BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Larissa Sarand Headshot

Mit Filme schauen zum Lehrerberuf: Was wir in der Ausbildung lernen, kann ich im Schulalltag nicht gebrauchen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHOOL MOVIE
serts via Getty Images
Drucken

Auf dem Plan stand heute "Filmbildung im Politikunterricht". Wow, früher hatte mein PW-Lehrer einfach eine DVD eingeworfen, wenn es sich gerade thematisch (oder nach dem Lustprinzip) anbot - jetzt aber machte die Uni eine Wissenschaft daraus und beschäftigte uns ein gesamtes Semester damit.

Als Lehrkraft präsentierte man uns eine etwa 25-jährige schmallippige Blondine mit Vokuhila-Frisur, Cindy Flatow. Wir mussten nicht Adam Riese sein, um uns ausrechnen zu können: Auf eigene ausgeprägte Unterrichtserfahrungen konnte die Dozentin schon in Ermangelung von Lebensjahren nicht zurückgreifen.

Die junge Dozentin hatte Angst, dass wir sie nicht ernst nehmen

Der Kurs über die Wissenschaft des Filmguckens ging nicht nur satte drei Stunden statt der üblichen eineinhalb, sondern fand zu allem Überfluss auch noch freitags statt. Uns allen steckte die Woche in den Knochen.

Es war nicht ungewöhnlich, dass junge Lehrende sich von uns Studenten beim Vornamen rufen ließen, die Atmosphäre im Raum wurde dadurch oft für alle Anwesenden angenehmer - und am Freitagnachmittag musste man sich das Leben ja nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Aber als ein Kommilitone höflich anmerkte, es wäre doch nett, wenn wir uns zu Gunsten der guten Stimmung duzten, reagierte das Fräulein Flatow verschnupft: "Ich schlage vor, wir bleiben beim ‚Sie'. Und da ich dieses Seminar leite, ist mein Vorschlag de facto eine Anweisung. Haben SIE das verstanden?" Ein noch ausgeprägteres Dominanzverhalten hätte die junge Frau nur an den Tag legen können, indem sie ihren Rock lüftete und in die Ecken des Seminarraums pinkelte, um ihr Revier zu markieren.

Mehr zum Thema: Ich wollte Lehrerin werden, doch was wir in der Uni gemacht haben, ist einfach nur peinlich

Vielleicht fürchtete sie, dass uns das "Du" dazu bewegt hätte, aus plötzlichem Mangel an Respekt heraus wie die Viertklässler schreiend über die Bänke zu springen und Papierflieger durch den Raum segeln zu lassen. Nun gut, woher hätte sie es besser wissen sollen? Nun klärte sie uns über die Inhalte des Kurses auf:

"Wenn Sie praxisnah arbeiten möchten, machen Sie eine Ausbildung zum Schlachter"

"Zugehört: Sie suchen sich gemeinsam mit ein, zwei Kommilitonen einen Film aus der Box Office Top 100 aus. Über den fertigen Sie eine Hausarbeit an. Ich teile Ihnen gleich Hinweise aus, wie diese Arbeit auszusehen hat und weise schon jetzt darauf hin, dass jede Abweichung von der geforderten Reihenfolge oder Formatierung für Sie Punktabzug zur Folge hat. Sie werden in der Arbeit Informationen über den Film listen und darlegen, warum er sich für den Einsatz im Politikunterricht eignet. Zusätzlich zu der Arbeit werden Sie hier im Raum eine Art Marktstand aufbauen, an dem Sie kreativ Werbung für Ihren Film machen. Fragen?"

Meine Freundin Lena meldete sich: "Ich hab diese Box Office gerade mal mit dem Smartphone im Internet aufgerufen. Da sind ja nur Blockbuster drin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit meinem Politik-Kurs später solche Filme schaue!", sie zog nun ihr Smartphone unter dem Tisch hervor und gab die Titel einiger Filme zum Besten: "‚Titanic', ‚Fluch der Karibik', ‚Toy Story 3', ‚Jurassic Park', ‚König der Löwen'...Was soll ich damit im PW-Unterricht anfangen?"

Frau Flatow war offenbar auf diese Frage vorbereitet und antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Die theoretische Vorgehensweise steht im Vordergrund, nicht die praktische Anwendung. Wenn Sie praxisnah arbeiten möchten, machen Sie eine Ausbildung zum Schlachter." Ich runzelte die Stirn. In guter, alter Tradition öffnete nun auch ich Google.

Und siehe da: Bereits nach kurzer Suche war klar, dass die Frau mit der unablässig übelgelaunten Victoria-Beckham-Fratze an ihrer Doktorarbeit schrieb. Thema: Der Filmeinsatz im Politikunterricht anhand mehr oder minder aktueller Blockbuster. Wie sie auf den Quatsch gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Sogar eine Homepage hatte sie eingerichtet, um über ihr Projekt zu informieren.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Die Dozentin wollte uns für ihre Doktorarbeit schuften lassen

Die Lage war eindeutig: Sie hatte deshalb schon vorab mit Punktabzug bei Abweichung von ihren Vorgaben gedroht, weil sie unsere Arbeiten dann weniger gut in ihre Dissertation einfließen lassen konnte. Für einen Doktortitel war es nötig, eine Vielzahl eigens erforschter Ergebnisse und Erkenntnisse vorzulegen. Doch warum sollte sich die Xanthippe selber daran abarbeiten?

Dafür waren wir ja da! Ich schnaubte verächtlich, als ich mein Smartphone wieder in die Tasche steckte. Das war nicht das erste Mal, dass wir Studis als bloße Datenlieferanten für irgendwelche Arbeiten der Dozenten hinhalten mussten. Aber so einen Unsinn wie hier habe ich dabei nie veranstalten müssen.

Meine Kommilitonin Lena und ich schlossen uns für die sinnbefreite Gruppenarbeit zusammen und wählten nach längerer, ratloser Suche aus der Blockbuster-Liste "Forrest Gump" aus. Damit hatten wir das kleinste Übel erwischt, so unsere Meinung. Immerhin könnte man den im Film dargestellten Vietnam- Krieg THEORETISCH im Politik-Unterricht thematisieren - auch, wenn dieser in keinem Bundesland auf dem Lehrplan für Politische Bildung steht.

Am Ende präsentierten wir ein Papp-Plakat und ein Paar Pralinen

Und so saßen wir wieder einmal zu Hause an unseren Schreibtischen und bastelten, was das Zeug hielt, um unsere Marktstände zu präparieren. In der Sitzung, in der wir unsere "Ergebnisse" präsentieren sollten, stellten Lena und ich ein großes Papp-Plakat auf unser Tischchen, auf dem wir einige Fotos von Protagonisten und Schlüsselszenen des Films geklebt hatten.

Davor verteilten wir Pralinen und vereinzelte Federn, die ich aufopferungsvoll meinem heimischen Daunenkissen entrissen hatte. Die Flatow flanierte durch den Raum und besah sich die Stände der jeweiligen Gruppen. Als sie bei uns angelangt war, zitierte die tapfer lächelnde Lena inbrünstig Forrest Gump: "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen - man weiß nie, was man kriegt!" und offerierte der Dozentin lächelnd ein Milka-Praliné.

Die Wasserstoff-Blondine zog die Augenbrauen hoch und verzog das Gesicht, als wäre ihr kein Schokoladenstück, sondern ein Miniatur-Kuhfladen angeboten worden. Schweigend rümpfte sie die Nase und machte sich eine Notiz auf ihren Schreibblock, bevor sie kommentarlos zum nächsten Stand weiterzog.

Mehr zum Thema: Es werden Lehrer auf die Kinder losgelassen, die keine Ahnung von Schule haben

Lena sah abwechselnd auf ihre Pralinés und den Rücken der Doktorandin. "Sind der Alten unsere Zuarbeiten für ihren Doktortitel nicht gut genug oder guckt sie wirklich IMMER so, als ob es um sie herum nach Furz riecht?", fragte Lena mich leise und naschte nun eben selbst von der Schoki. Ich musste über den treffenden Vergleich herzlich lachen und drehte dann selbst eine Runde durch den Raum, um zu begutachten was sich meine Mitstreiter aus den anderen Gruppen haben einfallen lassen.

Da fungierten - untermalt von Celine Dións "My heart will go on", das vom Band lief - Schiffchen aus Legosteinen als Titanic-Wrack, maskierte Kommilitonen mimten den Helden aus "Iron Man" und kleine Plastik-Simpsons aus dem Überraschungs-Ei zierten den Marktstand zu dem Film über die gelben Zeichentrickfiguren. An kreativen Bastelarbeiten mangelte es nirgends - gelernt ist eben gelernt.

Später sind unsere Arbeiten im Müll gelandet

Mit der Doktorarbeit des Fräulein Flatulenz' hatte das alles freilich nichts zu tun - dafür benötigte sie lediglich unsere schriftlichen Ausführungen - aber mit irgendetwas musste sie den Seminarplan ja füllen, nicht wahr...? Es war mir ein Rätsel, wie es dieses Konglomerat der Peinlichkeiten als Seminar auf den Studienplan geschafft hatte.

Da hatte offenbar irgendein Entscheidungsträger die junge Frau mit der sympathischen Ausstrahlung eines Bolzenschussgerätes bei ihrer Dissertation unterstützen wollen und einen passenden Kurs erstellt.

Zum Semesterende hin fertigten wir fatalistisch die geforderten Hausarbeiten an, in denen wir wie vorgegeben Regisseur und Schauspieler benannten und ein Kapitelprotokoll erstellten. Das nennt sich dann also wissenschaftliches Arbeiten.

Übrigens stellte sich später heraus, dass die Flatulenz ihre Dissertation trotz unserer tatkräftigen Unterstützung nicht fertig schrieb. Ziemlich plötzlich hatte sie die Universität als Mitarbeiterin verlassen und auch die Internetseite über ihr Film-Projekt ist gelöscht.

So habe ich ein komplettes Semester lang die Freitage in der Uni gehockt, gebastelt und geschrieben, was mir aufgetragen wurde und sämtliche Resultate wanderten wohl schließlich dorthin, wo sie hingehören: In den Müll.

Die Autorin betreibt den Blog Über Leben.

Bald erscheint ihr neues Buch Friss oder stirb: Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht.

2017-08-21-1503315748-514944-index.jpg

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');