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Liebe Eltern: Eure Erwartungen an Kleinkinder sind vollkommen unrealistisch

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ERWARTUNGEN ELTERN
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Dein zweijähriges Kind will sein Spielzeug mit dem Kind deiner Freunde nicht teilen. Es
zieht seine Holz-Eisenbahn zurück. Das ist dir peinlich, du schickst dein Kind auf sein Zimmer für eine Auszeit und sagst ihm, es dürfe herauskommen, wenn es bereit wäre, sich zu entschuldigen.

Sobald das Kind im Zimmer ist, bekommt es einen Wutanfall, das volle Programm mit lautem Weinen und gegen die Wand treten. Nun steckt dein Kind in ernsthaften Schwierigkeiten und muss bestraft werden. Aber war deine ursprüngliche Erwartungshaltung fair?

Einer Umfrage von ZERO TO THREE und Bezos Family Foundation zufolge, an der Eltern von Kleinkindern teilgenommen haben, lautet die Antwort: nein.

Die Studie belegt, dass Forschungsergebnisse von Kinderentwicklungsexperten und Erwartungshaltungen von Eltern an ihre Kinder weit auseinanderliegen. Die Konsequenz sind Frustration auf Seiten der Eltern und zu harte Strafen für die Kinder.

Teilen:

Viele Eltern und sogar Erzieher haben oft unrealistische Vorstellungen davon, wie weit ein Kleinkind schon in der Lage sein sollte, zu teilen und sich beim Spielen abzuwechseln. Als frühkindliche Erzieherin beobachte ich oft Situationen wie die folgende:

Der Erwachsene sagt dem Kind, es dürfe das Spielzeug für eine bestimmte Zeit verwenden (meist wird eine Stoppuhr genutzt). Dann muss es "teilen" und das Spielzeug an ein anderes Kind weitergeben.

Meist will das Kind das Spielzeug nach abgelaufener Zeit nicht hergeben, gefolgt von Tränen und Konsequenzen. Deswegen ist in viele Kleinkindgruppen dasselbe Spielzeug in mehrfacher Ausführung vorhanden.

Weil 43 Prozent aller Eltern glauben, ihre Kinder könnten schon vor dem zweiten Lebensjahr mit anderen Kindern teilen und sich abwechseln, werden viele Kinder bestraft und als egoistisch verurteilt.

Fakt ist allerdings, dass Kinder diese Eigenschaften erst im Alter von drei bis vier Jahren entwickeln. Was also oft als schlechtes Benehmen interpretiert wird, ist eigentlich eine Frage der Entwicklung.

Mehr zum Thema: 8 sichere Methoden, um Kinder psychisch zu verderben

Impulskontrolle:

Als Leiterin einer Vorschule spreche ich oft mit Eltern, die sauer sind auf ihre Kleinen, weil sie die Regeln nicht befolgt haben. Manche haben es mit Belohnungsstrategien probiert, wie mit Stickern oder mit Bestechung.

Leider greifen die meisten auf Bestrafung zurück, häufig, indem sie die Kinder wegen des Regelverstoßes auf ihre Zimmer schicken. Zum Entsetzen der Eltern brechen die Kinder die Regeln meist wiederholt, ungeachtet der Disziplinierungsversuche und Warnungen ihrer Eltern.

Die Kognitionswissenschaft zeigt, dass es bei Kindern unter drei Jahren der Entwicklung entspricht, ihre Impulse nicht vollständig unter Kontrolle zu haben. Dennoch glauben 56 Prozent aller Eltern, dass ihre Zwei- bis Dreijährigen aufmüpfig sind, wenn sie Regeln brechen, und 36 Prozent glauben das von ihren unter Zweijährigen.

Die Wahrheit ist allerdings, dass Kinder die Fähigkeit zur Impulskontrolle erst zwischen dreieinhalb und vier Jahren anfangen zu entwickeln. Wirkliche Kontrolle haben sie erst viel später.

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Emotionen kontrollieren:

Weinen und Wutausbrüche bringen die meisten Eltern an die Decke. Das führt oft zu Vorträgen, Anschreien und Strafe, wie die Auszeit im Kinderzimmer oder der typische Stubenarrest (hoffentlich lassen die Eltern den "Klaps auf den Po" außer Acht - aber ich bin mir sicher, dass auch das vorkommt).

Manchmal kann es helfen, das Kind in einem sicheren Umfeld allein zu lassen, bis es sich beruhigt. Wutausbrüche passieren allerdings oft in der Öffentlichkeit, wo es keinen Rückzugsraum gibt. Wütend werden oder das Kind sogar schlagen wirkt in diesem Fall wie Öl ins Feuer gießen.

Was Eltern nicht verstehen, ist, dass es unrealistisch ist zu erwarten, dass Kinder unter dem Alter von dreieinhalb bis vier Jahren ihre Emotionen im Griff haben können.

24 Prozent aller Eltern von Einjährigen glauben, ihre Kinder hätten die Fähigkeit, ihre Gefühle zu kontrollieren, 42 Prozent glauben, ihre Kinder sollten diese Kompetenz im Alter von zwei Jahren erlernt haben.

Der oben genannten Umfrage zufolge glauben die meisten Eltern von Kleinkindern, dass diese keine Wutanfälle oder emotionale Ausbrüche haben sollten. Ich vermute, dass viele Kinder für etwas bestraft werden, das sie nicht kontrollieren können.

Mehr zum Thema: Warum man ein Kind nicht für einen Wutanfall bestrafen sollte

Eltern lieben ihre Kinder:

Der Umfrage zufolge ist die gute Nachricht, dass die meisten Eltern (91 Prozent) glauben, ihre Kinder seien ihr größtes Glück - ungeachtet der Herkunft, Ethnie, des Gehalts und des Bildungsstands.

Sie glauben, sie seien gute Eltern, wollen aber gleichzeitig ihre Erziehungskompetenzen erweitern. Die befragten Eltern meinen, wenn sie mehr über frühkindliche Entwicklung und altersgemäße Erwartungen wüssten, wären sie bessere Eltern.

Sie wünschten sich positivere Erziehungsstrategien, und sie haben die Wichtigkeit der ersten fünf Lebensjahre verstanden.

Die meisten der Befragten sind wirklich "gute Eltern", aber sie alle wollen sich in diesen Bereichen verbessern:

- eigene Emotionen kontrollieren können, um als Vorbild für die Kinder zu dienen

- geduldiger sein

- die Kinder nicht anschreien

In den frühen Kindheitsjahren steht Lehre im Vordergrund, nicht Bestrafung

Um diese Ziele zu erreichen, brauchen Eltern ein besseres Verständnis davon, wie ihre Erwartungen und die Fähigkeiten ihrer Kinder auseinanderdriften können. Vielleicht wird diese Kluft oft gefüttert von der gesellschaftlichen Erwartung, die wir an Kleinkinder stellen.

Die zunehmende akademische Orientierung, die uns von frühester Kindheit und in der Grundschule auferlegt wird, ist ein perfektes Beispiel dafür.

Matthew Melmed, Leiter von ZERO TO THREE und international anerkannter Experte und Anwalt für die Gesundheit und die Entwicklung von Kindern und Kleinkindern, gibt Eltern, die mit ihren Erwartungen an kleine Kinder zu kämpfen haben, folgenden Rat:

"In den frühen Kindheitsjahren steht Lehre im Vordergrund, nicht Bestrafung. Wenn Eltern realistische Erwartungen an die Fähigkeiten ihrer Kinder haben, können sie deren Verhalten sehr einfühlsam und effektiv steuern."

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Huffington Post USA und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

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(glm)