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Das große Fressen

17/05/2017 12:12 CEST | Aktualisiert 17/05/2017 12:16 CEST
Larissa Sarand

Die Magersucht hat ihre „Funktion" verloren und mich verlassen - sie versucht es zumindest. Irgendwann war es mir einfach nicht mehr möglich, meine gewohnten, verrückten Strategien und Ernährungspläne ein- und durchzuhalten.

Ich war am Ende meiner Kräfte. Die Selbstkasteiung, die ich mir verordnet hatte, war nicht mehr zu ertragen. Ich empfand diese Tatsache nie als Zeichen der Schwäche, was mich selbst hin und wieder wundert. Denn eine Magersucht „durchzuziehen" erfordert sehr viel Stärke, Disziplin und vor allem: Kontrolle.

Kontrolle ist wohl für die meisten, die an dieser Krankheit leiden, das zentrale Thema. Der unbedingte Wunsch, das eigene Leben im wahrsten Sinne des Wortes unter Kontrolle zu bringen, öffnet der Magersucht Tür und Tor.

Mein Vater starb an Krebs, meine Mutter nahm sich das Leben

Denn wir alle wissen: Das Leben steckt voller Überraschungen und bei weitem nicht alle davon sind freudiger Natur. Bei mir begann die ganze Scheiße, als 2014 zuerst mein Vater an Krebs verstarb und sich sechs Wochen später meine Mutter das Leben nahm.

Jetzt könnte man (tiefen-)psychologisch die Beweggründe untersuchen, die mich in die Magersucht geführt haben, obgleich bei meiner Familiengeschichte wohl kein Doktortitel von Nöten ist, um hierfür irgendeine Erklärung zu finden.

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Doch darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen. Vielmehr möchte ich mich einem Thema widmen, dass - so zumindest mein persönliches Empfinden - fast noch unangenehmer ist als die Magersucht an sich und worüber öffentlich kaum geredet wird: Nämlich dem, was passiert, wenn man die Krankheit endlich hinter sich lassen möchte.

Also aufgepasst, liebe Mitstreiter/innen, deren Angehörige und Freunde: Zunächst ging es meinem Tiefkühler an den Kragen. Mir wurde schon übel, wenn ich nur an die etlichen Tüten Wokgemüse (17kcal á 100g) dachte, die sich darin befanden.

Ich habe die Erbsen aussortiert

In meinen „Hochzeiten" hatte ich aus diesem vor Verzehr wie das Aschenputtel auch noch die Erbsen aussortiert, weil diese in meinen Augen zu viele Kohlenhydrate enthielten. Die TK-Beutel wanderten ebenso in den Abfall wie der 0,1%-Joghurt, den ich mir hin und wieder mit Flüssig-Süßstoff und Zimt „gegönnt" hatte.

Zimt: Die Schokolade der Magersüchtigen - ihr wisst, wovon ich rede. Ich schwor mir, ab sofort das Kalorienzählen bleiben zu lassen und mich einfach wieder ganz „normal" zu ernähren.

In dieser (sehr, sehr kurzen) Phase erlebte ich geradezu ein High. Ich war voller guter Vorsätze und unbedingt gewillt, endlich wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem sich nicht alles, wirklich alles, ums Thema Essen drehte.

Ich mottete meine Waage im Keller ein und ging etwas essen. Gebratener Tofu (Öl!) mit Gemüse, Erdnusssauce (mehr Kalorien als Schokolade!) und Reis (Kohlenhydrate!). Ich aß die ganze Portion und löffelte sogar die Sauce komplett auf. Nachtisch (!): Russischer Zupfkuchen (Fett! Zucker!). Zu diesem Zeitpunkt wog ich etwa 40 Kg bei einer Größe von 165 cm.

Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen außer: ‚Essen! Sofort!' Gern hätte ich mich nun mit einem Apfel begnügt, aber stattdessen griff ich quasi ferngesteuert zu dem Glas Zuckerrübensirup. Vier Zuckerbrote später fand ich mich vollkommen überfressen und ratlos an meinem Küchentisch wieder. Was war hier los?

Das Hungergefühl mit Kaffee und Kippe überbrücken

Ich war total K.O. und musste mich erst einmal auf die Couch legen und von dem Gelage erholen. Ich döste ein und kam etwa eine Stunde später zu mir, stand auf und: hatte Hunger. Das durfte doch nicht wahr sein! Vor meinem geistigen Auge ploppten wie in Sprechblasen Bilder von Streuselschnecken, gefülltem Bienenstich und Schokolade auf. War ich jetzt verrückt geworden?!

Mit aller Kraft widerstand ich diesmal meiner Meinung nach absolut „unvernünftigen" Hungergefühl und versuchte es mit Kaffee und Kippe zu überlisten. Ich hatte bereits einen Großteil meiner 2000 kcal zum Frühstück verdrückt - wenn ich jetzt schon wieder etwas aß, musste ich den Rest des Tages fasten (...was einem eine Essstörung halt so weismachen will).

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Ich versuchte mich abzulenken, wusch Wäsche, staubsaugte und zog mir schließlich meine Jacke über, um einen Spaziergang zu machen. Ich kam an einer Bäckerei vorbei und irgendetwas in mir kaufte eine Streuselschnecke.

Ich atmete sie noch im Gehen förmlich ein, obwohl ich mir vorgenommen hatte, diese zumindest in Ruhe zu Hause vor dem Fernseher zu genießen, wenn mich schon dieser ominöse Drang nach der Kalorienbombe überfiel.

Ich ging in den Supermarkt und kaufte 0,1%-Joghurt, damit ich zum Abendessen überhaupt noch etwas essen „durfte" (...was einem eine Essstörung halt so weismachen will). Als mich zu Hause beinahe umgehend erneut der Hunger heimsuchte, langte ich aber stattdessen erneut ins Brotregal. Eine Scheibe jagte die nächste, bis die Tüte leer war. Ich saß über meinem leeren Teller und heulte.

Ich bin von der Magersucht in die Esssucht gerutscht

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Ich berichtete meinem Psychotherapeuten davon. Er blieb - wie eigentlich immer - cool und brachte mich damit fast zur Weißglut. Ich war mir mittlerweile überzeugt, von der Magersucht in die Esssucht gerutscht zu sein. Symptomverschiebung eben.

Mein Therapeut sagte mir, dass sich die extreme Kontrolle, die ich zuvor fast zwei Jahre lang praktiziert habe, nun ins Gegenteil verkehrt habe und sich mein Essverhalten mit der Zeit wieder „einpendeln" würde.

Ich solle das aushalten und keinesfalls restriktive Gegenmaßnahmen wie das Auslassen von Mahlzeiten oder exzessiven Sport ergreifen. Ich vertraue meinem Therapeuten blind und beschloss, mich auf dieses „Experiment" einzulassen. Dennoch: Seine Antwort genügte mir nicht.

Ich fühlte mich in meinen Essattacken fremdgesteuert, konnte ihnen nichts entgegensetzen und litt immens darunter, all die „verbotenen" (...was einem eine Essstörung halt so weismachen will) Lebensmittel plötzlich sprichwörtlich in mich hineinstopfen zu müssen.

Ich googelte und stieß auf unzählige Diskussionsforen, in denen andere „Aussteiger" ebenfalls von Essanfällen berichteten, denen sie sich ohnmächtig ausgeliefert sahen. Alle waren mit den Nerven am Ende und die Antworten auf ihre Hilferufe waren genauso hilfreich, wie sie auf solchen Portalen fast immer sind: „Such dir mal ne Therapie", „Iss doch einfach, wenn du untergewichtig bist", „Was für ein first world problem"...

Mein Körper schrie nach Fett und Zucker

In einigen Beiträgen erzählten Betroffene, dass die Anfälle nach einiger Zeit wieder verschwanden. In einem anderen aber, der mir bis heute wie Scheiße am Schuh im Kopf hängen geblieben ist, stand, dass die Autorin an diesen Attacken nun seit eineinhalb Jahren leide, sie mittlerweile 30 kg Übergewicht hat und mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen. Kann ich nachvollziehen, wirklich.

Ich hockte vorm PC, heulte und aß tafelweise Schokolade, ohne sie genießen zu können. Nahm ich Salat oder irgendein Gemüsegericht zu mir, schien es förmlich durch mich hindurchzufallen - und mein Körper schrie sofort wieder nach allem, was Fett und Zucker enthielt. Ich hatte die Kontrolle verloren.

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Nach einem besonders heftigen Anfall zitterte ich vor Verzweiflung und Überzuckerung. Es war unerträglich und ich ging ins Bad, hockte mich über die Kloschüssel und steckte mir den Finger in den Hals.

Glücklicherweise - und das meine ich ernst - habe ich irgendeinen Defekt von meiner Mutter geerbt und kann mich nicht übergeben. Ich hatte mal einen Magen-Darm-Infekt und mir sind beim Kotzen die Äderchen im Gesicht geplatzt. Ich sah tagelang aus wie einem Horrorfilm entsprungen.

Selbstinduziertes Erbrechen ist mir schlicht und ergreifend unmöglich und das ist ein Segen, denn mittlerweile weiß ich, dass viele Magersüchtige, die der Krankheit den Kampf ansagen, bei Auftreten der Fressanfälle in die Bulimie und somit in einen Teufelskreis rutschen, der die Magersucht im Vergleich dazu wie eine leichte Aufwärmübung erscheinen lässt.

Vier Wochen fressen, heulen, fressen,

heulen

Die gesamten Herbstferien lang hielt ich noch durch. Mittlerweile lagen vier Wochen fressen und heulen, fressen und heulen hinter mir. An Verabredungen mit Freunden oder andere Freizeitaktivitäten war nicht zu denken.

Täglich machte ich gut und gerne 5000 kcal platt und litt psychisch und physisch (mein Verdauungsapparat war absolut überfordert) Höllenqualen. Das Gefühl des absoluten Kontrollverlusts empfand ich mittlerweile als derart frappierend, dass Suizid für mich ernsthaft als Ausweg in Betracht kam.

Nun neigten sich die Ferien dem Ende entgegen und ich sollte als Referendarin gleich am ersten Schultag eine Lehrprobe absolvieren. Unter Aufarbeitung aller mir verbliebenen Kräfte brachte ich diese mit strahlendem Gesicht hinter mich - um am Nachmittag mitten in der Lehrerkonferenz in Tränen auszubrechen.

Ich war fertig mit den Nerven, konnte die Anfälle nicht mehr ertragen und steuerte, wie viele in dieser Phase, umgehend wieder in die entgegengesetzte Richtung: Wieder Wok-Gemüse im Tiefkühler, tägliche strenge Jogging-Einheiten und generell Bewegung, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot. Die Anfälle wurden weniger.

Jetzt weinte ich, weil ich wieder dort angelangt war, von wo ich auszubrechen versucht hatte. Auf Druck von Freunden ließ ich mich in der folgenden Woche krankschreiben und heulte nun zusätzlich, weil ich mich als Versagerin fühlte. Ich wälzte Fachliteratur und Websites, bis mir die Buchstaben vor den Augen verschwammen und fand keine Hilfe.

Ich studierte nun amerikanische Homepages und stieß auf letsrecover.tumblr.com. Unten auf der Seite findet sich eine Liste mit zwölf Artikeln, unter anderem vom Eating Disorder Institute, die sich mit den „Ausstiegsproblemen" aus einer Essstörung befassen.

Der zweite Artikel sprang mir sofort ins Auge. Überschrift: „extreme hunger". Die Abhandlung beschreibt, wie es zu diesem Phänomen kommt. Das zunächst freiwillige Erhöhen der täglichen Kalorienzufuhr ist für deinen Körper wie eine Art Weckruf.

Ich werde nicht unglücklich bleiben, nur weil es einfacher ist

Die Hungersnot ist vorbei und er bemüht sich, so schnell wie möglich Reserven anzulegen, falls erneut eine Hungerphase auftreten sollte. Dein Körper hat das Vertrauen darin verloren, dass du ihn täglich mit einer ausreichenden Menge an Energie versorgst.

Ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich werde nicht unglücklich bleiben, nur weil es einfacher ist. Denn irgendwann ist es tatsächlich leichter, mit der Krankheit zu leben als den beschwerlichen Weg zur Genesung anzutreten.

So habe ich vor einigen Wochen erneut das „Experiment" gestartet. Wieder trat wenige Tage, nachdem ich die Kehrtwende in Richtung erhöhter Kalorienzufuhr gemacht hatte, der Heißhunger auf.

Ich will ehrlich bleiben: Die Magersucht ist ein Spaziergang im Gegensatz zu dem, was ich hier erlebe. Jeden Tag schiebe ich, trotz allem was ich nun weiß, die böse, kleine Stimme beiseite, die mir einreden möchte, dass ich nun ein Leben als Binge-Eater führen muss oder dass es sich bei meinen Anfällen um emotionales Essen handelt.

Schon einmal habe ich auf eine böse, kleine Stimme gehört: Die hat mir damals gesagt, ich dürfe nicht mehr als 1200 kcal am Tag zu mir nehmen und müsse außerdem jede Menge Sport treiben, um unbedingt ins Energiedefizit zu gelangen.

Ich war nicht gut damit beraten, ihr zu glauben und diesen Fehler mache ich kein zweites Mal...Gut, das mit dem gesunden Maßhalten beim Sport hab ich noch nicht drauf - aber wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Mittlerweile überkommen mich die Anfälle nicht mehr bei jeder Mahlzeit und ich kann sogar schon ein paar anfallfreie Tage verbuchen. Ich esse und heule und esse und heule. Mal mehr, mal weniger.

Ich wiege derzeit 49 kg, mein Körper fühlt sich fremd an

Vor ein paar Tagen habe ich eine mehrstündige Unterhaltung mit einem Freund geführt und hinterher verblüfft festgestellt, dass ich während der gesamten Zeit nicht an Essen gedacht habe. Das hat es seit zwei Jahren nicht gegeben.

Ich wiege derzeit 49 kg, mein Körper fühlt sich fremd an und ich habe Schwierigkeiten damit, mich im Spiegel anzuschauen. Die Veränderungen in meinem Kopf kommen denen meines Körpers nicht schnell genug hinterher - obwohl ich es nie „schön" fand, dass ich aussah wie ein Skelett auf zwei Beinen...

Aber: Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass mein Herzschlag sich plötzlich verlangsamt und ich befürchten muss, dass es seinen Dienst versagt. Ich friere nicht mehr ständig. Nachts wache ich nicht vor Schmerzen auf, wenn die knorrigen Knie aufeinander liegen.

In der U-Bahn werde ich nicht mehr angestarrt. Vor ein paar Tagen wurde ich das erste Mal nach langer, langer Zeit auf der Straße wieder von einem Mann angelächelt. So falsch kann der Weg also nicht sein, auf dem ich mich befinde.

Im April 2017 war es soweit: Ich habe es mir zwar nicht vorstellen können, aber das große Fressen hat tatsächlich ein Ende gefunden. Nach zunehmend abnehmender Frequenz bin ich nun seit mehr als einem Monat komplett "anfallfrei" und wage es nun langsam, dem Frieden zu trauen.

Traut euch, durchzuhalten!

Und um weiterhin so ehrlich zu bleiben, wie ich es auch bisher war, muss ich aus persönlicher Erfahrung heraus noch eine Warnung absetzen: Wenn die unfreiwillige Völlerei vorüber ist, ist die Versuchung hoch, wieder in "alte Muster" zu verfallen - der innere Drang, sich selbst durch anorektische Verhaltensweisen seiner wiedergewonnenen Autonomie zu versichern, ist stark.

Ich habe dadurch bereits wieder zwei Kilo verloren und nun meine liebe Müh, mir diese (dringend notwendigen!) wieder zurück zu erkämpfen. Wir müssen also auch weiterhin wachsam bleiben und dürfen uns keinesfalls in die eigene Tasche lügen.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog der Autorin.

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