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Heidi's Hölle: Ein Seminar mit Soziophobikern

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LECTURE
serts via Getty Images
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Jule und ich stellten unsere Tabletts weg und machten uns auf den Weg zu unserem nächsten gemeinsamen Seminar. Der fachdidaktische Kurs hieß „Politiklehrer und wie sie sich selbst sehen" und wurde geleitet von Frau Dr. Kiesand, die wir bis dahin nur vom Hörensagen aus der Gerüchteküche kannten.

Da wir früh dran waren, ergatterten wir noch zwei Top-Plätze in der letzten Reihe. Jule und ich hatten bereits festgestellt, dass fachdidaktischen Kursen für gewöhnlich weder fachliches noch didaktisches Wissen irgendeiner Art zu entlocken war und wir hinten im Raum zumindest ungestört „Angry Birds" auf dem Smartphone zocken konnten.

Mit dieser traurigen Erkenntnis waren wir nicht allein und so sind die hintersten Bänke in den Seminarräumen, zumindest in Lehramts-Veranstaltungen, stets die vollsten. Es kommt vor, dass der Dozent vorn an der Tafel steht und zwischen ihm und den Studenten eine Lücke von sechs oder sieben freien Sitzreihen klafft, als leide der Prof zeitgleich an Ebola, offener Tuberkulose und Beulenpest.

Das Seminar war gut besucht

Die Lehrenden sagen dazu nichts. Entweder es ist ihnen schlichtweg egal, dass die Studenten einen Riesenbogen um sie und ihre Unterrichtsthemen machen oder sie sind es einfach nicht anders gewöhnt und empfinden die ungleiche Sitzverteilung als normal. Das Seminar war gut besucht, bisher hatten noch nicht allzu viele Kommilitonen das Handtuch geworfen und das Studium abgebrochen.

Noch hatten wir alle die Kraft Demütigungen zu ertragen, Schwachsinn in rauen Mengen auswendig zu lernen und uns von Pädagogen unterrichten zu lassen, die als Lehrer selbst niemals beziehungsweise das letzte Mal vor 30 Jahren (was aufs Gleiche hinauskommt) eine Schule von innen gesehen haben. Welch passende Überleitung zu Dr. Kiesand: Eine kleine, etwas rundliche Frau mit der Einheits-Kurzhaarfrisur einer Senioren-Kaffeefahrt betrat den Raum.

Mit gesenktem Haupt tippelte sie zügig auf den „Lehrertisch" ganz vorn im Zimmer zu und stellte sich dahinter. Die Tischkante lag bei ihr beinahe auf Bauchnabelhöhe. Den Blick weiterhin starr nach unten gerichtet, bohrten sich Ihre Fingernägel in die Tischplatte.

"Wie lange gibst du ihr?"

„Cooler Auftritt", konstatierte ich im Flüsterton an Jule gewandt und zwinkerte ihr zu. Jule musste sich das Lachen verkneifen: „Ja, auf jeden Fall. Ich gucke gleich mal, ob ich was im Internet über sie finde. Wie lange gibst du ihr?" Dazu muss gesagt werden, dass Jule und ich uns einen Spaß daraus gemacht haben, den Werdegang der Dozenten zu erraten.

"Wie lange gibst du ihr?" hieß, dass ich einen Tipp darüber abgeben sollte, ob Dr. Kiesand schon mal an einer Schule gearbeitet hat (dass Leute, die angehende Lehrer ausbilden das getan haben, ist keine Selbstverständlichkeit!) und falls ja, wie lange sie es dort ausgehalten hat.

Ich musterte Dr. Kiesand, schürzte die Lippen und überlegte. Sie trug ein weißes, etwas unförmiges Shirt mit einer großen, türkisen Palme darauf. Um die Palme herum waren Glitzersteinchen appliziert. Dazu war ihre Wahl auf eine weiße Hose mit Schlag gefallen, die beim Gehen stets ein leises Knistern verursachte, wie man es von Regenjacken her kennt.

Es war nicht zu übersehen: Die Frau da vorne quälte sich

Wer seine Klamotten beim Teleshopping-Kanal bestellt, macht es sich vor einer Schulklasse nicht gerade leichter, so meine Erfahrung als Schülerin...Ihr Gesicht konnte ich nun besser erkennen, da sie, wenn auch immer noch mit eingezogenem Kopf, ihre Schweinsäuglein in der Zwischenzeit auf uns Studenten geheftet hat und ihren unsteten Blick nervös durch die Reihen wandern ließ.

Als ich sie so sah, befürchtete ich zunächst, sie leide an einer akuten allergischen Reaktion, da sich ihrem schweißglänzenden Gesicht sekündlich ein weiterer roter Fleck in der Größe einer Euromünze hinzufügte.

Die Dame, Ende 50, die noch keinen Ton hervorgebracht hatte, sah bereits aus wie das erste Opfer einer neuen Riesen-Masern-Variante, die nun auch zügig Hals und Dekolleté befiel. Es war nicht zu übersehen: Die Frau da vorne quälte sich. „Ein Jahr", gab ich mein Gebot ab. Jule nickte und begann mit der Internet-Recherche. Der Lautstärkepegel im Raum war bereits deutlich erhöht. Da die Dozentin keinen Piep herausbrachte, widmeten sich meine an Kummer gewöhnten Kommilitonen wieder ihren Gesprächen.

Mehr zum Thema: Die Leere in der Lehre

Da hatte es wohl jemand eilig an die Uni zurückzukehren

Jule hatte anscheinend etwas gefunden, denn sie stellte das Tippen und Wischen auf dem Display ihres Smartphones ein und las nun konzentriert. Schließlich hob sie den Kopf, nickte mir zu und pfiff leise anerkennend durch die Zähne: „Nicht schlecht gespielt, Larissa! Aber du liegst immer noch ein bisschen drüber. Sie hat laut der Fakultäts-Website 1982 Ihr Studium abgeschlossen und im gleichen Jahr begonnen, als Lehrerin zu arbeiten.

Leider gibt es hier keine Angaben zur genauen Anzahl an Monaten, aber es folgt hier ein Eintrag, der besagt, dass sie ebenfalls 1982 ein Forschungsstudium begonnen hat. Da hatte es wohl jemand eilig an die Uni zurückzukehren..." Ich überlegte kurz und sagte; „Das können ja dann wirklich nur wenige Monate gewesen, die sie es an der Schule ausgehalten hat...Und Politik ist ja nicht mal ein Fach, gegen das besonders viele Schüler einen Groll hegen und deshalb den Unterricht stören!", ich stupste die angehende Mathe-Lehrerin schmunzelnd mit dem Ellenbogen an.

Sie überging meinen Kommentar und teilte mir nach einem erneuten Blick auf ihr Smartphone mit: „Heidelore Kiesand hat nie Politik studiert, sondern russisch und französisch. Ich finde es schon unglaublich, dass jemand ohne nennenswerte Praxis-Erfahrung als Lehrer uns Lehramtsstudenten in Didaktik ausbilden soll.

Es klang, als habe ein Hundewelpe gefiept

Aber dass das Ganze dann auch noch in einem Fach stattfinden kann, dass Frau Doktor nicht mal selbst studiert hat..." Jule fehlten offenbar die Worte, statt den Satz zu beenden, blies sie die Backen auf. Ich fügte hinzu: „Ja und zu allem Überfluss heißt der Kurs hier auch noch "Wie POLITIKLEHRER sich selbst sehen". Plötzlich meinte ich von vorn einen Laut vernommen zu haben, es klang, als habe ein Hundewelpe gefiept.

„Oh, die Heidi legt los!", freute sich Jule zynisch grinsend und rieb sich die Hände, „Das wird ein Spaß." Wir machten es uns bequem und die Show begann: Heidi, wie wir und bald auch die anderen Studenten sie fortan hinter ihrem Rücken nannten, stach wahrlich nicht durch didaktische Expertise hervor.

Sie sprach zu leise, zu hoch und zu schnell, verhaspelte sich, vergaß und verlegte ihre Unterlagen, kratzte an ihren hektischen Flecken herum und schaute uns dabei mit weit aufgerissenen Augen an wie ein Reh im Lichtkegel. Hätte jemand in einem solchen Moment ein Portrait-Foto von ihr geschossen, der Betrachter könnte angesichts ihres Mimik-Spiels meinen, vor Heidi säßen die blutrünstigen Mitglieder der Manson-Family und keine Lehramtsstudenten.

Ein muffiger Geruch hatte den Raum erfüllt

„Also, hallo erstmal", keuchte sie mit hochrotem Kopf, „bevor wir gleich richtig, äh, loslegen, lasse ich jetzt ein paar, äh, Bücher herumgehen." Sie zog einige Wälzer aus einer Plastiktüte und legte sie vor dem Kommilitonen auf den Tisch, der ihr am nächsten war. „Das sind meiner Meinung nach Werke, die jeder moderne Politiklehrer zu Hause haben sollte und die sich wirklich gut für den, äh, Unterricht sind, äh, eignen."

Ich schnupperte. Ein muffiger Geruch hatte den Raum erfüllt, der mich irgendwie an den Keller des ehemaligen Schwesternwohnheims erinnerte, in dem ich seit einigen Jahren lebte. Eines der Bücher war nun bis zu mir weitergereicht worden und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich den Einband las: „Staatsbürgerkunde Klasse 7 - Einführung in die sozialistische Produktion", lautete der Titel.

Das Schulbuch für den „modernen Politiklehrer" war im Jahr 1987 vom „Verlag Volk und Wissen" in der DDR herausgegeben worden. Die anderen Bücher waren ähnlichen Alters - und ähnlicher Gesinnung entsprungen. Christoph, ein sonst eher schweigsamer angehender Sport- und Politiklehrer, hob die Hand und stellte die Frage, die uns allen unter den Nägeln brannte: „Dr. Kiesand, bei allem Respekt: Sie wissen schon, dass wir Politik studieren und nicht Geschichte? Als historisches Dokument kann man Schülern das bestimmt zeigen, aber wie soll das Buch für den ‚modernen' Unterricht taugen?"

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"Gute Frau, der Zug, in den Sie uns setzen wollen, ist abgefahren."

Da hatte er wohl Heidis wunden Punkt erwischt - sie lief puterrot an und konterte überraschend lautstark: „Nur weil die DDR nicht mehr existiert, hat die kommunistische Ideologie nichts von ihrer Aktualität und Relevanz verloren!" Täuschte ich mich oder sächselte Heidi plötzlich? „Als Politiklehrer haben GERADE Sie die Aufgabe, die Kinder über die Gefahren durch den Klassenfeind, äh...Kapitalismus aufzuklären!" Sie reckte die Faust in die Luft und sah uns Beifall
heischend an.

Jule stand der Mund offen - ich wusste bereits, dass ihr Onkel in der DDR im Knast gesessen hat, weil der Partei seine politischen Ansichten zuwider gelaufen waren. Christoph war nicht um Antwort verlegen: „Gute Frau, der Zug, in den Sie uns da setzen wollen, ist abgefahren. Vor fast 25 Jahren. Und das ist auch gut so."

"Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf."

Heidi blinzelte, als wäre sie gerade aus einer Narkose erwacht und ließ die Faust sinken, um einige Augenblicke lang völlig reglos zu verharren. Entweder sämtliche Mitglieder des Lehrstuhls hatten vor einiger Zeit gemeinsam „Jurassic Park" geschaut und oblagen nun dem Irrglauben, sie seien unsichtbar für Studenten, wenn sie nur still genug hielten oder Heidi hielt sich für ein Opossum, das sich bei Gefahr bekanntermaßen tot stellt. Als sie ihren akuten Ostalgie-Anfall überwunden hatte, holte sie Luft und sprach, nun wieder in Honecker-Stimmlage: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

Aber nun steigen wir erst einmal direkt in das, äh, Seminarthema ein." Es hätte auch heißen können: „Den Uni-Alltag in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf." Denn zuallererst ließ sie uns - klar - basteln. Wir schnitten Formen und Figuren aus großen Papp-Bögen aus und schrieben darauf Schlagwörter, die uns zum Thema „Guter Lehrer" einfielen.

Das schien an der Uni Seegow der heißeste Scheiß aus der Methoden-Kiste zu sein - hatte ich doch bereits im ersten Semester Selbiges in nahezu jedem Lehramts-Kurs tun müssen. Die Schnipsel hefteten wir dann, same procedure as every year, mit einem Magneten an die Tafel.

Es ist immer das Gleiche

Nachdem ich mit dieser fruchtbringenden Tätigkeit fertig war, hatte ich meinen Platz in der letzten Bank wieder eingenommen und inspizierte die „Ergebnisse": Schenkte man den Papp-Förmchen Glauben, war ein guter Lehrer „geduldig", „Kummerkasten" „kompetent", „fair", „selbstbewusst", „Streitschlichter", „belastbar" und „kreativ".

Der gleichen Meinung bin ich auch, aber als Heidi vor die Tafel und somit in mein Sichtfeld stolperte, um mit zittrigen Händen ein Taschentuch aus der Handtasche zu fingern und sich die rotbefleckte Stirn abzutupfen, lehnte ich mich zu Jule hinüber, zeigte mit dem Finger auf die Tafel und fragte so neutral, wie mir in Anbetracht der Situation möglich war: „Und Heidi gibt uns dazu jetzt wertvolle Tipps, ja?" Jule sah mich an und wirkte auf einmal ziemlich ernst: „Ne, DIE ganz sicher nicht. Das Problem ist nur, dass ich in diesem Laden bisher auch niemand anderen getroffen habe, dem ich das zutraue.

Es ist immer das Gleiche: Wir sammeln die netten Wörtchen da an der Tafel und dann ist die Sitzung `rum, wir gehen nach Hause und die Pappkärtchen landen im Müll..." Wie auf Geheiß erklang just in diesem Moment von vorn Heidis glockenhelles Stimmchen: „Soooo. Äh, na, gucken Sie mal. Das ist doch ein schöner Abschluss für heute.

"Was soll's. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können."

Eigentlich hatte ich noch einen Auszug aus einem Lehrbuch für Sie ausgedruckt, aber der muss mir irgendwie, äh, verschüttgegangen sein...", sie beugte sich über ihre Tasche und kramte noch einmal darin. Ihre Stirn glänzte noch immer schweißnass, einige Tröpfchen ergriffen die Gelegenheit zur Flucht und ließen sich zu Boden fallen. Endlich gab sie die Suche auf und schloss die Sitzung mit den Worten: „Naja, was soll`s. Bis nächste Woche dann." Was soll`s. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

Die Autorin betreibt den Blog Über Leben.

Bald erscheint ihr neues Buch Friss oder stirb: Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht.

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