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Raus aus der Komfortzone! Niemand muss Angst vorm Roboterzeitalter haben

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ROBOTER
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„SIE SIND ENTLASSEN!" So prangte es im September auf dem Cover des SPIEGELs. Dazu ein Bild einer übergroßen Roboterhand, die einen Mann im Anzug von seinem Schreibtisch wegreißt. Die Symbolik war eindeutig. Roboter und Maschinen ersetzen Menschen. Nicht nur in der Fabrik, sondern bald auch an den Schreibtischen der Republik.

Bis zu 50% der heutigen Jobs könnten wegfallen, heißt es in verschiedenen Studien. Überflüssig gemacht durch Algorithmen, Roboter und Maschinen. Diese düsteren Prognosen passen in eine Zeit in der immer mehr Menschen, zwar ihre eigene Lebenssituation eigentlich als gut bezeichnen, jedoch diffuse Abstiegs- und Zukunftsängste verspüren.

Um es klar zu sagen: Ich halte von diesen pessimistischen Untergangsszenarien ĂĽberhaupt nichts. Niemand muss Angst vor dem Roboterzeitalter haben, wenn wir die Herausforderung annehmen, uns in den kommenden Jahren darauf vorbereiten und nicht in eine Schockstarre verfallen. Das gilt fĂĽr den einzelnen Arbeitenden genauso wie fĂĽr unsere Volkswirtschaft insgesamt.

Klar ist: So selbstverständlich wie Maschinen in den vergangenen 150 Jahren nach und nach die Muskelkraft von Farmern und Fließbandarbeitern ersetzt haben, werden in den kommenden 20 Jahren intelligente, lernende Roboter statt und vor allem mit uns arbeiten. Bei McDonalds genau wie im Controlling beim Mittelständler in der Lüneburger Heide.

Wir sollten die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft annehmen statt uns weiter zu bejammern

Was viele allerdings übersehen: Unsere Arbeitswelt verändert sich ohnehin seit Jahrzehnten. In allen Bereichen fallen ständig Aufgaben weg oder verändern sich. Dabei sind es vor allem lästige, schwere Arbeiten die wegfallen.

Gleichzeitig entstehen andere neue Tätigkeiten, von denen vor zehn Jahren noch niemand wusste, dass sich damit Geld verdienen lässt oder, dass wir sie überhaupt brauchen. Wer hat vor 20 Jahren geahnt, dass heute Menschen so viele Menschen als App-Designer, Social Media-Manager oder Data-Analysten arbeiten?

In Zukunft werden vielleicht mehr Roboter-Koordinatoren, Industriedaten-Spezialisten oder Augmented-Reality-Autoren benötigt. Soziale Tätigkeiten werden weiter an Bedeutung gewinnen und es gibt unzählige potenzielle Service-Leistungen, die noch längst nicht erschlossen sind.

Anti-Ageing-Spezialisten, Urbane Landwirte oder Angst-Berater nannte die Unternehmensberatung Boston Consulting Group vor kurzem als denkbare Zukunftsjobs. Denn wer weiß heute schon welche Spezialisierungen in zehn oder 20 Jahren nachgefragt werden. „Es gibt keine Knappheit an Dingen, die erledigt werden müssen", sagte Microsofts Chef-Innovator Jonathan Grudin einmal.

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Wer heute von überlasteten Bürgerämtern, Personalmangel in der Altenpflege oder einem Fachkräftemangel im Handwerk hört, bekommt schon jetzt eine Ahnung davon was damit gemeint sein könnte. Auch die Roboter-Revolution selbst wird neue Jobs und Berufe entstehen lassen, wenn wir anfangen die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Wir sollten die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft annehmen statt uns weiter zu bejammern. Angst vor dem Verlust von Beschäftigung werden wir nicht begegnen wenn wir uns weiter in der Komfortzone ausruhen. Wir müssen uns aufmachen.

Was wir brauchen ist das gegenseitige Versprechen der sozialen, fortschrittsbejahenden Marktwirtschaft. Die Menschen müssen sich mit Neugier und Bereitschaft für Veränderungen auf die neue Herausforderung einlassen. Politik und Wirtschaft müssen dafür gleichzeitig beginnen die Rahmenbedingungen für Wohlstand und die Garantie auf Beschäftigung von morgen zu schaffen.

5 Dinge sind zu tun um die Herausforderung der Digitalisierung anzunehmen:

Die Beschäftigung von morgen muss so organisiert sein, dass jeder Arbeitende die Chance hat davon zu profitieren und niemand durchs Raster fällt. All das ist kein Hexenwerk, sondern eine klare politische Agenda.

1. Unsere Bildungslandschaft muss sich radikal digitalisieren.

Ein Bildungssystem, dass im Kern immer noch darauf ausgerichtet ist, dass Schülerinnen und Schüler möglichst leise in Reihen sitzen, um Dinge auswendig zu lernen, die ihnen beigebracht werden, kann in Zukunft nicht mehr die Antwort sein. Wir brauchen eine Befähigung des Einzelnen um die digitalisierte Welt zu gestalten. Kommunikation, Kollaboration, Code. Darum wird es in Zukunft viel stärker gehen. Die Digitalverweigerung in weiten Teilen der Bildungslandschaft muss dafür dringend überwunden werden.

2. Wir brauchen ein FrĂĽhwarnsystem fĂĽr Branchen, die von disruptiven Technologien betroffen sein werden.

Abwarten und reaktives Handeln ist bei den heutigen Dynamiken verantwortungslos. Am Ende werden sich wohl alle Branchen wandeln. Aber wenn wir etwa heute schon wissen, dass automatisiertes Fahren Jobs im Taxi oder Logistiksektor gefährdet, müssen wir heute anfangen, mit den Beschäftigten die Branche neu zu gestalten. Regulierung muss dabei neue Technologien nach unseren Wertevorstellungen ermöglichen, sie nicht verhindern.

3. Weiterbildung rĂĽckt radikal in den Fokus und muss in Zukunft anders gedacht werden.

Alle Menschen brauchen während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn das Angebot sich im Rahmen ihrer Arbeitszeit weiterzubilden, neue Trends zu erlernen und technische Fähigkeiten zu verfeinern. Weiterbildung muss der neue Normalzustand werden. Neben den Unternehmen muss auch der Staat hier richtige Rahmenbedingungen schaffen - zum Beispiel durch die Entwicklung der Bundesagentur für Arbeit zu einer Agentur für Arbeit und Weiterbildung. Das flächendeckende Angebot an Weiterbildung muss massiv ausgebaut werden.

4. Mehr Effizienz durch intelligente Maschinen und Roboter darf in Zukunft nicht nur zu mehr Gewinnen führen, sondern auch zu mehr Zeitsouveränität für den Einzelnen.

Schon jetzt können durch die Digitalisierung immer mehr Menschen arbeiten wann und wo sie wollen. Das muss gefördert werden wo es nur geht, weil es Lebensqualität erhöht und das Zusammenspiel von Familie, Freizeit und Beruf erleichtert. Die Digitalisierung der Arbeitswelt muss einhergehen mit einer Debatte um mehr Zeitwohlstand für den Einzelnen.

5. Wir werden schließlich auch nach Wegen suchen, wie wir soziale Sicherheit in einem veränderten Arbeitsumfeld finanzieren können.

Arbeit von Menschen ist heute mit Steuern und Abgaben belegt. Es lohnt sich die Diskussion über eine Besteuerung der Arbeit von Maschinen und Robotern, die der österreichische Bundeskanzler Christian Kern angestoßen hat, weiterzuführen. Gleichzeitig gilt es in Europa soziale Spielregeln für Plattformen zu definieren, um Niedriglöhne und Schlupflöcher zu verhindern.

Viele Menschen haben im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung heute den Eindruck dass groĂźe Entwicklungen einfach ĂĽber die Gesellschaft hineinbrechen, ohne dass sie steuerbar oder gestaltbar sind. Sogar in Politik und Wirtschaft nehme ich diese Haltung manchmal wahr. Ich glaube daran nicht.

Ich halte es ehrlich gesagt für eine schlechte Ausrede für fehlenden Mut und fehlende Bereitschaft Veränderungen aktiv zu gestalten. Und deshalb sage ich nochmal: Niemand muss Angst vor dem Roboterzeitalter haben. Im Gegenteil. Die Bedingung ist sich auf den Weg zu machen und die Komfortzone zu verlassen. Wenn dieser Aufbruch gelingt, liegen gute Zeiten vor uns.

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