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Ich habe die Ärzte mehrmals gefragt, ob sie mich sterben lassen

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JUNG UND KRANK
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Es ist sehr windig, als ich mit meiner Mutter die Arztpraxis ansteuere. Ich bin 16 Jahre alt und mich plagen seit Monaten Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und alles, was sonst noch aus Körperöffnungen kommen kann. Ich wiege mittlerweile nur noch 50 Kilo auf einer Größe von 1,60 Meter. Davor war ich übergewichtig und nun kann ich die Aufmerksamkeit von jungen Männern genießen, die mir regelmäßig hinterher pfeifen.

Noch ahne ich nicht, dass sich mein Leben gleich auf den Kopf stellen wird. Ich erzählte meiner Mutter, während wir im Wartezimmer auf die Ergebnisse warten, stolz meine ersten Noten der ersten Klausuren vom Wirtschaftsgymnasium. Wir werden rein gerufen und die Diagnose "Morbus Crohn" wird mir mit einem netten Lächeln in die Fresse gedrückt.

In dem Moment muss ich erstmal brechen. Morbus Crohn ist eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, die in Schüben verläuft und unheilbar ist. Ich fehle die nächsten Wochen erstmal in der Schule. Ich muss ins Krankenhaus und mich medikamentös einstellen lassen. Zu dem Zeitpunkt ist natürlich niemand für mich da.

Ich werde von meinen Eltern gebracht, die sich dann nach ein paar Gesprächen mit dem Oberarzt wieder verziehen. Es hat 4 Stunden gedauert, bis die Pfleger mir ein Zimmer vorbereitet haben. Ich schlafe sofort ein und wache erst am nächsten Tag auf. Das war um 18 Uhr.

16, unheilbar krank und völlig fertig mit der Welt

Die Tage verstreichen nur langsam und es kommt mich kaum einer besuchen. Freunde schreiben mir kaum und mein Vater zieht sich voll und ganz zurück. Es wird mir keine psychologische Hilfe angeboten und nun sitze ich hier, mit 16, unheilbar krank und völlig fertig mit der Welt. In der Zeit fragte ich nicht nur einmal die Ärzte, ob sie mich umbringen wollen. Ich hatte schon nach wenigen Wochen kein Bock mehr zu Leben.

Passend zum Thema: Wenn ihr das hier lest, bin ich nicht mehr da

Keiner hörte meine Hilfeschreie und es zerriss mich innerlich immer mehr. Ich kapselte mich vollkommen von der Welt ab.

Den einzigen Kontakt den ich hatte war zu den Pflegern, die regelmäßig kamen um mich zu waschen und zu duschen - selbst konnte ich das nicht mehr. Wie ein Schwerpflegefall fühlte ich mich. Meine Freunde wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten und ich wurde dafür fertig gemacht, weil ich nicht an jeder Veranstaltung und Fete meiner Freunde teilhaben konnte.

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Meine Lebenslage und mein Bedürfnis nach Gespräch und "Auslassen" wurde verpönt und schon bald wollten weniger Leute etwas mit mir zu tun haben. Ich begriff nichts mehr und mutierte mehr oder weniger zu einem eiskalten "Bollen".

Ich begann zu verstehen, wie ungerecht diese Welt ist

Nach einiger Zeit und schlechten Noten, Gesprächen mit der Schulleitung, die sagte, ich simuliere, schmiss ich das Gymnasium. Nach einiger Zeit bemerkte ich, was nun alles auf mich zukommt. Lebensversicherung und Berufsunfähigkeitsversicherung? Hahahaha, das ist nicht lache. Ein Scheiß werde ich bekommen. Auch Beamtin werde ich nie werden können. Ich begann zu verstehen, wie ungerecht diese Welt ist.

Mit 17 wurde ich plötzlich ein großes Stück reifer und erwachsen. Ich bewarb mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr und wenig später arbeitete ich mit behinderten Kindern und Jugendlichen und es erfüllte mich sehr. Auch da erfuhr ich, dass meine unsichtbare Krankheit mir nicht geglaubt wurde und hinter meinem Rücken stark über mich geredet wurde.

Ja, mit einer unsichtbaren Krankheit wird oft nicht verstanden wieso, weshalb und warum, aber es macht einen Stark und ich erlaube mir zu sagen, dass ich stolz auf mich selbst bin.

Zu schnell vorurteilen oder "schlecht reden" legte ich zum größtenteils ab.

Ich lebe nun seit zwei Jahren mit der Diagnose und bestreite mein Leben mit einer CED.

Nachtrag: Der Artikel beschreibt nur meine Anfangszeit nach der Diagnose. Heute lebe ich in Remision und in einer Partnerschaft. Ich liebe mein Leben und bin glücklich.

Für Außenstehende empfehle ich folgenden Artikel.

Und für Betroffene.

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