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Supermacht Wissenschaft - Wer gestaltet eigentlich unsere technologischen Zukunft?

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Die aktuelle Entwicklung in der Biotechnologie (rund um die Geneditier-Technologie CRISPR) führt uns erneut vor Augen: Aus dem Wunsch der Wissenschaftler, die Welt zu verstehen, ist längst der Wille des Menschen nach ihrer Gestaltung nach seinem eigenen Willen geworden. Immer neue Innovationen führen uns in Dimensionen von Möglichkeitsräumen, die nur wenige Jahre zuvor noch unvorstellbar erschienen. Und dies geschieht immer schneller. War das Leben 1993 so viel anders als 1970? Doch was hat die Gegenwart im Jahr 2017 noch mit 1993 gemein? Es müssen keine hundert Jahre mehr vergehen, bis sich unser Alltag so verändert hat, dass er kaum mehr wiederzuerkennen ist.

In seinem berühmtem Roman Brave New World von 1932 beschreibt Aldous Huxley das unheimliche Zukunftsszenario einer Gesellschaft, die aus zahlreichen genetischen Kasten besteht. Es gibt heute kaum einen Artikel in den Medien über CRISPR, der keinen Bezug auf Huxleys Dystopie nimmt. Denn CRISPR lässt dieses Szenario auf einmal sehr viel realistischer erscheinen. Was dabei vergessen wird: Huxley Roman spielt im Jahr 2540! So lange wird es sicher nicht brauchen, bis Geneditierung und damit Szenarien wie von Huxley beschrieben Wirklichkeit werden.

Der Fortschritt ist sogar so rasend schnell geworden, dass wir die Zukunft bereits eingeholt haben. Um uns herum machen Wissenschaftler unglaublichste Technologien möglich, und wir befinden uns wie in einer Blase, in der wir noch der alten Zeit verhaftet sind und Mühe haben, die Neuerungen überhaupt wahrzunehmen, bevor sie sich allzu deutlich vor unseren Augen abzeichnen (und dann reiben wir uns erstaunt die Augen und fragen, wie das denn alles möglich ist), geschweige denn zu verstehen, was sie bedeuten und wie sie unsere Gesellschaften verändern werden. Dabei ist CRIPSR mit seinen Möglichkeiten des präzisen, schnellen und kostengünstigen Eingriff in unser Genom (und dass aller Tiere und Pflanzen) und den damit verbundenen Hoffnungen (z.B. in der Medizin oder Landwirtschaft) einerseits und den mit ihr verbundenen Gefahren (Menschenzucht) andererseits nur eine von zahlreichen Schlüsseltechnologien, die unser Leben schon in wenigen Jahren fundamental prägen werden. Wer weiß schon, dass bereits heute ...

• ... so genannte Nano-Maschinen gebaut werden, die nur wenige Moleküle groß sind, und Nanobots, Roboter so groß wie Viren, in lebenden Organismen eingesetzt werden, um dort beispielsweise Krebszellen bekämpfen zu können.
• ... so genannte Quantencomputer gebaut werden, die Geheimdienste und die Arzneientwicklung ebenso revolutionieren werden wie das Finanzwesen und viele andere Bereiche unserer Wirtschaft.
• ... unser Gehirn mit Computer verbunden werden kann, was Querschnittsgelähmte wieder gehen und Roboter allein mit Hilfe unserer Gedanken steuerbar werden lässt.
• ... Menschen sich mit Hilfe von neuen Neuro- und Bewusstseinstechnologien in Maschinen verkörpern können - und dabei das Gefühl haben, sie seien selbst die Maschine.
• ... im Tierversuch Gehirne zusammengeschaltet werden, so dass sie wie ein einziges Gehirn agieren.
• ... Erinnerungen in tierische Gehirne transferiert werden.
• ... Krebs und HIV mit ganz neuen gentechnischen Methoden behandelt werden und vielleicht schon bald besiegt werden können.
• ...CRISPR/Cas9 potentiell gezielt Augenfarbe, Körpergröße oder sogar Intelligenz manipulieren kann. Wissenschaftler sprechen schon von der Möglichkeit von „CRISPR-Babys".
• ... Künstliche Intelligenz unserem kognitiven System unterdessen nicht nur in rechnerischen, sondern auch schon in intuitiven Fähigkeiten überlegen ist.
• ... Big Data Algorithmen kombiniert mit künstlicher Intelligenz Krankheiten vorhersagen können, bevor der Betroffene selbst davon weiß.
• ... Biologen bereits Bakterien mit zu 100 Prozent künstlichen Genen hergestellt haben.
• ... der aus Douglas Adams' Roman Per Anhalter durch die Galaxis bekannte „Babelfisch", der simultan fremde Sprachen in die Sprache des Trägers übersetzt, in ersten Einsätzen erfolgreich erprobt wird.
• ... Fleisch in 3D-Druckern ausgedruckt wird
Die Aufzählung ließe sich weiter fortsetzen. Die Liste der Schlüsseltechnologien, die unser Leben massiv beeinflussen werden, ist länger, faszinierender und oft auch beängstigender als je zuvor.

Blicken wir auf die auf die Wissenschaftsgeschichte der letzten 400 Jahre zurück, so erkennen wird, dass neue Technologien schon immer mit Ambivalenzen verbunden waren. Neben Computern, Laser und moderner medizinischer Diagnostik brachte uns die Quantenphysik auch die Atombombe. Das Internet kommt sowohl mit aufregenden neuen Möglichkeiten des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Austauschs als auch mit ganz neuen Möglichkeiten der persönlichen Überwachung und Eingriffen in unsere Privatsphäre. Und vom modernen Hunger nach Energie führt ein direkter Weg zum Klimawandel. Wir verdanken unseren Wohlstand und den Komfort unserer modernen Lebensqualität maßgeblich dem wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt. Gleichzeitig konfrontiert uns dieser mit existentiellen Problemen: Umweltzerstörung, Klimaveränderungen, Überbevölkerung, Nahrungsengpässe, Wirtschaftskrisen und nukleare Bedrohung, um nur die offensichtlichsten zu nennen. Fast noch erschreckender sind die Veränderungen, die sich abseits unserer Wahrnehmung abspielen. Dazu gehört die Gefahr, dass wir unser Selbstverständnis und damit das Wesen des Menschen selbst grundlegend verändern. Und wir haben keine Ahnung, was uns dann erwartet.

Doch wer oder was gestaltet eigentlich den technologischen Fortschritt? Derselbe Blick in die Vergangenheit zeigt uns auch, dass sich der technologische Fortschritt bisher zumeist selber gesteuert hat. Dabei folgt der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Technologien weitestgehend einer entweder militärischen oder kapitalistischen Verwertungslogik. Mit der dramatischen Beschleunigung des technologischen Fortschrittes und seiner Entwicklung an derart vielen Fronten zugleich scheint es unwahrscheinlich, dass sich dies ändern wird. Im Gegenteil: Das Reaktionsvermögen der gesellschaftlichen Entscheidungsträger - auch in Anbetracht eines bei ihnen ohnehin schwach entwickelten Bewusstseins für den Entwicklungsstand der Wissenschaften - ist bedeutend zu langsam, um in die sich immer weiter beschleunigende Dynamik des technologischen Wandels steuernd einzugreifen.

Doch auch wenn CRISPR den Biologen und Gen-Ingenieuren (und Finanzinvestoren dahinter) all ihre Wünsche zu erfüllen verspricht, wirft eine Technologie, die das Wesen den Menschen verändern kann oder potentiell ganze Spezies verändern und ausrotten kann, auch wenn dies zunächst Krankheitserreger sind, ganz neue ethische Fragen auf, die Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger erst beginnen zu verstehen. Können wir wirklich wollen, dass Eltern über Eigenschaften ihres Nachwuchses bestimmen? Was würde es bedeuten, wenn gentechnisch optimierte Menschen denjenigen, die ihren Gen-Mix nach dem Millionen Jahre alten „Zufallsverfahren" der genetischen Rekombination der elterlichen Gene erhalten haben, hinsichtlich kognitiver oder körperlicher Fähigkeiten deutlich überlegen sind? Und was passiert, wenn uns eine künstliche Intelligenz nicht mehr nur in einigen kognitiven Bereichen, sondern in allen Domänen überlegen ist.

Können wir hoffen, dass der Mechanismus des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs den technologischen Fortschritt so steuert, wie es für uns am besten ist? Wollen wir also die Pharma- und Gentechnikfirmen über den Einsatz von CRISPR entscheiden lassen, oder Google über die Entwicklung einer höheren künstlichen Intelligenz oder Facebook über die Normen des persönlichen Datenschutzes? Wir würden den Bock zum Gärtner machen. Die Aussichten auf Milliarden-Geschäfte konstituieren Interessenkonflikte, die kaum zu bewältigen sind. Die kapitalistische Verwertungslogik ist eine gewaltige Kraft in unserer heutigen Welt, die zumeist jeglicher Differenzierung und ethischer Reflexion bei der Entwicklung und dem wohlüberlegten Einsatz neuer Technologien entgegenwirkt. Wenn es ein schlimmer Gedanke ist, dass wir durch CRISPR unsere genetische Zukunft kontrollieren könnten, dann sollten wir uns vielleicht mal überlegen, was es bedeuten würde, diese Macht zu besitzen und sie nicht mehr kontrollieren zu können. Das wäre dann wirklich unheimlich, nahezu undenkbar.

Für die Beurteilung der Entwicklung zukünftiger Technologien ist es von größter Bedeutung, die Kräfte zu kennen und zu benennen, die freie Märkte davon abhält, zu besten Entscheidungen zu kommen:

• Externalitäten: Die wirtschaftlichen Aktivitäten einer Person (oder eines Unternehmens) können sich auf andere (ggfs. alle anderen) Menschen oder Gruppen auswirken, ohne dass die handelnde Person die vollen Kosten dafür trägt. Beste Beispiel für Externalitäten sind öffentliche Güter, die keinen Marktpreis haben, wie ökologische Ressourcen oder die allgemeine Gesundheit. Umwelt zu verpesten kostet auch heute noch wenig bis nichts, der klimaschädliche Ausstoß von CO2 ist nach wie vor nicht mit größeren Kosten für die Produzenten verbunden, das Sicherheitsrisiko bei der Kernkraftnutzung oder beim Erdgas-Fracking trägt weitestgehend die Allgemeinheit, und die massive Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft führt zwar zu höheren Erträgen bei den Agrarunternehmen, lässt aber resistente Keime zu einen globalen Gesundheitsrisiko werden.

• „Rent seeking": Oft gelingt es mächtigen Gruppierungen, die politischen und ökonomischen Regeln zu ihrem eignen Vorteile zu verändern (oder zu belassen). Solches Streben nach staatlich garantierten Vorteilen, ohne dass damit der gesamte gesellschaftliche Wohlstand vermehrt wird und oft gar vermindert, heißt bei den Ökonomen „rent seeking".

• Informationsasymmetrien: Bereits 1970 zeigte Ökonom Georg Akerlof in seinem Aufsatz The Market for Lemons („Der Markt für Zitronen"), dass freie Märkte nicht optimal funktionieren können, wenn Käufer und Verkäufer nicht den gleichen Zugang zu Informationen haben. In vielen Märkten unseres alltäglichen Lebens besteht eine solche Asymmetrie: im Arbeitsmarkt, dem Markt für Finanzprodukte, dem Markt für Gesundheitsgüter und Nahrungsmittel, dem Energiemarkt, sowie - besonders bedeutend in unserem Kontext - dem „Markt" für neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien. Ein Muster, dass sich bzgl. letzterem immer wieder zeigt und das Akerloff im Detail beschreibt (wofür er 2001 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde), ist: Lügen, inklusive dem systematischen Säen von Zweifeln an etablierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, gehören für Unternehmen in einer freien Marktwirtschaft einfach dazu.

• Kognitive Verzerrungen: Die klassische ökonomische Theorie geht davon aus, dass wir wissen, was gut für uns ist. Dabei hat die Verhaltensökonomik längst aufgezeigt, dass wir oft weit unüberlegter und weniger rational handeln, als es uns die Verfechter des freien Marktes versuchen glauben zu machen. So lassen wir uns oft von kurzfristigen Trieben leiten, anstatt von langfristigen, wohlüberlegten Erwägungen. Ein gutes Beispiel ist das Rauchen oder der Konsum von Alkohol und Drogen (der aus gutem Grund staatlich reguliert und gesetzlich beschränkt ist). Wir nehmen also nicht nur in Kauf, anderen Schaden zuzufügen, sondern lassen uns durch Manipulationen auch sehr leicht zu selbstschädigenden Verhalten verleiten.

Dabei geht bei Fragen wie der geeigneten Verwendung von CRISPR oder der Entwicklung einer möglichen überlegenden künstlichen Intelligenz (KI) um weit als ein paar Milliarden Dollar Gewinn für ein paar Unternehmen: Es geht um nichts weniger als das Überleben der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen. Die Möglichkeiten von Technologien wie CRISPR oder KI stellen in letzter Hinsicht jeden einzelnen Menschen, jeden von uns, in Frage. Wie wir mit ihnen umgehen, bestimmt die Zukunft unserer individuellen Würde und Freiheit, sowie zuletzt unseres Menschseins an sich.

Die ethische Bewertung und politische Gestaltung zukünftiger Technologie muss weit über die kommerziellen oder militärischen Interessen einzelner Personen, Unternehmen oder Staaten hinausgehen. Fest steht schon heute: Unsere Gesellschaft wird sich durch zukünftige Technologien fundamental ändern. Aus diesem Grund haben unsere heutigen Entscheidungen eine ungeheure Hebelwirkung. Und bei all dem bleibt uns nur ein recht kleines Zeitfenster, bevor sich Technologien und gesellschaftliche Normen etabliert haben, die wir eigentlich gar nicht wollen, die sich dann aber kaum noch ändern lassen. Deshalb ist ein aktiver breiter gesellschaftlicher (und natürlich demokratischer) Dialog so dringend notwendig.

Dies erfordert demokratisches Engagement eines jeden von uns - was die Pflicht zur Information einschließt. Noch immer ist viel zu wenig von Physik, Chemie oder Biologie die Rede ist, wenn uns Journalisten und andere Meinungsmacher Weltzusammenhänge und wichtige gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen wollen. Zudem müssen wir eine Haltung der intellektuellen Redlichkeit bei Politikern und anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern einfordern. Das heißt, bewusste Unwahrheiten, Informationsverzerrungen und -verschmutzung oder Informationsfilter zum Zwecke der Durchsetzung partikularer Interessen auf moralischer wie politischer Ebene konsequent zu bekämpfen. Gerade in einer Zeit, in der „Fake-News" ihre destruktive propagandistische Macht entfaltet und erschreckend viele Politiker noch immer ernsthaft den Klimawandel oder die Darwin'sche Evolutionstheorie bezweifeln, gewinnt dieser Punkt an Bedeutung. Das Gebot der intellektuellen Redlichkeit gilt aber ebenso für die Empfänger von Information. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet auch, sich auf unangenehme Wahrheiten einzulassen, ohne sich etwas vorzumachen. Wir müssen uns darin üben, nicht allzu schnelle Schlüsse zu ziehen, Vorurteile abzubauen und uns wenn nötig auf komplexe Zusammenhänge einzulassen, ohne alles gleich vereinfachen zu wollen. Und zuletzt müssen wir auch unangenehme Wahrheiten zulassen. Ein jeder von uns sollte sich bei der Gestaltung unserer technologischen Zukunft um einen breiten rationalen, informations- und faktenbasierten Diskurs bemühen.

Denn: Bei einem verantwortungsvollen Gebrauch der Naturwissenschaften und ihrer Technologien könnten uns in der Zukunft paradiesische Zustände winken, bei verantwortungslosem Gebrauch die unwiederbringliche Zerstörung unserer humanistischen Errungenschaften und ein Leben in einer irdischen Hölle.
Dazu mehr in:von Lars Jaeger, Supermacht Wissenschaft. Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle Gütersloher Verlagshaus. Erscheint am 28. August 2017