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Die Genetik zwischen Allmacht und Albtraum - CRISPR und die Zukunft des menschlichen Genoms

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DNA
Peter Dazeley via Getty Images
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‚ÄěGeschrieben steht: Im Anfang war das Wort. Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?", l√§sst Goethe seinen Protagonisten Faust im Angesicht der ersten Worte des Johannes-Evangeliums aussprechen. Gemeint ist nat√ľrlich das ewige Wort Gottes bei der Erschaffung der Welt und allen Lebens.

Dagegen ist in der modernen Wissenschaft von Gott kaum mehr die Rede. Die Physiker verstehen unterdessen die grundlegende Sprache der Materie weitestgehend (und gossen ihre Einsichten in eine bizarre Theorie namens ‚ÄöQuantenphysik'), und den Biologen gelang es vor ca. 50 Jahren, die Sprache des Lebens zu dechiffrieren (und sie lesen deren Worte im Codex der DNA).

Nichtsdestotrotz galt lange, dass diese ‚ÄöWorte in der DNA' uns vorgeschrieben waren, ganz wie diejenige Gottes in der Bibel, in einem viele Millionen Jahre angedauerten Prozesses der Evolution zumindest auf f√ľr Menschen relevanten Zeitr√§umen unumst√∂sslich in unser Genom eingraviert.

Doch sp√§testens seit es ihnen im Jahr 2003 gelang, das komplette menschliche Erbgut zu entschl√ľsseln, begannen die Biologen die T√ľre zu einer neuen technologischen Dimension aufzusto√üen, in der sich die Genetik des Menschen vom Objekt der wissenschaftlichen Forschung zum Gegenstand technologischer Manipulation verwandelt (dieser Prozess begann eigentlich schon einige Jahre fr√ľher, n√§mlich in den 70er Jahren, als zum erstem Mal M√∂glichkeiten genetischer Ver√§nderungen auf den Radarschirmen der Biologen auftauchten).

Zur Vereinnahmung der Natur durch den Menschen, welche bis anhin unsere Kulturgeschichte ausgezeichnet hat, gesellt sich nun ein zweites Projekt: die genetische Umgestaltung des Menschen und seiner k√∂rperlichen und geistigen Anlagen und F√§higkeiten. Und mit CRISPR zeichnet sich ab, dass sich dieser Prozess massiv beschleunigen k√∂nnte. Konkret bahnt sich eine Entwicklung an, die nicht nur f√ľr prinzipielle Gegner der Gentechnologie eine Horrorvision darstellt und bisher nur in Science-Fiction Filmen Realit√§t geworden ist.

Es kommt nicht oft vor, dass namhafte Wissenschaftler in renommierten Wissenschaftsmagazinen Manifeste publizieren. Doch im letzten Jahr ver√∂ffentlichte eine Gruppe f√ľhrender Biologen einen solchen an die √Ėffentlichkeit gerichteten Aufruf.

Der Ausl√∂ser war ein erst k√ľrzlich entdecktes, revolution√§r neues technologisches Verfahren in der Gentechnologie, welches eine zuvor unvorstellbar schnelle und effiziente Manipulation der DNA erm√∂glicht. Konkret geht es um das Editieren von Genen mittels einer Technik, die den nur schwer zu vermittelnden Namen ‚ÄöCRISPR/Cas9' tr√§gt und seit ca. 2013 eine sehr viel pr√§ziseren Eingriff in das Erbgut von Lebewesen erlaubt als dies vorher m√∂glich gewesen war (CRISPR steht dabei f√ľr ‚ÄěClustered Regulatory Interspaced Short Palindromic Repeats" und beschriebt eine bestimmte Gensequenz, w√§hrend Cas9 ein davon codiertes Protein ist).

K√∂nnen wir damit vielleicht schon bald bisher unheilbare Erbkrankheiten behandeln? Lassen sich mittels CRISPR vielleicht sogar schon bald menschliche Eigenschaften wie Sch√∂nheit und Intelligenz genetisch beeinflussen? K√∂nnten sich gesamte √Ėkosysteme schlagartig ver√§ndern lassen, indem ganze Spezies in einigen ihrer grunds√§tzlichen Eigenschaften ver√§ndert oder gar komplett ausrottet werden? Oder k√∂nnten wir gar komplette Genome und damit vielleicht auch Lebenswesen - und zuletzt auch Menschen - mit ganz neuen Eigenschaften synthetisch herstellen? Tats√§chlich erscheinen solche Szenarien mit CRISP/Cas9 sehr viel schneller realistisch zu werden als dies noch vor wenigen Jahren selbst die gr√∂√üten Optimisten unter den Gentechnologen f√ľr m√∂glich hielten. Selten zuvor ist ein gentechnologisches Verfahren derart schnell im √∂ffentlichen Diskurs angekommen.

Schon jetzt erachtet die Forscherwelt CISPR als den wichtigsten medizinischen Durchbruch dieses Jahrhunderts. Ob in pflanzlichen, tierischen oder menschlichen Zellen, mit Hilfe dieser neuen Technik lassen sich Gene punktgenau ersetzen, ver√§ndern oder entfernen, und dies schnell, pr√§zise und sehr billig. Was fr√ľher Wochen, Monate oder Jahre gedauert hat und zudem sehr fehlerhaft war, l√§sst sich mit CISPR/Cas9 mit sehr hoher Genauigkeit in Tagen und Stunden erreichen.

Dabei die neue Technologie ist so einfach handzuhaben, dass sie jedem Genlabor, ja bald gar gymnasialen Schulklassen, zur Verf√ľgung stehen k√∂nnte. Jedem mit molekularbiologischen Grundkenntnissen wird es dann m√∂glich sein, Genome und damit ganze Lebensformen zu manipulieren. Neben vormals unvorstellbar m√§chtigen Anwendungen in der Pflanzen- und Tierzucht r√ľckt damit auch eine Um- oder gar Neukonstruktion unserer molekulargenetischen Grundlage in den Bereich des M√∂glichen, ein genetisches Re-Design des Menschen, in welchem unsere k√∂rperlichen und intellektuellen F√§higkeiten weitgehend optimiert und Menschen zu neuen, bisher unerreichten mentalen, intellektuellen oder physischen Hochleistungen bef√§higt werden.

Schon lassen sich Mäuse mit gentechnischen Methoden bedeutend intelligenter machen. Wie lange wird es dauern, bis dies auch beim Menschen möglich ist? Wird der Mensch bereits in naher Zukunft seine biologischen Eigenschaften verändern und so nichts weniger als die weitere Evolution seiner eigenen Art bestimmen?

Wollen wir wirklich, dass Eltern √ľber detaillierte Eigenschaften ihres Nachwuchses entscheiden k√∂nnen? Und was w√ľrde es bedeuten, wenn gentechnisch optimierte Menschen denjenigen, die ihren Gen-Mix nach dem Millionen Jahre alten ‚ÄöZufallsverfahren' erhalten haben, hinsichtlich kognitiver oder k√∂rperlicher F√§higkeiten deutlich √ľberlegen sein werden? Sind wir bereit, die ethischen Konflikte auszutragen, die darin bestehen k√∂nnten, dass manche von uns den Weg einer genetischen oder neurobiologischen Neukonstruktion beschreiten und andere nicht? Und ab wann w√ľrde die Manipulation von Menschen und ihrer Erbfaktoren gegen die Menschenw√ľrde versto√üen? Wo m√ľssen wir ein Stoppschild ‚ÄöBis hierher und nicht weiter' aufstellen'? Was w√§re ein m√∂glicher ‚Äöethischer Damm' gegen diese Entwicklung, und w√§re ein solcher Schutzwall √ľberhaupt von dauerhaftem Bestand?

Auch wenn die wenigsten von uns in der Lage sind, die Komplexit√§ten der heutigen wissenschaftlichen Fachdisziplinen zu durchdringen, so m√ľssen wir sicherstellen, dass sich die Problemstellungen der Wissenschaften und ihr technologisches Potential auch einer breiten √∂ffentlichen Diskussion erschliessen.

Denn die wissenschaftlichen Grundlagen zuk√ľnftiger ‚ÄöWunder'-Technologien werden bereits heute in den Forschungslaboren weltweit entwickelt. Schon 1961 formulierte der Schweizer Schriftsteller Friedrich D√ľrrenmatt in seinem bekannten Theaterst√ľck Die Physiker: ‚ÄěDer Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen." Und hier herrscht m√§chtiger Nachholbedarf: Nur allzu oft unterlaufen wissenschaftliche Entdeckungen den Radarschirm der √∂ffentlichen Aufmerksamkeit.

Unterdessen besitzt der wissenschaftlich-technologische Fortschritt eine derart rasante und komplexe Dynamik, dass er sich nicht nur dem geistigen, sondern zunehmend auch dem ethischen Aufl√∂sungsverm√∂gen der meisten Menschen zu entziehen droht. Da sind ‚ÄěGeheimtreffen" unter f√ľhrenden Genetikern (sowie Anw√§lten und Unternehmers) zu einem derart kritischen Thema wie den zuk√ľnftigen M√∂glichkeiten des Synthetisierens des menschlichen Genoms, wie k√ľrzlich (im Mai 2016) an der Harvard Universit√§t geschehen, alles andere als hilfreich. Es ist schon erstaunlich, wie wenig von Physik, Chemie oder Biologie die Rede ist, wenn uns Journalisten und andere Meinungsmacher Weltzusammenh√§nge und wichtige gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen wollen.

Dabei sind zwischen unserer zuk√ľnftigen Lebenspraxis und dem naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt, der sich von unseren Augen abspielt, weit bedeutendere und aufregendere Verbindungen herzustellen als beispielsweise beim in allen Einzelheiten ausgebreiteten allj√§hrlichen Stelldichein einer selbsterkl√§rten Weltelite in Davos.

Im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlich-technologischem Entwicklungsmoment und globaler Problemdynamik wird es in den nächsten Jahrzehnten mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Moment geben, in dem sich die Spielregeln des menschlichen Lebens auf diesem Planeten grundsätzlich verändern werden.

Die zuk√ľnftigen technologischen Fortschritte k√∂nnten den Menschen und die menschliche Zivilisation zugleich in heute noch unvorstellbarer Weise transformieren. Sind wir und die heranwachsende Generationen auf diese Entwicklung vorbereitet?

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