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Es werden Lehrer auf die Kinder losgelassen, die keine Ahnung von Schule haben

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AUTISTIC CHILD
MariaDubova via Getty Images
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Für viele Berufe müssen sich Bewerber Auswahlverfahren unterziehen. Unternehmen prüfen durch Einstellungstests und Assessment Center ihre künftigen Azubis auf Herz und Nieren.

Für die Arbeit im öffentlichen Dienst müssen beispielsweise angehende Polizisten oder Feuerwehrleute nicht nur ihre Fitness, sondern auch ihre Stressresistenz und ihre Allgemeinbildung unter Beweis stellen.

Wer Lehrer (und somit ebenfalls im öffentlichen Dienst tätig) werden will, braucht sich um sowas nicht zu scheren.

Anforderungen an Seminare für Lehrer sind unrealistisch

Der deutsche Lehrerpreis hat Eigenschaften benannt, die einen guten Lehrer ausmachen: Der Musterpädagoge ist demnach sozial kompetent, hört geduldig zu und kann mit Stress umgehen.

Er redet offen, kritisiert fair und nimmt auch selbst Kritik an. Im Gespräch ist er aufgeschlossen und lässt sich auf andere ein.

Klar ist: Das Seminar, das Studenten auch nur einen Bruchteil dieser Fähigkeiten vermittelt, ist noch nicht erfunden worden. Und das wird es auch nicht, denn die Erfüllung dieser Anforderungen hängen eng mit den Persönlichkeitsanlagen eines Menschen zusammen.

Wie oft sind mir in der Uni Lehramts-Kommilitonen begegnet, die allein bei dem Gedanken an ein bevorstehendes Referat Blut und Wasser schwitzten und vor jeder SPÜ-Stunde von nackter Panik ergriffen wurden.

Mehr zum Thema: Ich wollte Lehrerin werden, doch was wir in der Uni gemacht haben, ist einfach nur peinlich

In einem Kurs mit nur 15 Teilnehmern hörte ich, wie sich zwei Mädels eine Reihe hinter mir leise darum stritten, wer von ihnen eine gerade aufgekommene Verständnisfrage stellen solle, weil sie sich beide schlicht nicht trauten das Wort vor der Gruppe zu ergreifen.

Als die Diskussion hinter meinem Rücken kein Ende nehmen wollte, drehte ich mich zu ihnen um und sagte: "Nun traut euch endlich! Ihr müsst bald frei vor 30 Schülern sprechen!" Ihnen wich sämtliche Farbe aus dem Gesicht und sie verstummten. Ihre Frage haben sie nicht gestellt.

Der Weg zum Lehrerberuf sollte über ein Auswahlverfahren führen

Im Interesse der Studenten und ihrer späteren Schüler muss der Weg in den Lehrerberuf über ein Auswahlverfahren führen. Besonders deutlich wurde mir dies im Zuge eines Seminars über Jugendliteratur.

Zusätzlich zu uns künftigen Deutschlehrern saßen in dem Kurs zwei junge Männer, die nicht auf Lehramt studierten. Die beiden waren eineiige Zwillinge, beide autistisch.

An der Uni waren die beiden schon wegen ihrer wirklich verblüffenden Ähnlichkeit bekannt wie ein beziehungsweise zwei bunte Hunde und die meisten von uns wussten, dass sie sich bereits mehrere akademische Grade in unterschiedlichen Studiengängen erarbeitet hatten.

Nun verhielt es sich so, dass "die Zwillinge", wie sie im Allgemeinen genannt wurden, nicht auf "übliche" Weise verbal kommunizierten. Ich habe sie zumindest nie sprechen gehört. Vielmehr schienen sie sich untereinander mit Hilfe zahlreicher Gesten und Laute zu verständigen.

Die Zwei hielten ständig Blickkontakt miteinander und es kam vor, dass der eine, wenn der andere plötzlich eine kurze Handbewegung vollführte, in schallendes Gelächter ausbrach. Zu uns anderen nahmen die beiden ebenfalls ab und an Kontakt auf, indem sie einige von uns hin und wieder anlächelten oder neben uns Platz nahmen und uns anschauten.

Selten blieben sie das gesamte Seminar über auf einem Stuhl sitzen. Gelegentlich verließen sie leise den Raum, kamen wenig später wieder herein und suchten sich neuen Platz.

Die Reaktion meiner Mitstudentin auf zwei Autisten war unmöglich


Warum die Zwillinge das Seminar besuchten, kann ich nicht sagen - vielleicht gefielen ihnen die Geschichten, die wir lasen oder sie wollten Einblick in Kurse anderer Studiengänge nehmen. Die Dozentin des Kurses hatte bereits kurz nach der ersten Sitzung für all jene, die die Jungs noch nicht kannten, einige erklärende Worte über sie verloren und uns gebeten, sie einfach an unserem Seminar teilhaben zu lassen.

Nach kurzem hatte ich mich bereits an das Verhalten der beiden gewöhnt und gab nicht weiter Acht darauf. Einer Kommilitonin erging es offenbar anders: Nach Ende einer Sitzung, als die meisten anderen, so auch die Zwillinge, den Raum bereits verlassen hatten, ging sie nach vorn, um das Gespräch mit der Dozentin zu suchen: "Also, ich will ja nicht irgendwie intolerant wirken oder so", setzte sie an, "aber ich weiß wirklich nicht, was diese Zwillinge hier verloren haben."

Die Professorin war sichtlich konsterniert. "Ich habe Ihnen doch eingangs schon einige Informationen über die beiden Studenten gegeben. Auch wenn sie keine Lehrer werden, können sie doch an unserem Seminar teilnehmen. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich andere Teilnehmer gestört fühlen."

Meine fehlgeleitete Kommilitonin ließ sich nicht beirren: „Ständig fassen die beiden sich ins Gesicht, in die Nase und den Mund, manchmal sabbern die richtig! Das ist einfach ekelhaft!"

Mir fielen fast die Unterlagen aus der Hand, die ich gerade in meiner Tasche verstauen wollte. Frau Professor war ebenfalls wie vom Donner gerührt: "Na, hören Sie mal!", fand sie endlich ihre Sprache wieder, "Sie haben doch wohl mitbekommen, dass diese Gesten offensichtlich Bestandteil ihrer Kommunikation sind!

Ich kann ja irgendwie nachvollziehen, wenn Sie das nicht gerade schön finden, aber mit ‚ekelhaft' gehen Sie definitiv zu weit! Und so etwas muss ich mir von einer angehenden Lehrerin anhören! Im Zuge der Inklusion werden auch Sie Kinder unterrichten, die sich nicht so verhalten, wie Sie das vielleicht als angenehm empfinden! Ändern Sie mal schleunigst Ihre Einstellung. Die Unterhaltung ist beendet."

Mit diesen Worten stapfte sie merklich angefressen aus dem Raum. Recht so. Dennoch: Besagte Kommilitonin hat ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Fraglich bleibt, ob es ihr gelungen ist den Rat der Dozentin zu beherzigen und empathischer auf Menschen mit Handicap zu reagieren.

Fünf Tage Praktikum sollten reichen, um Sonderpädagogik zu lernen

Unsere Studienordnung sah, neben dem Papptellermasken-"Seminar", lediglich eine einzige Vorlesung zur Sonderpädagogik vor. Dort paukten wir die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zur sonderpädagogischen Förderung in deutschen Schulen und lernten auswendig, dass die UN-Konvention in Artikel 24 das Recht von Menschen mit Behinderung auf Bildung regelt.

Was das mit Pädagogik zu tun hat, ist mir schleierhaft. Im Anschluss an die Klausur kamen wir dann in den Genuss eines fünftägigen (!) Hospitationspraktikums an einer Schule, in der Kinder mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" unterrichtet werden.

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Das einzige, was mir das Praktikum gezeigt hat: wie es NICHT geht

Dort lernte ich dann immerhin, wie es NICHT geht. Ich war in der zweiten Klasse einer Grundschule gelandet, in der ein autistischer Junge untergebracht worden war. Da es an Sonderpädagogen fehlt, die solche Kinder im Unterricht unterstützen, hatte Herr Franke, seines Zeichens studierter Theologe, den Job übernommen.

Nach eigener Aussage wollte Herr Franke "endlich raus aus der Arbeitslosigkeit". Allerdings reichte das Budget der Schule nicht für eine Vollzeit-Stelle aus. Da der Junge aber ohne beisitzenden Lehrer häufig durch Zwischenrufe oder Herumwandern im Raum den Unterricht unterbrach, konnte das Kind die Schule täglich nur stundenweise besuchen, nämlich wenn Herr Franke anwesend war.

Der Theologe hat im Studium sicher viel über Nächstenliebe gelesen, war jedoch nicht in der Lage diese an den kleinen Armin weiterzugeben. Er verhielt sich dem Jungen gegenüber distanziert und abweisend. Sobald es zur Pause klingelte, schnappte er sich sein Butterbrot und stürmte aus dem Klassenraum.

Der Betreuende Lehrer konnte dem Jungen fachlich nicht weiterhelfen


Armin, der die Spiele seiner Klassenkameraden nicht verstand und daher sozial isoliert immer wieder die Nähe zu Herrn Franke suchte, kam so schnell gar nicht hinterher. Auf dem Hof beobachtete ich den Theologen täglich dabei, wie er das Schultor von außen schloss und sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite seine Stulle schmecken ließ.

Wenn Armin es schließlich auf den Hof geschafft hatte, begab er sich unverzüglich zu eben diesem Tor und schaute Herrn Franke, der einen gebührenden Sicherheitsabstand zu ihm einhielt und geflissentlich über hin hinwegsah, beim Einnehmen seiner Mahlzeit zu.

Erst, wenn die Klingel das Ende der Pause kundgab, betrat der Hilfslehrer wieder das Schulgelände und ging, ohne auch nur ein Wort an seinen Schützling zu richten, zurück in die Klasse. Auch fachlich konnte der Mann Armin nicht weiterhelfen.

Statt mit dem Kind zu arbeiten, ließ der Lehrer ihn stundenlang Bilder ausmalen. Der Kleine war durchaus in der Lage Buchstaben zu schreiben und auseinanderzuhalten, aber ein ganzes Wort zu schreiben bereitete ihm Schwierigkeiten. Statt daran zu arbeiten, ließ Herr Franke den Jungen stundenlang Bilder ausmalen, während er selbst teilnahmslos auf dem viel zu kleinen Stuhl neben Armin hockte und dabei konzentriert die Uhr im Blick behielt.

Der Junge suchte oft Kontakt zu seinem Hilfslehrer, umschloss zum Beispiel mit seinen Händen dessen Oberarm oder flüsterte ihm etwas ins Ohr. Vielleicht hätte ich es bei Franke auch mal mit einem Dumbledore-Zitat versuchen sollen: "Die Stimme eines Kindes, egal wie ehrlich und aufrichtig, ist bedeutungslos für jene, die verlernt haben zuzuhören."

Auch ich habe keine Ahnung, wie man das autistischen Kind fördern könnte

Ich will dem Herrn keinen Vorwurf machen - auch ich habe keine Ahnung, wie man das autistische Kind seinen Bedürfnissen entsprechend fördern könnte. Aber wie man eine Maske aus einem Pappteller bastelt - das hätte ich ihm beibringen können!

Aber ums Beibringen oder Ausprobieren ging es in dem Praktikum mal wieder nicht. Unsere Aufgabe war es, Armins Verhalten zu beobachten und in von der Uni vorgefertigten Listen zu protokollieren.

Die Eintragung musste in Form von Zahlen erfolgen, die codiert waren und für ein bestimmtes Verhalten, z.B. eine Unterrichtsstörung, standen. Als ich die Vordrucke ausgehändigt bekam, musste ich prompt an Frau Flatow denken - ich bin gespannt, welcher unserer Dozenten in Kürze mit einer Studie oder Dissertation aufwartet, die auf den von uns erhobenen Daten basiert...

Mehr zum Thema: Lehrerausbildung: Der einstudierte Praxisschock

Man lernt nie aus oder: Endlich ins Referendariat. Ich will nicht behaupten, dass Lehrerin mein absoluter Traumjob war. Aber ich liebe gute Bücher, die deutsche Sprache und finde Politik spannend und wichtig, weil sie sich auf die eine oder andere Weise auf einen jeden von uns auswirkt.

Und vor allem liebe ich junge Menschen und die Aussicht darauf, ihnen über Jahre hinweg beim Wachsen und Erwachsenwerden zusehen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können. Würde ich kein Gefallen am Berufsbild Lehrer finden - nie und nimmer hätte ich dieses Studium durchgezogen.

Ich werde Lehrerin. Ich werde Ihre Kinder unterrichten. Ich möchte junge Menschen für meine Fächer begeistern. Ich möchte Talente fördern und schwächere Schüler unterstützen. Ich möchte ein freundliches und produktives Miteinander im Klassenverband. Ich möchte auch nach der Stunde für meine Schüler ein offenes Ohr haben.

Wie man Kinder gut auf Prüfungen vorbereitet, habe ich in fünf Jahren Studium nicht gelernt

Ich möchte die Erwartungen, die Sie als Eltern zu Recht an mich als Lehrerin haben, erfüllen und Ihre Kinder gut und gewissenhaft auf Prüfungen vorbereiten, damit sie ein Abitur, ein gutes Abitur, ablegen und mit den bestmöglichen Voraussetzungen in die Berufsausbildung oder die Universität starten.

Wie das geht, habe ich in fünf Jahren Lehramtsstudium leider nicht gelernt - aber ich verspreche, ich gebe mein Bestes. Und auch wenn ich wirklich denkbar schlecht auf meine Arbeit in der Schule vorbereitet wurde: Ich freue mich von ganzem Herzen auf mein anstehendes Referendariat.

Dort werde ich nicht nur endlich, endlich nennenswerte praktische Erfahrungen für meinen Job sammeln - sondern auch wieder jede Menge Seminare besuchen!

Von ein paar ehemaligen Kommilitonen, die schon ins Referendariat gestartet sind, habe ich bereits erfahren, dass auch die dortigen Veranstaltungen... Sagen wir mal "einen hohen Unterhaltungswert aufweisen".

So bemühe ich mich um Optimismus und werde mich an Dumbledores Worte halten: "Glaubt mir, dass man Glück und Zuversicht selbst in Zeiten der Dunkelheit zu finden vermag. Man darf nur nicht vergessen ein Licht leuchten zu lassen."

Die Autorin betreibt den Blog Über Leben.

Bald erscheint ihr neues Buch Friss oder stirb: Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht.

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