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Wie man mit Glitzer-Klebstoff zum Sonderpädagogen wird

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GERMAN CLASSROOM
Florian Gaertner via Getty Images
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Es ist schon irgendwie witzig, dass gerade im Lehramtsstudium so viele Studierende "dem Unterricht fernbleiben".

Das Schwänzen funktioniert aber nicht überall: So werden zumindest in den Seminaren, die weit wenigen Teilnehmer als Vorlesungen haben, Anwesenheitslisten geführt.

Das Führen solcher Listen und die damit verbundene Anwesenheitspflicht sind laut einem Beschluss des Akademischen Senats eigentlich verboten, da Anwesenheit kein Bestandteil der Leistungserfassung sein darf.

Klar - fürs Herumsitzen gibt es halt keine Leistungspunkte. Aber aus Sicht der Lehrenden ist die Anwesenheitskontrolle, gegen die wir müden Studenten uns nie mit Nachdruck zur Wehr setzen, nachvollziehbar: Wer spricht schon gern vor leeren Rängen?

Wenn die Zuhörer nicht mit interessantem, relevantem Lehrstoff gelockt werden können, dann müssen sie eben zu ihrem vermeintlichen Glück gezwungen werden.

Die Seminarinhalte im Studium hatte ich mir anders vorgestellt

So kam es, dass ich mich auch um den Besuch folgenden Seminars nicht drücken konnte: Laut Titel beschäftigte es sich mit der "Psychologie des Lernens".

Ich hoffte auf die Vermittlung einiger Methoden, die meinen künftigen Schülern und vielleicht auch mir, das Pauken erleichtern. Mnemotechniken oder Assoziationsketten vielleicht. Weit gefehlt: Das Thema der ersten Wochen (!) war die Meeresschnecke (!) Aplysia.

Da sie, wie ich gelernt habe, über ein einfaches Nervensystem verfügt, lassen sich an ihr einfache Lernprozesse wie die Sensibilisierung gut darstellen.

Wir erfuhren, dass die Schnecke, wenn das Licht in ihrer Umgebung beispielsweise blau gefärbt ist und ihr anschließend ein Stromschlag verabreicht wird, sich nach einigen Wiederholungen schon angsterfüllt zusammenkrümmt, wenn die Umgebungsbeleuchtung entsprechend verändert wird, ohne dass ein Stromschlag folgt - sie hat das blaue Licht mit dem kommenden Schmerz assoziiert.

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Natürlich beschäftigten wir uns nicht das gesamte Seminar hinweg mit der Schnecke. Wir steigerten uns kontinuierlich bis zum Pawlowschen Hund, der ja bekanntermaßen bereits zu sabbern begann, wenn er nur Herrchens Schritte hörte.

Wie ich diese Seminarinhalte mit meiner späteren Lehrtätigkeit in Verbindung bringen soll, kann ich noch nicht sagen...

Vielleicht sollte ich Schüler für gute Leistungen oder gutes Betragen mit Würstchen belohnen, um sie ganz heiß auf meinen Unterricht zu machen?

Über den Werdegang meiner Dozentin konnte ich im Internet nichts finden

Was klassische Konditionierung betrifft, hat eine Dozentin vom Lehrstuhl für Sonderpädagogik den Dreh auf jeden Fall heraus: Bis heute vollführt meine rechte Hand unwillkürlich Bewegungen wie beim Malen eines Bildes, wenn ich nur an Dr. Bathe denke.

Bei ihr nahm ich an einem Kurs mit dem bedeutungsschwangeren Titel "SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf: Diagnostik, Förderung und Beratung" teil.

Ganz schön anspruchsvolle Thematik, dachte ich mir und googelte mal, woher die Dozentin ihr Knowhow dazu hatte. Leider ließ sich rein gar nichts über ihren Werdegang herausfinden.

Ärgerlich, denn zu gern hätte ich gewusst, womit die freundliche ältere Dame vor ihrer Arbeit an der Uni Geld verdient hat.

Unser erster Arbeitsauftrag: Eine Maske aus einem Pappteller basteln

Frau Dr. Bathe betrat den Raum stets ausgerüstet mit Kartons voller Wachsmalstifte, Scheren und Klebstoff. Strahlend verteilte sie in der ersten Seminarsitzung weiße Pappteller an uns.

Dann stellte sie sich vorn im Raum an die Tafel, faltete die Hände über ihrem runden Bauch zusammen und erteilte den Arbeitsauftrag: "So, und jetzt bastelt ihr alle aus eurem Pappteller eine richtig schöne Maske!"

Ihr konsequentes Duzen hat mich nie gestört - die Frau ist brutal sympathisch. Aber lernen kann man bei ihr leider nichts, außer man hat noch nie zuvor ein Bild gemalt oder Pappe zerschnitten.

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Ich saß mit meinen Kommilitonen an unserem Gruppentisch (Bathe: "Ist doch viel netter, wenn man ZUSAMMEN sitzt!") und starrte ratlos auf meinen Teller. Betretenes Schweigen erfüllte den Raum.

Die Dozentin animierte uns und flötete: "Na los, nur nicht so schüchtern! Kommt her und holt euch Scheren und Stifte! Wer sich beeilt, erwischt noch einen GLITZER-Kleber!"

Ich ergab mich, stand auf, besorgte mir alle für das Unterfangen notwendigen Utensilien und bastelte aus dem Pappteller eine Maske, um...Ja, um was eigentlich?

Wir hätten Dringend Informationen über Sonderpädagogik benötigt- stattdessen haben wir gemalt und gebastelt

Um mich herum ein Zimmer voller angehender Gymnasiallehrer, wie ich mitten im Studium davon überrascht, dass in unseren Klassen im Zuge der Inklusion Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen untergebracht werden.

Dringend hätten wir von der Sonderpädagogin Informationen darüber benötigt, welche besonderen Bedürfnisse diese Kinder haben und wie wir im Klassenverband für ein gemeinsames Miteinander sorgen können, ohne dass die Inklusionsschüler außen vor bleiben.

Anstelle dieser Informationen bekamen wir Masken aus Papptellern. Während wir vorzeichneten, klebten und schnippelten, erzählte Frau Doktor uns „von früher".

Wir erfuhren, dass sie mit einem Kurs einmal einen Ausflug in den angrenzenden Wald unternommen hat und jeder Teilnehmer dort einen Baum umarmte.

"So was Schönes! Das müsst ihr auch unbedingt mal machen!", empfahl sie mit Nachdruck.

In der darauffolgenden Seminarsitzung blieben mir Klebstoff- und Glitzerreste an Händen, Klamotten und Gesicht (wie kommen die da immer hin?) erspart. Heute wurde nicht gebastelt, sondern gemalt.

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Wir fertigten eine "Kritzelzeichnung" an. Hier die Anleitung dazu, vielleicht suchen Sie ja noch eine Idee für einen anstehenden Kindergeburtstag...:

Man fährt auf ein Startsignal hin mit einem Stift kreuz und quer über ein Blatt Papier. Auf ein weiteres Zeichen hin wird die Kritzelei eingestellt und man begibt sich zwischen all den gemalten Linien auf die Suche nach einer Form, die etwa einem bekannten Gegenstand ähnelt.

Das kann beispielsweise eine Vase oder ein Auto sein. Hat man etwas entdeckt, malt man die dazugehörigen Felder nach Belieben aus.

Um das Ganze abzurunden, bekommt die Kritzelzeichnung zum Schluss noch einen Titel, den man auf dem Kunstwerk notiert.

Sicherlich: Kritzelzeichnungen können Auskunft über motorische und kreative Fähigkeiten von Kindern geben. Aber kann ich mir darüber nicht auch bewusst sein, ohne dass ich eineinhalb Stunden lang selbst kritzle?

Und mal im Ernst: Keiner von uns Seminarteilnehmern würde später Sonderpädagoge werden! Wir studierten alle für gymnasiales Lehramt.

Auch die gehandicapten Kinder, die fortan Regelschulen besuchen und somit auch Teil meiner Klassen sein werden, lasse ich später bestimmt nicht solche Bilder anfertigen. Ich bin nämlich für deren Auswertung, geschweige denn für das Erstellen einer Diagnose, überhaupt nicht ausgebildet.

Es ist mir peinlich zu erzählen, was ich in meinen Seminaren gelernt habe

Wir haben in unserem Sonderpädagogik-Seminar nicht nur gemalt und gebastelt. Auch schriftstellerisch wurden wir tätig.

Ausgewählte Studenten nahmen ein Blatt Papier zur Hand und schrieben oben darauf einen Satz, welcher der Beginn einer Geschichte sein könnte.

Das Blatt wurde nun an den Sitznachbarn weitergereicht, welcher die Geschichte darunter um einen Satz ergänzte und das Papier so umknickte, dass der allererste Satz nicht mehr zu sehen war. Entsprechend agierte der Nächste.

Es durfte also immer nur der zuletzt geschriebene Satz unverdeckt sein. Hier das Ergebnis eines 90-minütigen Seminars an einer deutschen Universität:

"An einem lauen Sommermorgen setzten sich Lotte und Luise ihre Sonnenbrillen auf."
"Lottes Sonnenbrille war rot, Luises Brille schwarz."
"Sie tauschten die Brillen und sahen in den Spiegel."
"Beide fanden ihren neuen Look sehr witzig."
"Denn so konnten sie angemessen zur Fashion-Week in Paris gehen."
"Dort sind sie dann die Coolsten."

Es ist mir regelrecht peinlich, solche Begebenheiten aus meinem Uni-Alltag erzählen zu können, zu MÜSSEN.

Auf meinen Uni Abschluss bilde ich mir nichts ein

Zur Erinnerung: Drei Jahre lang habe ich Wartesemester gesammelt, drei Jahre hoffnungs- und erwartungsvoll einem Studium entgegengefiebert, das sich nun in weiten Teilen als Beschäftigungstherapie entpuppte.

Daher sollen Sie eines unbedingt wissen: Auf meinen Uni-Abschluss bilde ich mir nichts ein. Wirklich gar nichts.

Und selbst vom bloßen Anschein einer professionell ausgebildeten Intellektuellen war ich meilenweit entfernt, wenn ich täglich mit vor Anstrengung hochrotem Kopf und klappernden Rucksackschnallen vom Campus zum Zug wetzte und umgekehrt.

Von Larissa Sarand, Autorin und Bloggerin

Die Autorin betreibt den Blog Über Leben.

Bald erscheint ihr neues Buch Friss oder stirb: Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht.

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