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Wir verspielen eine große Chance - warum das berufliche Potential vieler Flüchtlinge ungenutzt bleibt

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FLCHTLINGE
dpa
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"Kompetent Integriert. Feststellung von Kompetenzen Geflüchteter in Deutschland und der Europäischen Union."

Alternative Anerkennungsverfahren beruflicher Qualifikationen von Geflüchteten schaffen bessere Einstiegschancen in den deutschen Arbeitsmarkt und sorgen durch optimale Nutzung mitgebrachter Potentiale für mehr Chancengleichheit.

Die Flüchtlingskrise der vergangenen Jahre hat die EU und Deutschland vor eine Vielzahl an Herausforderungen gestellt. Diskussionen um Abschiebung und Obergrenzen lenken den Fokus weg von der Tatsache, dass viele der Menschen die zu uns gekommen sind, und weiterhin zu uns kommen, auf Dauer in Deutschland und der EU bleiben werden.

Um die Chance, diese Menschen zu vollwertigen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu machen, nicht zu verpassen, ist es nun an der Zeit, Lösungsansätze zu generieren, die auf eine strukturierte und erfolgreiche Eingliederung in ihre neue Heimat abzielen.

Nur wenigen Flüchtlinge ist es derzeit möglich, beruflich an ihre Karrieren im Heimatland anzuknüpfen

Dies kann nur gelingen, wenn Flüchtlingen die Möglichkeit gegeben wird, schnellstmöglich legale und nachhaltige Beschäftigungsverhältnisse einzugehen.

Nur für die wenigsten Flüchtlinge ist es derzeit möglich, auf Anhieb beruflich an ihre Karrieren im Heimatland anzuknüpfen. Besonders diejenigen, die lediglich ein niedriges Bildungsniveau und fehlende formale Abschlüsse vorweisen können, stehen bei der Eingliederung in die Arbeitsmärkte der EU vor einer großen Herausforderung.

Nach Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) können rund 31 Prozent der AsylbewerberInnen lediglich eine Grundschulbildung oder gar keine Schulbildung vorweisen. Ein weiterer Teil besitzt zwar qualifizierte Abschlüsse, erlangt jedoch keine Anerkennung dieser.

Zeitgleich haben Arbeitssuchende ohne formalen Berufsabschluss in Deutschland bisher große Probleme, eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Um Geflüchteten dennoch eine Chance zu bieten wirtschaftlich unabhängig leben zu können, müssen daher die Voraussetzungen zur Erlangung einer anerkannten Qualifikation neu gestaltet werden.

Kompetenzfeststellungsverfahren

Denn auch wenn es auf dem Papier nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist, bringt die Großzahl der Flüchtlinge Fähigkeiten mit, die sich wertvoll auf dem Arbeitsmarkt einbringen ließen. Genau hier setzen Kompetenzfeststellungsverfahren an.

Abseits von bürokratischen Hürden und Sprachbarrieren übersetzen sie mitgebrachte Fähigkeiten in berufsrelevante Kompetenzen. Diese Kompetenzen gilt es herauszustellen und in der passenden Beschäftigung wertvoll einzubringen. Nur wenn diese Hürde überwunden wird, können unsere Arbeitsmärkte von den neu gewonnenen Fachkräften profitieren.

Um die flächendeckende Anwendung von Kompetenzfeststellungsverfahren in Deutschland und darüber hinaus innerhalb der EU voranzutreiben, müssen klare Handlungsempfehlungen an die Politik herangetragen werden.

Klare Systematisierung der Verfahren bei zentraler Datenauswertung, Berücksichtigung der Belange von ArbeitgeberInnnen und das Eingehen auf die Bedürfnisse der Geflüchteten sind hier als zentrale Forderungen zu nennen.

Dass solche Ansätze funktionieren können, zeigen unsere europäischen Nachbarländer

Nur durch einheitliche Verfahren kann eine Systematisierung stattfinden, die Erfolge messbar werden lässt und das Modell als Best-Practice in andere EU-Länder tragen kann. Die Bedürfnisse der ArbeitgeberInnen sind zentral, schließlich sind sie es, die am Ende die Einstellungen vornehmen und von den neuen Arbeitskräften profitieren sollen.

In Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit und den Jobcentern, wissen diese am besten, wo es an Personal mangelt und welche Kompetenzen benötigt werden.

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Um die vorhandene Motivation der Flüchtlinge beizubehalten, sollten Kompetenzfeststellungsverfahren zudem so früh wie möglich ansetzen. Niedrigschwellige Angebote auf jedem Sprachniveau sind wichtig, um kein Potential ungenutzt zu lassen.

Dass solche Ansätze funktionieren können, zeigen unsere europäischen Nachbarländer. In Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Österreich werden entsprechende Verfahren bereits seit einiger Zeit eingesetzt.

So werden Flüchtlinge in Dänemark mithilfe des sogenannten Branchenpaketes an den Arbeitsmarkt ihres neuen Heimatlandes herangeführt. Hier werden Kompetenzfeststellungsverfahren mit Angeboten zum Spracherwerb und Berufspraktika kombiniert, um Flüchtlinge so schnell wie möglich in eine Beschäftigung zu bringen.

Es könnten internationale Standards geschaffen werden

Auch auf EU-Ebene würde sich eine erfolgreiche Einführung von Kompetenzfeststellungsverfahren in Deutschland positiv auswirken. Wenn einheitliche Standrads geschaffen werden und Erfolgsdaten gemessen und ausgewertet, können diese in Zukunft als Modellfall für andere Länder genutzt werden.

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Es könnten internationale Standards geschaffen werden, die helfen, EU-weit eine schnellere Eingliederung von Flüchtlingen in die Arbeitsmärkte voranzutreiben.

In vermeintlichen Überforderungssituationen in einzelnen Ländern stünde dann ein erprobtes Instrument bereit, welches helfen würde, Situationen rechtzeitig zu entschärfen und Sorgen rund um die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen zu entkräften.

Alle Handlungsempfehlungen und Erklärungen in voller Länge finden Sie im neu veröffentlichten Polis Brief "Kompetent Integriert. Feststellung von Kompetenzen Geflüchteter in Deutschland und der Europäischen Union". Entstanden ist der Brief in einer Projektgruppe zum Thema Arbeitsmarktintegration des Grassroots-ThinkTanks Polis180.

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