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Nach einer Stunde als Lehrervertretung wusste ich, was an deutschen Schulen so katastrophal schief läuft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GERMAN CLASSROOM
Florian Gaertner via Getty Images
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Vielleicht hätte ich mich mit dem Job als Lehrer anfreunden können. Vielleicht hätte ich einfach das ein oder andere Erlebnis verdrängen sollen. Doch in meiner kurzen Zeit als Referendarin haben sich zu viele Momente ereignet, in denen ich dachte: An deutschen Schulen läuft einiges schief.

Was die Uni stets erfolgreich zu unterbinden wusste, würde sich im Referendariat nicht mehr vermeiden lassen: Ich würde etwas lernen. Tat ich auch. Ich habe gelernt, dass ich keine Lehrerin sein möchte.

Der Schulalltag


Von vorn: Mir wurde ein Ausbildungsplatz an einem sehr guten Gymnasium im Berliner Speckgürtel zugeteilt.

"Sehr gut" bedeutet, dass die Schüler aus gutbürgerlichen, bildungsnahen Haushalten stammen, ihnen von zu Hause aus die hohe Relevanz schulischer Bildung nahegebracht wird und sie sich daher im Unterricht artig betragen, ihre Hausaufgaben erledigen und nach guten Noten streben.

Das Lehrerkollegium pflegt einen entspannten, freundlichen Umgang miteinander und alle erledigen ihren Job, sofern ich das beurteilen kann, gut. Kurzum: Der Laden läuft - ich hätte es kaum besser treffen können. Naja, fast.

Leider hatte mein Alltag dort weniger mit unterrichten und mehr mit rumsitzen zu tun. In Fachkreisen nennt man das "Unterrichtshospitation".

Auf Deutsch: Zusehen, wie Schüler mit müden Gesichtern Tabellen zeichnen, Versmaße bestimmen und über "Lernerfolgskontrollen" brüten und sich auf einem Stuhl hinten im Klassenzimmer den Arsch platt sitzen.

Nervös wandern die Blicke der Schüler abwechselnd nach vorn Richtung Lehrer und auf den Testbogen ihres Sitznachbarn. In ihren Augen die blanke Panik, wenn sie eine Aufgabe nicht bearbeiten können und die Eins somit in unerreichbare Ferne rückt.

Notengeile Kinder sagen das, was der Lehrer hören will


Ja, ich hätte einen großartigen Job, wenn mir nicht so verdammt gegen den Strich ginge, dass die notengeilen Kinder in Unterrichtsgesprächen auf die Fragen des Lehrers nur mit Aussagen antworten, die dieser vermeintlich hören will.

Fragt man sie zu einem Thema nach ihrer eigenen Meinung, bleiben die Arme, insbesondere die der Mädchen, unten.

Als ich in einer neunten Klasse eine Vertretungsstunde über die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen hielt, teilte ich einen Arbeitsbogen aus, den ich über die Bundeszentrale für Politische Bildung gefunden hatte.

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Auf diesem waren einige Thesen formuliert, denen die Schüler durch das Setzen eines Kreuzchens zustimmen oder sie ablehnen konnten.

Eine der plakativen Behauptungen lautete: "Männer sollten immer die Hauptverdiener einer Familie sein." In der gemeinsamen Auswertung stellte sich heraus, dass selbstverständlich alle 25 Nasen im Klassenzimmer ihr Kreuz brav bei "Nein" gesetzt hatten.

Ich notierte das Ergebnis an der Tafel, wo sich bereits eine stattliche Anzahl an emanzipierten und politisch korrekten Schülerantworten gesammelt hatte.

Bei nahezu jeder einzelnen These hatten die Schüler offenbar ein und dieselbe "Meinung", die in höchstem Maße von Toleranz, Solidarität und einem ausgeprägten Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit zeugte.

Eher wird Robert Geißen der nächste deutsche Bundespräsident als dass in dieser Klasse eine kontroverse Diskussion geführt wird.

Zeit für ein Gedankenexperiment

Ich hielt kurz inne und besah mir das Tafelbild, das jedem Gleichstellungsbeauftragten Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte. Dann drehte ich mich zurück zu den Schülern und wich vom geplanten Stundenverlauf ab:

"Ich wende mich jetzt an die Jungs der Klasse. Geht mal kurz in euch und stellt euch vor, ihr wärt jetzt Mitte Dreißig und hättet eine kleine Familie. Eure Ehefrau verdient 1000 Euro mehr pro Monat als ihr.

Dank ihres guten Verdienstes könnt ihr euch Dinge leisten, die sonst nicht möglich wären. Das ist natürlich eine gute Sache. Und jetzt Hand aufs Herz: Wer von euch hätte - trotzdem oder gerade deswegen - heimlich ein Problem damit, dass er weniger Geld nach Hause bringt als seine Frau?"

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Kein einziger Schüler zeigte auf, aber ich beobachtete, wie einige der Jungen sich gegenseitig angrinsten und bedeutungsschwangere Blicke austauschten.

"Das hier ist eine Vertretungsstunde und ich verteile heute keine Noten", setzte ich nun hinzu. Und siehe da: Ein Arm nach dem anderen wurde zögerlich in die Höhe gereckt.

Von 14 Jungen in der Klasse beantworteten schließlich 13 die Frage, ob sie ein Problem damit hätten, wenn ihre Frau mehr verdient als sie selbst, mit "Ja".

Es geht um die mündliche Note

Ich schrieb das Resultat der Abstimmung neben das unisono angekreuzte "Nein" auf die Behauptung hin, Männer sollen in der Familie die Rolle des Hauptverdieners einnehmen. "Warum habt ihr da dann eben mit ‚Nein' geantwortet?", fragte ich ins Plenum.

"Naja, weil das halt die richtige Antwort ist", konstatierte David aus der zweiten Reihe frei heraus. "MELDEN, bevor man spricht!", wies Sonja ihn von hinten zurecht.

Ich hob, nicht ohne innerlich mit den Augen zu rollen, beschwichtigend die Hände in Sonjas Richtung zum Zeichen, dass es gerade okay war, diese unumstößliche Regel einmal zu umgehen und wandt mich an David: "Aber ihr solltet ja ankreuzen, welcher Aussage ihr persönlich zustimmt oder nicht. Kann es da denn ‚richtig' oder ‚falsch' geben?"

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"Klar", schaltete sich nun Max im Brustton der Überzeugung ein, "es geht hier ja immerhin auch um die mündliche Note!"

Ich habe mich nicht für den Lehrerberuf entschieden, weil ich kleine Köpfe so gern mit all dem großen Unsinn füttern wollte, die die Lehrpläne uns diktieren.

Diesen stehe ich nicht zuletzt so kritisch gegenüber, weil mich die dortigen Formulierungen daran zweifeln lassen, dass es den Autoren darin tatsächlich um die Förderung und Entwicklung junger Menschen geht.

Warum ich überhaupt Lehrerin werden wollte

Wenn man mich fragen würden, was ich am Deutschunterricht als besonders wichtig ansehe und ich würde mit einem Zitat aus dem Lehrplan antworten - man würde, nicht zu Unrecht, an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln:

"Im Mittelpunkt des Deutschunterrichts stehen die Lernenden als lesende, schreibende, sprechende und urteilende Individuen, die zur selbstständigen und kompetenten Teilnahme am kulturell-ästhetischen, geistigen, politischen und gesellschaftlichen Leben befähigt werden sollen."

Das klingt fast ein wenig unheimlich, oder?

Warum ich überhaupt Lehramt studiert habe? Mich hat durchaus die Aussicht darauf gereizt, Kinder und Jugendliche beim Erwachsenwerden zu begleiten, ihre Entwicklungen mitzuerleben und vor allem: Ihnen helfend zur Seite zu stehen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten.

Wenn das im Schulbetrieb doch nur so einfach wäre...

Ich bekam es mit Fridolin zu tun. Fridolin ist 14 Jahre alt und, euphemistisch ausgedrückt, eine Herausforderung. Schon in meiner ersten Unterrichtsstunde in der Klasse ließ er mich auflaufen, in dem er auf sein Namensschild "Kevin-Mercedes" anstatt seines richtigen Namen schrieb und sich lautstark über seinen vermeintlichen Gag beölte.

Er unterhielt sich vollkommen unbefangen über mehrere Reihen hinweg mit seinen Klassenkameraden, begann zu singen, fiel mir ungefragt und frech ins Wort und zeigte sich immun gegenüber jeder Aufforderung dem Unterricht zu folgen.

Er bettelte förmlich um meine Aufmerksamkeit und sei diese noch so negativ.

Fridolin, der Klassenclown

Um es kurz zu machen: Der Backfisch sprengte mir mit seinem Verhalten und dadurch, dass er auch andere zur Nachahmung anstachelte, die ganze Stunde.

Natürlich empfand ich Fridolin als anstrengend, aber ich nahm ihm sein Verhalten nicht übel. Man muss kein Psychiater sein, um festzustellen: Das Kind hat Probleme. Ich sprach eine Lehrerin auf den Jungen an.

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"Ja, Fridolin ist sehr schwierig, das dürfen Sie nicht persönlich nehmen", sagte sie sofort. "Ich habe das auch nicht persönlich genommen", entgegnete ich, "aber was können wir denn für ihn tun?

Er verhält sich doch nicht so, weil er so gern vom Lehrer getadelt wird - da steckt doch etwas anderes dahinter." Meine Kollegin nickte.

"Sicher. Keine Ahnung, was da los ist. Aber das einzige, was wir machen können, ist Druck über die Noten ausüben. Wenn er stört, sagen Sie einfach, dass Sie ihm für die Stunde eine Fünf oder eine Sechs für die mündliche Mitarbeit geben. Das wirkt."

Kein Vorwurf an die von mir hochgeschätzte Kollegin! Es geht einfach nicht anders, wenn man im Durchschnitt 125 Schüler unterrichtet und zusätzlich immer wieder für Vertretungsunterricht eingesetzt wird.

Tut mir leid, aber ich bin raus


Dennoch: Wenn ich doch nur glauben könnte, ich würde nach solchen Ereignissen abends entspannt in den Schlaf finden, weil ich die "Lösung" des Problems in Form einer schlechten Zensur gefunden habe, dann würde ich weitermachen wie bisher und mir dieses verdammte zweite Staatsexamen holen.

Ich bewundere Lehrer, die unter diesen Bedingungen in der Lage sind, mit strahlendem Gesicht einen guten Job abzuliefern und "nebenbei" auch noch die Sache mit der Inklusion auf die Kette bekommen.

Und ich ziehe den Hut vor den Schülern, die es schaffen diesem Druck standzuhalten und nach acht Stunden Schule in unterschiedlichen Fächern zu Hause noch brav ihre Hausaufgaben erledigen und für die nächste Klausur büffeln.

Jedem, der seinen Platz in diesem System gefunden hat, wünsche ich alles erdenklich Gute und weiterhin viel Durchhaltevermögen. Aber ich ... Ich bin raus.

Der Beitrag erschien zuerst auf Larissa Sarands Blog und wurde zur Veröffentlichung angepasst.

jz

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