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Ich hatte ein Tinder-Date - jetzt muss ich etwas beichten

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BERLIN HIPSTER
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Ja, ja, ich weiß - man kennt mich bisher nur als „die, die immer meckert". Nörgeln macht mir halt Spaß. Und außerdem habe ich mit meinen Beschwerden natürlich auch immer Recht! ...Gut, fast immer. Ausnahmen bestätigen ja bekanntermaßen die Regel und daher kann ich Ihnen den nun eingetretenen Ausnahmefall nicht vorenthalten:

Ich leiste hiermit offiziell bei der Dating-App Tinder Abbitte, die ich in einem früheren Beitrag, wie es so meine Art ist, ziemlich rüde als Konglomerat notgeiler Hirnis abgeurteilt habe.

In meinem Freundeskreis bin ich nach dem bösen Tinder-Artikel auf Grund der jüngsten Ereignisse in meinem Leben sowieso schon die Lachnummer. Also stimmen Sie bitte in das joviale Gelächter ein, wenn ich zähneknirschend gestehe: Ja, verdammt - ich habe jemanden bei Tinder kennengelernt. Und ja - es läuft richtig gut zwischen uns.

Nach wie vor gilt für Tinder: Dummdreiste Kommentare und das unverhohlene Feilbieten körperlicher „Dienste" sind dort schlichtweg Tagesordnungspunkte. Die App ist nicht gerade eine Komfortzone für die Partnersuche. Aber wohl nicht umsonst liefert Google für den Ausspruch „Great things never come from comfort zones" knapp 800.000 Ergebnisse...

Zwischen Feierabend und Fitness-Center noch schnell ein Tinder-Date

Ich bin noch immer der Meinung, dass Dates durch Tinder an Charme verlieren. Zumindest als Frau kann man nahezu unbegrenzt Verabredungen generieren und bei diesen tritt offenbar schon bald der berühmte „Gewöhnungseffekt" ein: Aufregend ist daran rasch gar nichts mehr.

Manche meiner Freundinnen schieben zwischen Feierabend und Fitness-Center „noch kurz" ein Tinder-Date ein wie andere Leute einen Zahnarzttermin. Die Erwartungshaltung an derart gehandhabte Treffen ist dementsprechend gering.

Mehr zum Thema: Bei Tinder: Diese Frau hat er noch nie gesehen - aber der Raum auf ihrem Foto befindet sich in seiner Wohnung

Ob dann die sogenannte „selbsterfüllende Prophezeiung" eine Rolle dabei spielt, dass meine Mädels hinterher nur allzu oft enttäuscht sind, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen - aber denkbar wäre es, oder?

Doch nicht nur den weiblichen Teil meines Freundeskreises betrachte ich gelegentlich mit Befremden, was dessen inflationäre und zugleich nur halbherzige Benutzung von Tinder betrifft.

Auch bei den Kerlen kann Tinder regelrechte Wesensveränderungen bewirken: Einem Freund von mir, der ein eigentlich richtig lieber Kerl ist und bisher zudem durchaus beziehungsfähig, verhalfen seine Attraktivität und gute Umgangsformen bei Tinder schnell zu zahlreichen Dates.

Mein Kumpel springt durch die Betten

Es dauerte nicht lang, da beschwerte sich mein Kumpel in mir bis dahin gänzlich unbekannter Manier darüber, dass die jungen Damen, die er zu einem „Übernachtungsbesuch" herumkriegen konnte, sich hernach weiterhin bei ihm meldeten.

Statt wie bisher sehnsüchtig nach der „Einen" zu suchen, springt er seit der Installation der App durch die Betten wie Kinder beim Sackhüpfen auf einer Geburtstagsparty.

Nun kann ich natürlich leicht die Nase über meine Leutchen rümpfen - ich habe mich lediglich zweimal über Tinder zu einer Verabredung hinreißen lassen und hatte das unverschämte Glück, gleich im zweiten Anlauf einen Treffer zu landen.

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Daher blieben mir reihenweise langweilige Dates wie die meiner Freundinnen erspart und das Überangebot auf dem Single-Markt hat mich auch nicht zum Maneater mutieren lassen. Vielleicht liegt das „Gift", wie bei fast allen Dingen, einzig in der Dosis.

Bevor mir nun aber wieder pathologische Krittelei attestiert wird, bekomme ich mal besser schnell wieder die Kurve zurück zum Kernpunkt meines Beitrags: Genau wie in der analogen Welt treiben sich auch bei Tinder viele Dumpfbacken herum. Aber eben nicht ausschließlich.
Es erfordert meistens mehr Mut seine Meinung zu ändern als auf ihr zu beharren.

Trotzdem gebe ich nun zu: Noch vor Kurzem habe ich Tindern als hoffnungsloses Unterfangen betrachtet und mir (beziehungsweise Ihnen) ausgemalt, wie ich als einsame, alte Frau tot in der Wohnung aufgefunden werde, weil Nachbarn einen strengen Geruch im Hausflur vernommen haben.

Mehr zum Thema: Ich tinder mir einen Mann

Und auch, wenn die Dating-App natürlich nicht das unweigerliche Eintreten meines Lebensendes verhindern kann, so besteht nun doch zumindest die Möglichkeit, dass mir dabei jemand zur Seite steht und der Abtransport meiner Leiche nicht erst in fortgeschrittenem Verwesungsstadium anberaumt wird.

Meine neue Empfehlung an alle Singles lautet also heute: Fahrt eure hochgezogenen Augenbrauen in Bezug auf Partnersuche 2.0 wieder herunter und installiert euch mal so eine App. Die Liebe geht nun einmal seltsame Wege und wenn diese im 21. Jahrhundert eben digital sein sollen, bitteschön.

Also sorry, Tinder und liebe Tinder-User! Ich kann nicht garantieren, dass ich nicht bald wieder zu irgendeinem Thema eine Streitschrift produziere - aber Online-Dating lasse ich fortan in Frieden. Versprochen.

Mehr von Larissa Sarand gibt es HIER.

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