassenreise ausgeschlossen worden sind. Die Eltern wollen dann, dass die Schule das zurücknimmt.

"Und dann schaue ich in die Schülerakte und sehe: Der Junge baut ständig Mist, das geht schon seit Jahren so, die Maßnahmen sind also begründet", erzählt die Juristin. Solchen Eltern rät sie dringend davon ab, einen Widerspruch einzulegen oder auch nur ein Anwaltsschreiben an die Schule zu schicken.

Eltern machen Lehrer systematisch fertig

"Denn das kostet nicht nur Geld und Zeit, sondern ist für den Schüler immer problematisch." Zudem ist es gar nicht so leicht, bestimmte Noten juristisch zu erzwingen. Denn kein Richter entscheidet darüber, ob ein Aufsatz mit einer Zwei oder Drei richtig bewertet ist.

Es geht vor Gericht nur um Formalitäten. Und deshalb versucht diese Art von Eltern, die Lehrer zu überlisten und systematisch fertigzumachen. "Sie passen genau auf, ob ein Lehrer zum Beispiel im Unterricht mit dem Handy telefoniert hat oder ob er Probearbeiten oder andere Aufgaben rechtzeitig angekündigt hat", sagt Chefjustitiar Etter.

Andere Eltern vergleichen die Klausuren ihres Kindes mit denen anderer Kinder, durchforsten Probearbeiten als "Beweise", prüfen bei jeder Fragestellung, ob die Formulierung kindgerecht ist, oder schreiben neben eine vom Lehrer gestellte Aufgabe: "Was für eine saudumme Frage!"

Oder sie fordern eine genaue Dokumentation, wie eine mündliche Note zustande gekommen ist - mit Datum und Themenbezug. Lehrer, die sich zum Beispiel für mündliche Noten nicht alles detailliert aufgeschrieben haben, bekommen da schnell ein Problem.

Hinzu kommt laut Etter, dass die Vorgesetzten sich häufig nicht hinter sie stellen, weil sie fürchten, ihre Schule könnte in einem schlechten Licht dastehen. Neben Klagen vor Verwaltungsgerichten nutzen Eltern diverse weitere Möglichkeiten, um juristisch gegen die Lehrer ihrer Kinder vorzugehen: Rechtsbehelfe, Beschwerden, Dienstaufsichtsbeschwerden, Strafanzeigen.

Manche Eltern versuchen es sogar mit Erpressung

Es gibt Eltern, die zur Elternsprechstunde einen Anwalt mitbringen. Es gibt Anwälte, die ihre Schreiben den Lehrern umgehend in Rechnung stellen. Oder die es gleich mit Erpressung versuchen: "Uns ist bekannt geworden, dass Sie ein Kind gezüchtigt haben", steht dann in einem Anwaltsbrief an eine Lehrkraft. "Überweisen Sie umgehend 500 Euro auf das Konto des Roten Kreuzes, dann ist die Angelegenheit für uns erledigt."

Mehr zum Thema: Wie überfürsorgliche Eltern ihren Kindern langfristig schaden

Der Lehrerverband rät von solch einer Überweisung dringend ab, berichtet Etter, denn das könne später vor Gericht als Schuldeingeständnis gewertet werden. Weitere besonders groteske Fälle und Gespräche, die Juristen mit Eltern erlebt haben:

Wer hat hier das Hausrecht?

Ein Lehrer besuchte mit einer Mittelstufenklasse abends ein öffentliches Konzert. Ein Schüler benahm sich völlig daneben und störte die Aufführung. Daraufhin forderte der Lehrer den Jungen auf, den Konzertsaal zu verlassen.

Später ging der Vater des Schülers gegen den Lehrer vor, mit der Begründung: Er habe nicht das Recht gehabt, den Teenager des Saales zu verweisen; das könne nur der Intendant tun, der dort das Hausrecht habe - was im Übrigen nicht mal stimmt.

Papa will mit auf den Ausflug

Ein Vater zog vor ein Verwaltungsgericht, weil er unbedingt beim Klassenausflug seines Kindes dabei sein wollte. Das Gericht erlaubte es ihm trotzdem nicht. Armer Papi - voll ausgegrenzt. Dabei wollte er doch nur mitspielen.

Am Arm angefasst = Körperverletzung?

Eine Lehrerin verwies einen störenden Schüler des Klassenraums, der Schüler ging aber nicht. Die Lehrerin nahm ihn daraufhin am Oberarm und führte ihn aus der Klasse. Die Eltern zeigten danach die Lehrerin an - wegen Körperverletzung im Amt. Das Gericht urteilte jedoch: Das war keine Körperverletzung, das war tolerabel.

Das melde ich der Presse!

Ein Vater wollte eine Entscheidung der Schulbehörde partout nicht akzeptieren und forderte seinen Anwalt immer wieder auf, die regionale Presse einzuschalten. Zudem solle die Kanzlei doch bitte den Kultusminister einbeziehen. "Dieses Mandat war angesichts der Kommunikation mit den Eltern recht schwierig", erzählt der Anwalt. "Immer wieder mussten wir betonen, dass die Rechtsmittel gesetzlich vorgegeben sind - und nicht ausgehebelt werden können, indem wir den Kultusminister kontaktieren."

2017-06-20-1497957385-7066081-HuffPost1.png

Erste Worte, erstes Durchschlafen - und der erste Kita-Platz: All das ist Thema in unserer Eltern-Gruppe bei Facebook. Meldet euch hier an.

Abiturprüfung verhauen? Nicht mit Papa!

Ein Schüler erhielt für seine Präsentation in der Abiturprüfung im Fach Geographie nur eine Fünf. Sein Vater suchte daraufhin juristischen Beistand, weil er der festen Überzeugung war, dass sein Sohn die Prüfung hätte bestehen müssen - schließlich war sein Sprössling ein Jahr zuvor Sieger beim Bundeswettbewerb "Jugend forscht" im Bereich Geographie geworden.

In den zahlreichen Beratungsgesprächen legte der Vater den Juristen immer wieder den Zeitungsausschnitt über den Sieg beim Bundeswettbewerb vor. "Auch warf der Vater der Schule vor, seinen Sohn in der Prüfung gemobbt zu haben, was nachweislich nicht den Tatsachen entsprach", so der Anwalt. Es sei "äußerst schwierig" gewesen, dem Mann zu vermitteln, dass eine Prüfungsanfechtung in diesem Fall wohl keinen Erfolg gehabt hätte.

In all diesen Fällen bekamen die Eltern nicht recht. Die folgenden sind nicht minder abstrus - doch die Erziehungsberechtigten konnten sich durchsetzen:

Suizidgefahr wegen falscher Grundschule

Wenn ihre Kinder von der Schulbehörde einer vermeintlich falschen Grundschule zugewiesen werden oder in der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung erhalten, bekommen viele Eltern Schnappatmung. Einige beruhigen sich wieder und sagen sich: Es gibt auch andere gute Schulen.

Andere suchen sich einen Anwalt. "Die Eltern der betroffenen Kinder neigen dann teilweise dazu, erfinderisch zu werden", berichtet ein Jurist.

Er und seine Kollegen bekämen regelmäßig Nachweise der Arbeitgeber der Eltern bis hin zu handschriftlichen Aufzeichnungen des besten Freundes oder der besten Freundin oder den dazugehörigen Eltern, die von dramatischen Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes berichten, wenn es nicht die Wunschschule besuchen darf.

Ein Elternpaar teilte dem Anwalt sogar mit, dass die Tochter seit der Entscheidung der Schulbehörde bezüglich ihrer Grundschule an starken Depressionen leide und Suizidabsichten hege. Tatsächlich landete das Mädchen schlussendlich auf der Schule ihrer Wahl.

Missverständliche Frage im Verkehrserziehungstest

Vermutlich weil es um das Zeugnis der vierten Klasse und damit um die Gymnasialempfehlung für ihr Töchterchen ging, zogen diese spitzfindigen Eltern vor Gericht. Der Grund: Die Art der Fragestellung im Test zum Thema "Verhalten im Straßenverkehr".

Die Frage hatte gelautet: "Du fährst mit dem Fahrrad auf einen Fußgängerüberweg zu, wie verhältst du dich?" Die richtigen Antworten waren: "Blickkontakt aufnehmen", "wenn nötig anhalten", "aufmerksam sein". So war es vorher auch im Unterricht besprochen worden.

Der Anwalt fand jedoch, dass die Antwort "Blickkontakt aufnehmen" aus der Frage nicht hervorgehe, und hat sich damit auch vor Gericht durchgesetzt. Die Familie hat letztlich also recht bekommen - weil die Fragestellung semantisch nicht einwandfrei war.

Das Kind konnte dann, nachdem sich das Verfahren zwei Jahre hingezogen hatte, aufs Gymnasium wechseln. Die Lehrerin, die bereits mehr als 20 Jahre lang Grundschüler unterrichtet hatte, fühlte sich von dem Verfahren sehr mitgenommen.

Wir haben hier also ein Kind, das jahrelang nicht weiß, auf welche Schule es in Zukunft gehen wird, eine Lehrerin, die sich trotz jahrzehntelanger Erfahrung massiv in Frage gestellt sieht, und Richter, die sich mit Fragen aus Grundschultests befassen müssen.

Wer das nicht für abgedreht hält, ist es vermutlich selbst. Sorry not sorry. Ein Gericht hat in einem Urteil darauf hingewiesen, dass Schüler ruhig auch eine Frustrationstoleranz entwickeln sollten. Und dass nicht bei jedem Tadel - auch wenn dieser vielleicht mal etwas überzogen war - ein Gericht bemüht werden müsse.

Denn auch die Mitschüler leiden unter den Klagen der anderen: "Es ist echt traurig. Man reißt sich selbst auf gut Deutsch den Arsch auf, während die hochnäsigen Mitschüler den Lehrern mit Anwaltsschreiben (natürlich von den Eltern) drohen. Ich bin jetzt in der 11. Klasse, fange also mit der Quali-Phase fürs Abi an, und es regt mich tierisch auf, wenn Schüler und Eltern nach wie vor nicht kapiert haben, dass man für seine Dinge selbst verantwortlich ist."

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag! Von Helikopter-Eltern und Premium-Kids" von Lena Greiner und Carola Padtberg.

2017-10-20-1508503100-248946-VerschiebenSiedieDeutscharbeit_GreinerPadtberg_Cover.jpg

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino