Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Laura Esnaola Headshot

Sind Betriebskitas überhaupt noch nötig?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Seit dem 1. August 2013 haben Eltern von einjährigen und älteren Kindern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihre Kleinen. Die Bundesregierung unternimmt seither große Anstrengungen, um das Kitanetz in Deutschland auszubauen.

Die Zahl der Kinderbetreuungsplätze stieg folglich in den vergangenen Jahren rasant an. Gerade in Großstädten, Ballungszentren und den neuen Bundesländern ist eine Kindertagesbetreuung gesichert. Daher fragen sich Personalverantwortliche vieler Unternehmen, ob es sich überhaupt noch lohnt, eine eigene Betriebskita einzurichten bzw. die existierende am Leben zu erhalten.Sollten Arbeitgeber - insbesondere im Mittelstand - besser auf Alternativen umsteigen?

2016-09-28-1475061801-9386348-7E8A82BA13A718F7993EACF95B31326235D130BCFA817A0EE2pimgpsh_fullsize_distr.jpg

Aktuelle Daten belegen es - die Zahl der Kindertageseinrichtungen ist bundesweit beträchtlich gestiegen. Nach letzten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes im März 2016 waren bundesweit fast 55.000 Kitas registriert. Auch hat sich beispielsweise die Zahl der Kinderbetreuungsplätze für unter Dreijährige im Vergleich zu 2006 mehr als verdoppelt. Damals standen für diese Altersgruppe gerade einmal 286.000 Plätze zur Verfügung - heute sind es fast 720.000. Das Kitanetz ist bundesweit zufriedenstellend ausgebaut, was immer mehr Arbeitgeber überlegen lässt, ob sich die Einrichtung einer Betriebskita überhaupt noch lohnt.

Entwicklung der Betriebskitalandschaft

Der Spiegel spricht von 1,2 Prozent, die betriebliche Kitas unter den Kindertageseinrichtungen in Deutschland ausmachen. Klar, gab es mit der Einführung des Förderprogramms "Betriebliche Kinderbetreuung" des BMFSFJ im Jahr 2012 erst einmal einen Aufschwung bei den Betriebskitas.

Unternehmen können seither eine staatliche Förderung von 400 Euro monatlich pro neu geschaffenem Ganztagsbetreuungsplatz beantragen. Diese ist auf zwei Jahre begrenzt. Laut Spiegel kann ein Kitaplatz ein Unternehmen jedoch bis zu 1.500 Euro pro Kind und Monat kosten - weshalb viele Firmen sich diesen Schritt trotz Förderung reiflich überlegen.

Auch der 2013 eingeführte Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz birgt ein Risiko für das dauerhafte Bestehen betriebseigener Tagesstätten. Das im Zuge der neuen Gesetzgebung stark ausgebaute Kitanetz macht den Kitas in den Firmen Konkurrenz. Noch immer fließen umfangreiche Gelder in die Sicherung der Kindertagesstätten, weitere Plätze werden geschaffen und die Qualität der Einrichtungen, u.a. durch Weiterbildung der Erzieher, sukzessive erhöht.

Folglich müssen Arbeitgeber künftig mit einer geringeren Auslastung ihrer Betriebskita rechnen. Viele Eltern präferieren auch eine Kita in Wohnnähe, damit Verwandte oder auch der Nachbarn im Notfall oder wenn sich etwas im Job verzögert, bei der Abholung der Kinder einspringen können.

Höheres Risiko für KMUs

Die Frage der Auslastung hält heutzutage viele Arbeitgeber davon ab, den Schritt der Gründung einer Betriebskita überhaupt noch zu wagen. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen lassen lieber die Finger von den Kitas, aus Furcht sich zu verkalkulieren.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt dazu: „Wer eine mittelgroße Kita mit 60 Plätzen bauen will, muss erst einmal 1,5 Millionen Euro finanzieren können. Hinzu kommen die laufenden Kosten."

Unbesetzte Betriebskitaplätze wirken sich auf das Betriebsergebnis mit einem Minus von 1.000 bis 1.500 Euro pro Kind und Monat aus, was vor allem kleine Unternehmen schnell ins Straucheln bringen kann. Von einer Planungssicherheit in Sachen Betriebskita sind Firmen mit kleinem Mitarbeiterstamm weit entfernt.

Auch Konzerne sträuben sich

Doch auch große Unternehmen scheuen vor dem Aufwand und den Kosten, die ein eigener Kindergarten mit sich bringt, zurück und entscheiden sich immer häufiger gegen eine Betriebskita, so der Spiegel.

Denn sie haben im Vergleich zu den KMUs noch ein weiteres Problem: Die Mitarbeiter von Konzernen sind in der Regel über ganz Deutschland oder auch weltweit verstreut, was die Firmen an den einzelnen Standorten häufig nicht die kritische Größe für einen Betriebskindergarten erreichen lässt.

Dazu die Frankfurter Allgemeiner Zeitung: „Da ein Kitaplatz in vielen Fällen nur am Wohnort des Kindes, nicht aber am Standort des Betriebs staatlich bezuschusst wird, müssen zahlreiche Unternehmen ihre Kitas zudem ohne staatliche Subventionen bauen und betreiben." Das erschwert häufig die Entscheidung pro Betriebskita. Zumindest weisen laut F.A.Z. jedoch fast alle Dax-Konzerne Betreuungsplätze auf.

2016-09-28-1475061931-6436335-EC5088B4E3015B171C9927DA2B94734563B8E16598951D318Cpimgpsh_fullsize_distr.jpg

Kita-Alternativen auf einen Blick

Immer mehr Unternehmer und Personalverantwortliche greifen heute auf Alternativen für die Kinderbetreuung zurück, da diese spontan und flexibel organisiert werden können, die Kalkulation vereinfachen und Kosten sparen. So bietet laut Spiegel beispielsweise der Hamburger Otto-Versand seinen „4.300 Mitarbeitern statt einer Kita lieber alternative Betreuungsmöglichkeiten wie Ferienbetreuung und einen Eltern-Kind-Arbeitsplatz an".

Die Palette an Möglichkeiten ist groß. Zu beliebten Maßnahmen, die vor allem in Kombination eine Betriebskita ersetzen können und meist auch mit einem geringeren finanziellen Aufwand verbunden sind, gehören:

  • Notfallbetreuung als Ergänzung zum städtischen oder privaten Kitaplatz
  • Ferienbetreuung zur Überbrückung der schulfreien Zeit
  • Dauerhafte Kooperationen mit Tagesmüttern
  • Kindertage im Unternehmen zur Abdeckung von Brückentagen
  • Babysitterstunden für Zuhause während Stoßzeiten oder Betriebsveranstaltungen
  • Babysitter-Sharing direkt im Unternehmen, z.B. bei Weiterbildungen und Firmenevents
  • Kooperationen mit privaten Kitaträgern, z.B. Kontingente für Mitarbeiter
  • Einrichten von Eltern-Kind-Zimmern
  • Vertrauensarbeitszeit und Home-Office

Vorteile flexibler Kinderbetreuung

Aus diesen Möglichkeiten können Personalverantwortliche je nach Unternehmensgröße und vorhandenem Budget flexibel wählen und natürlich auch Maßnahmen miteinander kombinieren.

So kann ein kleiner aufgestelltes Unternehmen beispielsweise direkt im Betrieb eine Ferienbetreuung - auch mit Ausflugsprogramm - zur Überbrückung der schulfreien Zeit anbieten und Mitarbeitern zusätzlich die Option der Notfall- bzw. Ad-hoc-Betreuung gewähren, die z.B. bei Erkrankung des Kindes, Überstunden in saisonal bedingten Stoßzeiten oder bei Firmenevents infrage kommt.

Extern gebuchte Kinderbetreuung kann bedarfsgerecht - stunden-, tage- oder wochenweise - angeboten werden. Auch die Uhrzeit der Betreuung ist flexibel bestimmbar. Einige Firmen beschäftigen Tagesmütter und Babysitter von 6 bis 22 Uhr oder auch am Wochenende.

Das Unternehmen spart im Vergleich zum Aufbau und der Instandhaltung einer Betriebskita nicht nur Kosten, sondern auch Mühe und Zeit. Es ist z.B. keine dauerhafte interne Personalplanung für die Kinderbetreuung nötig - externe Dienstleister übernehmen diese gern.

Auch auf die häufig unterschiedlichen Wünsche und Anforderungen der Eltern in der Belegschaft kann mit den o.g. Maßnahmen flexibel reagiert und Betreuungsangebote individuell auf die Mitarbeiter zugeschnitten werden.

Mein abschließender Tipp: Führen Sie doch halbjährlich eine Mitarbeiterbefragung durch, um den akuten Bedarf an Kinderbetreuung zu erfassen. Dabei können Sie ja gezielt die für Ihr Unternehmen infrage kommenden Optionen angeben.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.