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Liebe Kinobetreiber, hört auf, diesen Film zu zeigen - "Vaxxed" gefährdet das Leben von Kindern

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Andrew Wakefield ist ein Betrüger. Das ist amtlich. Der ehemalige Arzt hat jahrzehntelang Eltern auf der ganzen Welt mit einer Lüge leben lassen, indem er behauptete, Impfungen lösten bei Kindern Autismus aus.

Als seine angeblich fundierten Studienergebnisse sich 2010 als komplett erfunden herausstellten und Wakefield in seinem Heimatland Großbritannien mit einem Berufsverbot belegt wurde, hoffte man, die Gefahr sei gebannt.

Jetzt aber wird klar: Wakefield war nie weg. All das, was sich längst als unhaltbare Lüge herausgestellt hat, hat er verdichtet, zugespitzt und in einen Pseudo-Dokumentarfilm mit dem alarmistischen Titel "Vaxxed - Geimpft! Die schockierende Wahrheit!?" gepackt.

Wakefields Studie stellte sich als große Lüge heraus

Ist doch egal, könnte man jetzt sagen. Sollen die paar Impfgegner-Spinner sich doch von den lebensgefährlichen Verschwörungstheorien eines Scharlatans einlullen lassen. Doch so einfach ist das leider nicht.

Denn: "Vaxxed" ist als 90-Minuten-Kinofilm für ein breites Publikum konzipiert. Und Kinos zeigen ihn auch - nicht nur in den USA, nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland. "Der Film, der nicht gesehen werden darf" steht auf dem Plakat.

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"Die schockierende Wahrheit"? Das von jemandem zu hören, dessen Arbeit eine Untersuchungskommission als "betrügerisch und unverantwortlich" eingestuft hat, ist grotesk.

Der Ex-Arzt tourt mit "Vaxxed - Geimpft! Die schockierende Wahrheit!?" durch Europa

Das sehen viele andere Menschen ähnlich. Der Film sollte auf dem renommierten Tribeca Film Festival in Kalifornien 2016 Premiere feiern, wurde jedoch nach breiten Protesten zurückgezogen - obwohl die Impfgegner-Filmer mit Robert de Niro einen sehr prominenten Fürsprecher gefunden haben.

Wakefield dürfe kein Forum geboten werden, seine längst widerlegten Behauptungen weiter zu verbreiten, argumentierten die Gegner.

Eine Filmpremiere aber gab es trotzdem. Erstmals wurde die stark umstrittene Pseudo-Doku am 1. April 2016 im Angelika Film Center in New York City gezeigt.

Einige Kinos haben den Film noch im Programm

Vor einigen Monaten hat er auch Deutschland erreicht. Öffentliche Proteste haben die Aufführung in einigen deutschen Städten verhindert. So entschieden sich Kinos in Hannover, Leipzig und Karlsruhe beispielsweise, den Film anders als geplant doch nicht zu zeigen.

In mehreren Städten, darunter auch Berlin (das vom Senat mit rund 360.000 Euro pro Jahr bezuschusste Kino Babylon etwa zeigte den Film im April) und München, lief "Vaxxed" jedoch bereits, in anderen wie Füssen ist er nach wie vor im Programm.

Es ist völlig unverständlich, dass Kinobetreiber überhaupt erwägen, den Film zu zeigen.

Mit seiner Behauptung, Impfungen würden Autismus bei Kindern auslösen, hat Wakefield jahrzehntelang Eltern verunsichert und Impfgegnern die Legitimation gegeben, auf der Grundlage seiner frei erfundenen Studienergebnisse ungehindert Lügen zu verbreiten.

Lebensgefährliche Schauermärchen

Seit mehrere Jahren ist bekannt, dass die Daten, die der Arzt für seine Studie von 1998 als Beweis angeführt hatte, allesamt manipuliert und gefälscht waren.

Das renommierte Fachmagazin "Lancet", in dem die Ergebnisse veröffentlicht worden waren, zog die Studie zurück, alle Co-Autoren distanzierten sich von der Publikation.

Der Fall ging um die Welt und Wakefield wurde in seinem Heimatland Großbritannien mit einem Berufsverbot belegt.

Wie viel mehr Hinweise braucht es noch, dass der Brite niemand ist, dessen kruden Theorien man auf einer großen Kinoleinwand vor einem breiten Publikum eine Bühne bieten sollte?

Wakefield hat den Zusammenhang zwischen dem MMR-Impfstoff (Mumps Masern Röteln) und Autismus frei erfunden. Der Arzt wollte mit seiner Firma einen Test auf die frei erfundene, impfspezifische Autismus-Erkrankung vermarkten und einen alternativen Impfstoff auf den Markt bringen.

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Denn jeder, der die lebensgefährlichen Schauermärchen von Wakefield und seinen Anhängern weiterverbreitet, macht sich mitschuldig. An der besorgniserregenden Wiederausbreitung von Krankheiten wie Masern, die in Deutschland schon längst ausgerottet sein sollten.

Und damit auch am Tod von Kindern, die an den Folgen dieser Krankheiten sterben, obwohl eine einfache Impfung sie vor dem schrecklichen Schicksal bewahrt hätte.

Es ist auf haarsträubende Weise unverantwortlich, Kinobesuchern ohne Vorwissen zum Thema Impfen "Vaxxed" unkommentiert vorzusetzen und sie den Verschwörungstheorien eines Mannes auszuliefern, der bereits als gefährlicher Lügner geoutet wurde.

Jeder, der das tut, gibt damit einer Bewegung eine Bühne, deren Anhänger ernsthaft glauben, Impfstoffe seien nur dazu entwickelt worden, um damit Geld zu verdienen und den Menschen zu schaden.

Die Masern verbreiten sich besorgniserregend schnell in Deutschland

Um zu zeigen, wie grotesk diese Behauptung ist, reicht ein Blick auf die Statistiken.

Impfungen gegen verbreitete Krankheiten wie Windpocken, Kinderlähmung, Masern oder Keuchhusten verhindern laut Forschern jedes Jahr schätzungsweise sechs Millionen Todesfälle.

Nur eine breite Verfügbarkeit von Impfstoffen hat möglich gemacht, dass es Krankheiten wie beispielsweise die Pocken nicht mehr gibt. Noch bis in die 60er Jahre starben daran jedes Jahr weltweit zwei Millionen Menschen.

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Ende der 1940er Jahre, bevor Impfungen verfügbar waren, starben in Deutschland pro Jahr mehrere Tausend Menschen an Kinderkrankheiten wie Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung. Allein in der BRD wurden laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts zum Beispiel 1949 insgesamt 1122 Sterbefälle aufgrund einer Diphtherie registriert.

Absurd genug, dass Menschen wie Wakefield Eltern dazu bringen, ihre eigenen Kinder in Gefahr zu bringen. Noch schlimmer aber ist, dass dadurch auch andere Leben aufs Spiel gesetzt werden.

Die Impfgegner übersehen etwas ganz Entscheidendes

Denn was die meisten Impfgegner nicht wahrhaben wollen:

1. Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Es handelt sich dabei um eine reale und tödliche Gefahr, der sich heute dank von der Krankenkasse finanzierten Schutzimpfungen wirklich niemand mehr aussetzen muss und sollte.

Und 2. Krankheiten wie Diphterie und Kinderlähmung sind nur deswegen erfolgreich ausgerottet worden, weil ein sehr großer Teil der Bevölkerung dagegen geimpft ist.

Nur wenn ein sehr hoher Prozentsatz der Bevölkerung (etwa 95 Prozent) geimpft ist, kann eine Krankheit wie Masern wirkungsvoll eingedämmt werden.

Den erreichen in Deutschland derzeit nur zwei Länder: Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

Mitschuld am Tod von Kindern

Dass die Masernfälle in Deutschland und anderen Ländern seit einiger Zeit wieder ansteigen, ist die Schuld von Menschen wie Wakefield. Dass einige Kinder bereits daran gestorben sind, ebenfalls.

Kinder wie die kleine Aliana aus Bad Hersfeld, deren Tod im vergangenen Jahr viele Menschen schockierte. Die Sechsjährige war an einer chronischen Masern-Gehirnentzündung als Spätfolge des Virus gestorben.

Jeder, der "Vaxxed" weiterverbreitet, trägt dazu bei, das Lügengerüst größer und mächtiger zu machen. Wakefield behauptet, Impfungen seien eine Bedrohung für die Menschheit. In Wahrheit sind es seine abstrusen und unverantwortlichen Lügen.

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