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Warum wir Deutschen verrückt danach sind, glücklich zu sein

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HAPPY FRIENDS
Stanislaw Pytel via Getty Images
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Als ich vor knapp einem Jahr meine Social Media-Präsenz um einen Instagram-Account erweiterte, hatte ich noch keine genaue Vorstellung davon, wie das so funktioniert und was ich damit überhaupt wollte.

Eigentlich wollte ich, glaube ich, einfach mit dem Trend gehen, ein paar schöne Bilder angucken und mitverfolgen, was die Menschen da draußen gerade so interessiert, womit sie so ihre (Frei-) Zeit verbringen.

Was ich dann aber ziemlich schnell verstand: Es geht eigentlich gar nicht so sehr darum, anderen mitzuteilen, was man gerade tut, welche Musik man gut findet und welche politische Meinung man teilt.

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Vordergründig scheint es vor allem darum zu gehen, so dämmerte es mir, der ganzen Welt zu zeigen, wie unglaublich glücklich man gerade ist. Aus welchem Grund auch immer. Ob Essen, Fitness, Urlaub oder Freunde, Hauptsache schöne Motive und ein Gelbfilter.

Auf Diät- und Fitnesswahn, scheint ein Sich-Wohlfühl-Wahn zu folgen. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer sah ich es vor mir: Wer nicht glücklich ist, ist uncool. Wer sich nicht vegan ernährt, ist uncool. Wer nicht Yoga macht, ist uncool. Wer nicht an entlegenen Orten Abenteuerurlaub macht, sowieso.

Wohlbefinden ist erstrebenswert

Natürlich ist es erstrebenswert, glücklich zu sein, sich in seiner Haut wohlzufühlen und einen tollen Job zu haben. Wer träumt nicht davon unvergessliche Urlaube zu machen und in einem hübschen Haus zu wohnen?

Aber mit der Zeit begann ich mich zu fragen: Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn es scheinbar das wichtigste ist, dass andere glauben, wir seien glücklich, hätten eine rundum positive Einstellung und würden unbeschwert durch's Leben gehen. Warum sind wir so? Was macht das aus uns?

Meine erste Überlegung war: Die Menschen wollen sich gegenseitig neidisch machen, sie geraten in eine Art Konkurrenzkampf um das Glücklichsein. Denn Glücklichsein ist längst Trend geworden.

Aber je mehr Bilder ich mir ansah, je mehr Posts ist mir durchlas, und je tiefer ich die Welt der Hashtags eintauchte, desto offensichtlicher wurde für mich ein neuer Gedanke:

Die Leute scheinen tatsächlich zu glauben, anderen zu zeigen, wie glücklich sie sind, ob es nun der Wahrheit entspricht, oder nicht, macht sie selbst automatisch auch glücklich.

Und ich glaube genau das ist das Problem. Die Menschen sind umgeben von Stress, quasi rund um die Uhr. Geldsorgen auf der einen Seite, Figurprobleme auf der anderen. Und wer weder das Eine, noch das Andere hat, fühlt sich einsam, hat einen langweiligen Job oder Eltern, die langsam zu Pflegefällen werden und von denen man nicht weiß, wie man die Pflege leisten soll.

Nur ein oberflächliches Bild

Aber solange zumindest oberflächlich das Bild aufrecht erhalten wird, dass wir glücklich sind, uns wohlfühlen und ein erfülltes Leben führen, solange die Anderen glauben, dass wir glücklich sind, solange fällt es uns vielleicht auch selbst leichter, das zu glauben, oder?

Natürlich macht es mehr Spaß, glücklich zu sein, zu lachen und Träume zu haben, als Trübsal zu blasen. Aber ich finde auch, dass es dazu gehört, schlechte Tage zu haben. Dass man die dann nicht mit der öffentlichen Instagram-Gemeinde teilen möchte, ist mehr als verständlich.

Aber ich glaube, dass es trotzdem der falsche Ansatz ist, Wohlfühlen künstlich zu inszenieren. Denn schöne bunte Bilder können einfach nicht der Schlüssel zum Glück sein. Auch nicht, wenn sie zig tausend Likes bekommen. Und sie spiegeln die Realität auch einfach nicht wieder.

Ja, wir wollen uns wohlfühlen. Wir wollen uns ausgewogen ernähren, Sport treiben und unbeschwert durch's Leben gehen, uns frei fühlen. Natürlich wollen wir das. Und natürlich wollen wir diese positiven Gefühle mit anderen teilen und sagen: „Ja, schaut her, wie glücklich ich bin." Aber trotzdem gehört es dazu, sich mal nicht wohl zu fühlen, unzufrieden zu sein und einen Tag zu haben, der auch nicht durch einen Gelbfilter schöner aussehen wird.

Wir müssen uns damit arrangieren, dass es auch in einer Gesellschaft, der es auf den ersten Blick an nichts fehlt, manchmal auch dazu gehört, wütend, traurig und verzweifelt zu sein.

Es ist ein Ablenkmanöver

Welches Bild zeichnet es also von unserer Gesellschaft, dieses inszenierte Verrücktsein nach dem Sich-Wohlfühlen? Ich glaube nicht, dass es ein verzweifeltes ist. Und ich glaube auch nicht, dass unecht das richtige Wort wäre. Vielmehr ist es ein Ablenkmanöver.

#beinghappyisachoice, #feelingfree und Co. zeichnen das Bild einer rundum zufriedenen Gesellschaft, für die es nur Sonnentage gibt. Aber wir müssen vorsichtig sein. Denn ganz schnell wird diese Inszenierung zu einem Zwang, dem wir erst gerecht werden wollen und dann müssen, um nicht zu Außenseitern zu werden.

Die schönen bunten Instagram-Bilder lenken ab von Sturmzeiten, Armut und Krisen. Aber sie machen sie nicht ungeschehen oder weniger wichtig. Mit Nichten.

Wir dürfen diesem Wohlfühl-Trend nicht krampfhaft hinterherlaufen. Es kann und darf nicht Dreh- und Angelpunkt sein, dass wir unser Glück in Szene setzen. Denn ich bin davon überzeugt: Er ist eine Modeerscheinung, die genauso wieder verschwinden wird, wie sie vor einigen Monaten gekommen ist.

Und wie geht es dann weiter? Dann findet sich ein neuer Trend, dem wir hinterherlaufen, für den wir neue Hashtags finden und hübsche Motive auftreiben. Und wir werden trotzdem glücklich sein. Da bin ich mir sicher.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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