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Mobbing: Brief einer Mutter an ihr Kind

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOBBING
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Heute geht es um unsere Tochter, Nummer 2.

Es geht um Ausgrenzung, DemĂŒtigungen, EinschĂŒchterungen und menschliche HĂ€sslichkeit. Es geht um Mobbing.

Ein Thema, das viele - viel zu viele - Kinder und auch Erwachsene betrifft. Ein Thema, das viele verharmlosen. Eine furchtbare Sache im Zusammenleben, die inzwischen Gang und GĂ€be zu sein scheint und nicht nur krank machen kann, sondern immer wieder Kinder und Jugendliche zum Äußersten treibt.

Meine GefĂŒhle zu diesem Thema habe ich noch nie dezidiert ausgedrĂŒckt. Ich bin traurig, hilflos wĂŒtend, ungeduldig und enttĂ€uscht. Ich will zeigen, wie sehr man als Mutter mit einem Kind leidet, das ausgegrenzt und verletzt wird. Vielen Kindern geht es wie unserem und viele Eltern fĂŒhlen wie wir - das weiß ich. Ich möchte sagen: „Wir sind nicht alleine!"

Meine GefĂŒhle drĂŒcke ich in Form eines Briefes an meine Tochter aus, dessen Inhalt sie kennt und den ich fĂŒr diesen Artikel verfasste. Mit der Veröffentlichung ist sie ausdrĂŒcklich einverstanden.

Meine liebe Tochter,

"Sie haben mich alle ausgelacht und gesagt, dass jemand, der neben mir sitzen muss, sich besser umbringen sollte!"

"Er sagte, er will mich fertigmachen bis ich weine!"

"Das war wieder so demĂŒtigend heute in der Schule!"

"Sie hat gesagt, sie will mich zusammenschlagen und mir einfach nur in's Gesicht schlagen, wenn sie mich sieht!"

"Sie haben mich an den Armen und Beinen festgehalten und ĂŒber den Schulhof gezerrt."

"Sie haben ein Spiel erfunden, in dem es irgendwie darum ging, mich umzubringen."

"Sie haben schon wieder mit BÀllen auf mein Gesicht gezielt im Sportunterricht. Das machen die echt, wÀhrend die Lehrerin daneben steht! Sie leugnen hinterher immer alles und nie bekommt ein Lehrer es mit."

"Diejenigen, die mich fertigmachen, fragen im Kunstunterricht immer, ob ich ihnen helfen kann - ich verstehe die nicht. Kapieren die nicht, was die mir antun? Halten die das fĂŒr Spaß, wenn sie mich quĂ€len, bis ich weine? Können die denn nicht fĂŒr zwei Cent nachdenken?"

Solche und Àhnliche Dinge höre ich seit Langem immer wieder von Dir.

Und ja, mein Herz tut weh. Ich höre, wie mein Kind verbal gequÀlt und körperlich angegriffen wird. Phasenweise tagtÀglich, immer wieder, seit drei Jahren.

Die Angriffe begannen wie harmlose Kommentare und steigerten sich zu verletzenden und geschmacklosen Höhepunkten.

Du, ich - wir als Familie - haben einen langen, schmerzhaften Weg hinter uns. Ich möchte ausdrĂŒcken, wie sich all das aus meiner Sicht anfĂŒhlt. Es sind so viele Bereiche Deines Lebens betroffen.

Es sind zum Einen einfache, Ă€ußere UmstĂ€nde, aber auch tiefgreifende VerĂ€nderungen.

Durch den Druck in der Schule ertrĂ€gst Du keinen weiteren Druck. Keine Forderungen, keine grĂ¶ĂŸeren Erwartungen. WĂ€hrend ich Deine Geschwister an ihre einfachen Aufgaben erinnern kann, ist Dir der zusĂ€tzliche Druck zu viel.

Du ziehst Dich zurĂŒck, hattest immer weniger Freunde.

Ich erinnere mich, wie Du Dir hĂŒbsche Sachen aussuchst und Dich fĂŒr die Schule anziehst, um dort dann ausgelacht zu werden und traurig nach Hause zu kommen.

Ich sehe inzwischen, wie Du langsam die Lust daran verloren hast, Dich besonders um Dein Äußeres zu kĂŒmmern.

Du fĂŒhlst Dich hĂ€sslich, nicht wirklich liebenswert innerhalb der Außenwelt, zutiefst verunsichert, „seltsam" und wie zusammengefasst wie eine Ausgestoßene. Gleichaltrige amĂŒsieren sich , hĂ€ngen zusammen ab - Du stehst alleine in der NĂ€he, aber abseits.

Das Mobbing ist ein alltÀgliches Thema, das wir kaum noch ertragen können. Es gibt ja inzwischen sogar meine Anordnung, erst nach dem Mittagessen von der Schule zu erzÀhlen, damit wir wenigstens in Ruhe essen können.

Wir haben immer wieder GesprÀche, Termine und Telefonate mit der Schulleitung, mit Lehrern, Psychologen, dem Kinderarzt ...

Ich liebe Dich so sehr und habe tĂ€glich das GefĂŒhl, Dich jeden Morgen den Löwen zum Fraß vorzuwerfen. Es tut unglaublich weh, mitzuerleben, wie das eigene Kind leidet und nach und nach jede Möglichkeit verliert, sich zur Wehr zu setzen.

Ich bin inzwischen so wĂŒtend. Am liebsten wĂŒrde ich die KlassentĂŒr aufreißen, mich vor die Klasse stellen und sagen (und ich bin selbst entsetzt ĂŒber das Ausmaß an Wut in mir):

"Ihr seid ein Haufen anstands- und empathieloser WĂŒrmer ohne RĂŒckgrat. Ihr seid das Klischee der respektlosen, verwöhnten Narzissten ohne Blick fĂŒr andere Menschen, die in den vielen Zeitungsartikeln ĂŒber eure Generation erwĂ€hnt werden. Ein Haufen Frustrierter und ihre MitlĂ€ufer - gesegnet mit willentlich blinden Lehrern und Eltern, die Euch keine Möglichkeit auf eine gute und wĂŒnschenswerte Weiterentwicklung geben. Ihr wisst gar nicht, was ihr anrichtet!

Weder meinem Kind gegenĂŒber, noch den anderen in der Klasse. Das Klima ist bestimmt von HĂ€sslichkeiten und der Angst davor. Von LoyalitĂ€tskonflikten, von Aggressionen und Verletzungen.

Es ist mir inzwischen egal, dass eure bisherige Klassenlehrerin keine FĂŒhrungsqualitĂ€ten hatte und sich anscheinend eher bei euch anbiederte, statt euch ein gutes Vorbild zu sein. Und dass ihr dadurch als Gruppe wenig Chancen hattet. Was ich sehe, sind die hĂ€sslichsten und traurigsten Seiten an Menschen: Die Bereitschaft, den Schmerz Anderer zu ignorieren oder sich sadistisch an ihm zu erfreuen, die Angst davor, mutig gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, das allgemeine DuckmĂ€usertum und die ebenso furchtsame MitlĂ€uferschaft. Alles gefördert in einer angesehen Schule, die sehr gerne in der Zeitung die Leistungen ihrer SchĂŒler vorzeigt. Unter anderem auch die Leistungen meiner Tochter, die ihr scheinheilig gefeiert habt, als sie einen Schullesewettbewerb gewann.

Ich habe meinen ansonsten sehr zuverlĂ€ssigen Sinn fĂŒr Gerechtigkeit und Analyse genau da verloren, wo ihr lacht, wenn meine Tochter weint.

Ich sollte euch bemitleiden, weil ihr nach rund 13 Lebensjahren bereits derart komplexbehaftet seit, dass ihr aus dem GefĂŒhl eigener Minderwertigkeit heraus eine Unbeteiligte auserkoren habt, um euch an ihr auszuagieren und euch durch ihre TrĂ€nen mĂ€chtig zu fĂŒhlen.

Ich bin einfach nur entsetzt, weil ich beobachten kann, dass es keinerlei Worte und ZwischenfÀlle gibt, die euch verÀndern können. Jetzt nicht und vermutlich auch in Zukunft auch nicht. Ich setze nicht mehr darauf, dass ihr Eltern habt, die genug Interesse besitzen, ihren Mut zusammenzunehmen und sich anzusehen, wie ihr wirklich seid. Denn bisher waren sie ja auch nicht in der Lage, euch das zu geben, was ihr wirklich braucht.

Ja, man hĂ€tte Euch besser beobachten und begleiten mĂŒssen. Die Gemeinschaft stĂ€rken und dafĂŒr sorgen, dass ihr einander wenigstens an der Basis vertraut. Leider geschah das nicht und ihr zeigt nun, was dabei herauskommt, wenn man eine Gruppe Kinder nicht anleitet.

Ich wĂŒnsche euch, dass euch das Gleiche widerfĂ€hrt wie meiner geliebten Tochter. Leidet! Schlaft nicht mehr! Haltet euch fĂŒr den letzten Menschen! Schaut auf eure zitternden HĂ€nde! Weint! FĂŒhlt euch hilflos!"

Das wĂŒrde ich am liebsten laut formulieren.

In der Wirklichkeit bleibe ich natĂŒrlich auf meiner Wut sitzen, wie Du auf der Deinen.

In Wirklichkeit wĂŒrde ich niemals zu Kindern auf eine solche Weise sprechen, das weißt Du. Aber das Bild der Vorstellung hat eine fast therapeutische Wirkung auf mich.

In der wirklichen Welt begegnete ich einer Klassenlehrerin, die Dir selbst die Schuld an der QuÀlerei gab:

"Du bist ja auch wirklich ziemlich komisch! Kein Wunder, dass die dich mobben! DU musst dich mal verÀndern!"
oder "Du musst auch mal deine Persönlichkeit zurĂŒcknehmen, damit die dich mögen!"
oder "Na toll, jetzt sind deine Eltern wegen dir zum Direktor gerannt und ich hab einen ‚Anschiss' bekommen - ich hĂ€tte meine Klasse nicht im Griff, hieß es! Danke auch!"
sowie der Klassiker: "Vielleicht bist du einfach nur empfindlich. Die meinen das nicht so. Die halten das fĂŒr Spaß."

Ich möchte nicht, dass solche Menschen mein Kind unterrichten.

Ich habe aber keine Wahl. Ich bezahle sogar dafĂŒr durch meine Steuern. Selten war mein Geld derart schlecht angelegt, wirklich.

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Ich wĂŒrde Dich die Schule wechseln lassen, aber die einzige Schule in der NĂ€he unserer Kleinstadt ist weit weg. Du hast zugleich Angst, dass es mit dem Mobbing dort gleich wieder losgeht. Statistisch gesehen besteht das Risiko definitiv - meistens ist man als Opfer schon so paranoid, dass man alles auf sich bezieht, was den möglichen Mobbing-Charakteren als SchwĂ€che auffĂ€llt und sie gleich zur Tat schreiten lĂ€sst. Du hast vor allem Angst vor dieser Art Neuanfang, der sich anfĂŒhlt, als habe man Dich hinausgeekelt.

Du willst nicht vor den Mobbern fliehen, sie nicht siegen und ĂŒber Dein Leben bestimmen lassen.

Nun haben wir einen Neunanfang fĂŒr uns alle beschlossen:

Wir werden unser Haus verkaufen und umziehen. Nicht nur wegen des Mobbings, aber definitiv auch. Wir haben alle sehr viele VerÀnderungen durchlebt in den letzten zwei Jahren und diese können wir in einer neuen Umgebung und neuen sozialen Gruppierungen frei entfalten. Du genau so wie wir Anderen.

Wir möchten zurĂŒck in die NĂ€he der Stadt, in der Du geboren wurdest. Dort fĂŒhlen wir uns beheimatet. Ich fĂŒr meinen Teil habe mich hier nie zuhause fĂŒhlen können. In der dörflichen AtmosphĂ€re einer Kleinstadt, in der man entweder „sein eigenes Ding macht" oder ewig die „Neue und Zugezogene" ist.

Desaster von Anfang an

Bevor Du in das Schulsystem eingetreten bist warst Du ein Kind voller Freude, Euphorie, SensibilitĂ€t und Liebe fĂŒr die ganze Welt.

Du warst inspiriert von winzigen, niedlichen Dingen, hast gerne draußen gespielt und auch gerne viel gelesen. Wenn Du eine traurige Geschichte gelesen hast, dann warst Du viele Tage ergriffen davon und hast darĂŒber erzĂ€hlt.

Du warst nachdenklich und feinfĂŒhlig. Und zufrieden. Mein Lieblingszitat von Dir war das herrlich glĂŒcklich geseufzte:

"Hach, das ist eine schöne Welt."

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Die Herausforderungen wachsen - manchmal wird es schwer, mitzuhalten

Inzwischen habe ich das GefĂŒhl, Dich einer Horde Wölfen vorgeworfen zu haben, als ich Deine SchultĂŒte fĂŒllte.

Von Anfang an war der Wurm drin. Deine erste Lehrerin hielt Dich, Zartbesaitete (Hochsensible, um mal das Modewort zu nennen), fĂŒr unreif und weinerlich. Weil Du Dich in ihrem Unterricht gelangweilt und dadurch gestört hast, erklĂ€rte sie Dich fĂŒr ein wenig zurĂŒckgeblieben.

Dann kam der Lehrerwechsel zur einzigen Lehrerin, mit der Du jemals glĂŒcklich warst. Und das war ausgerechnet mitten in der Phase unseres Umzug nach hier.

Diese Frau erkannte Dich so, wie Du warst:

"Es ist eine Freude, als Lehrerin mit einem so wissbegierigen und intelligentem Kind zu arbeiten! Ich liebe den Umgang mit ihrem Kind. Und ich erkenne genau, wie schnell ihr Verstand arbeitet. Ich kann das Zeugnis meiner VorgÀngerin nicht begreifen. Ich sehe Ihre Tochter ganz anders. Ihr Kind ist wunderbar gebildet - sie fangen wirklich sehr gut alles ab, das in der Schule fehlt. Und immer fehlen wird."

Du bist aufgefallen - das gefiel nie wieder einer Lehrperson so sehr wie dieser.

Der Eindruck durch Dein erstes Schuljahr, in dem Du Dich fĂŒhltest als hielte man Dich fĂŒr dumm, hat sich tief eingefressen in Dich. Schule hast Du fortan abgelehnt. Auch wenn Du ihr immer wieder eine Chance gegeben hast, dieser Institution. Um immer wieder enttĂ€uscht zu werden. Wie hab ich immer wieder auf Dich eingeredet und damit mehr Reife und Kompetenz von Dir als von den Lehrern verlangt.

AuszĂŒge aus der Schulkonferenz, die wir hatten, damit Du eine Klasse vorgesetzt werden konntest:

"Ich habe ihrer Tochter ja nun wirklich genug Lernstoff gegeben. Aber diesen wollte sie ja nicht machen!"

Meine Frage daraufhin: "Meinen sie Lernstoff der Klasse 2? Das Problem ist Unterforderung hier. Wieso soll sie dann noch mehr von dem machen, das sie bereits beherrscht und das sie langweilt?"

Antwort der Lehrerin: "Tja, manchmal muss man eben einfach auch etwas Unangenehmes machen, so ist das nun mal! Es ist schon ein bisschen...arrogant, sich hinzusetzen und nicht mitmachen zu wollen."

Oder auch die Schulleitung: "Nun ja, es gibt eben Lehrer, die sich durch ein solches Kind angegriffen fĂŒhlen. Nicht jeder wird gerne berichtigt. Auch wenn er berechtigt berichtigt wird."

"Das Kind muss VerstĂ€ndnis dafĂŒr entwickeln, dass Erwachsene sich auf den Schlips getreten fĂŒhlen, wenn es mit acht Jahren mehr weiß als sie. Und da mĂŒsste es vielleicht mit mehr VerstĂ€ndnis reagieren."

Schule. Eine lange, ermĂŒdende Geschichte. WĂŒrde ich nicht in Deutschland leben, wĂŒrde ich meine Kinder lĂ€ngst selber unterrichten. Weniger aus tiefer Überzeugung als aus resignierter Konsequenz.

Wir mögen dich nicht, weil ...

"Wir mögen dich nicht, weil du eine Klasse ĂŒbersprungen hast - du durftest das bestimmt, weil du zu blöd fĂŒr den Lernstoff warst!"

Das war der erste Satz, der direkt gegen Dich ging. Das war in der neuen, der vierten Klasse. Ich erinnere mich gut daran, weil ich ein ganz mulmiges GefĂŒhl hatte, als Du mir davon erzĂ€hlt hast. Auch wenn Du damals noch selbstbewusst und schlagfertig aufgetreten bist:

"Klaro, immer, wenn man den Schulstoff nicht versteht, kommt man eine Klasse weiter. Kannste ja auch mal probieren ..."

Nach dem Schulwechsel brauchte die neue Klasse dann eine Weile, um sich in ihrem System einzufinden. Es ging leider erneut gegen Dich, die Seltsame, die JĂŒngere, die VerstĂ€ndige, das Kind mit dem tief verankerten GefĂŒhl von Selbstwert. Sie fĂŒhlten sich verunsichert. Und es wurde immer heftiger.

Ich riet Dir Tausend Dinge. Dir Hilfe durch die Lehrerin zu suchen ("Ihr Kind steht dauernd an der LehrerzimmertĂŒr nach der Pause und weint. Das ist ganz schön anstrengend. Ich kann schließlich nichts tun, um zu helfen."), mit den Kindern zu reden, sogar ihnen verbal wehzutun und letztlich riet ich Dir, was ich durch das Buch "Ender's Game" gelernt hatte: Schnapp Dir den AnfĂŒhrer und hau ihm eine, so feste Du kannst. Dann drohe seinen Mit-Mobbern das Gleiche an.

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Das half. Fast ein dreiviertel Jahr lang war Ruhe. Sie schenkten Dir sogar Kekse und boten Dir Hilfe an. Dann schlich es sich wieder ein. Eine Weile versuchten wir erneut es zu selbst zu lösen, weil wir seitens der Schule gar keine UnterstĂŒtzung erwarteten. Bis es mir irgendwann reichte.

Ich traf zusammen mit Deinem Vater den Schuldirektor, ein Anti-Mobbing-Programm wurde gestartet. Innerhalb dieses Programms sollten die Eltern der Mobber nicht informiert werden, damit sie den (vermutlich ohnehin nicht) folgenden Ärger durch dieselbigen nicht auf Dich ĂŒbertragen wĂŒrden. Das Ganze war leicht anstrengend, weil Du dauernd jeden Vorfall melden gehen musstest und er immer wieder abwechselnd Dich und spĂ€ter dann die betreffenden Kinder aus dem Unterricht holte. Letztlich standest Du durch die dauernden Meldungen als kindische Petze da. Aber immerhin:

Es brachte insgesamt rund drei Wochen Ruhe. Wir atmeten auf, wagten vorsichtig zu hoffen.

Dann ging es wieder los. Neue GesprÀche, wieder neue Versuche. Wieder kurz Ruhe. Und so weiter.

Ich besuchte mit Dir eine Psychologin, die Dich ein wenig stĂ€rken konnte. Ich las viel ĂŒber Mobbing. Wir redeten viel.

Die Sommerferien kamen und es ging anschließend wieder los.

Der erste Eklat gleich am vierten Schultag. Die neue Klassenlehrerin (Hurra, eine neue Chance!) reagierte schockiert von einer derart aggressiven Klasse, sagte sie spÀter.

Du bist weinend zur Toilette gerannt.

Wir haben mit Deiner Lehrerin sofort telefoniert.

Deine Lehrerin sagte, so etwas wie am betreffenden Freitag habe sie noch nie erlebt. Dass eine Klasse sich binnen Sekunden zu solcher Aggression hochschaukelt, das sei noch nie in ihrer Anwesenheit vorgekommen.

Sie weiß inzwischen, dass ihre VorgĂ€ngerin vor den SchĂŒlern ĂŒber Kollegen lĂ€sterte. Und auch vor der ganzen Klasse ĂŒber einzelne SchĂŒler. Mobbing ist immer ein Systemfehler sagt man. Und auch „Der Fisch stinkt vom Kopf her": In dieser Schule lĂ€stern Lehrer ĂŒbereinander! Und ĂŒber einzelne SchĂŒler! Nichts, das man uns geglaubt hat, wenn wir es vorbrachten. Das System verschließt eben gerne die Augen vor sich selbst und möchte sich blind erhalten. VerstĂ€ndlich, aber nicht ohne KollateralschĂ€den.

Sie beschweren sich bei Kindern darĂŒber, dass Eltern sehr angemessene GesprĂ€che mit ihrem Vorgesetzten fĂŒhrten.

Und Lehrerinnen, die nach einem Mobbing-Vorfall sagen: "Nun lasst uns doch ein StĂŒck Kuchen essen und das Ganze vergessen."

Wie sollen diese den Kindern dann Respekt und ein angenehmes Miteinander vorleben?

Die Denkrichtung der Schule ist eher abwartend, zu sehr die TĂ€ter schĂŒtzend, zu wenig opferempathisch. Von Dir verlangen sie dauernd VertrauensvorschĂŒsse, Geduld, Aushalten mĂŒssen. Von den Mobbern verlangt man nicht viel.

Ein klassischer Fall eines Systems, das sagt:" bei uns ist alles perfekt, Sie sind ein trauriger Sonderfall." Unseren Hinweis, unsere Psychologin habe erwĂ€hnt, es hĂ€uften sich gerade die Mobbing-FĂ€lle der betreffenden Schule sagte der Schulleiter: „Das stimmt nicht. Und die darf nicht ĂŒber andere FĂ€lle reden!" (Doch, sie darf Tendenzen und Beobachtungen nennen, ohne namentlich ihre Klienten oder im GesprĂ€ch erwĂ€hnte Namen zu erwĂ€hnen.)

Victim Blaming ist - neben dem Augenverschließen und Herabspielen - eine beliebte Methode, die Schwere des Konflikts nicht sehen zu mĂŒssen. Und das wird an dieser Schule gern betrieben:

"Grenz dich nicht so aus, Kind. Du bist es selber schuld, wenn die gemein zu dir sind!"

"Wenn du deine Materialien vergisst, ist es kein Wunder, dass eine MitschĂŒlerin die ganze Stunde lang diesen Vorfall kommentiert. NatĂŒrlich pfeife ich dann dich an, wenn du dieses MĂ€dchen genervt anbrĂŒllst."

Diese SĂ€tze fielen, nachdem wir mit Deinem Direktor gesprochen haben. Unfassbar, wie schwierig es zu sein scheint, seine Mitarbeiter ĂŒber das Thema eingehend zu informieren, finde ich.

Und innerhalb eines Systems, das solche Beteiligte hat, da soll "das Klima an der Schule sehr gut sein", wie uns die Schulleitung mehrfach versicherte?

Klar, sicher auch fĂŒr das rothaarige MĂ€dchen aus der Parallelklasse mit dem Hauch Übergewicht und dem mehr als einem Hauch Autismus, das in der Pause immer wieder terrorisiert wird und mit dem Du und Deine Schwester sich immer wieder solidarisieren.

Und fĂŒr die SchĂŒler der oberen Klassen, welche inzwischen auch schon in dĂ€mlicher Art Deinen Namen rufen, wenn diese den Schulhof betritt gilt sicherlich, dass sie die traumhafte AtmosphĂ€re des Schulklimas komplett missverstanden haben ...

Zum Vorfall, wĂ€hrend dem Deine MitschĂŒlerin in den Unterricht brĂŒllte, dass sie Dich zusammenschlagen und dir „eins auf's Maul hauen" wolle, kam von Deiner Lehrerin:

"Ach, auf die Clothilde (Name natĂŒrlich geĂ€ndert) muss du nicht hören, die ist kein Maßstab. Die hat ganz massive Probleme."

Du fragtest: "Ach? Und ich etwa nicht?"

Und Du bekamst keine wirkliche Antwort, wie wir wissen.

Das bekommen wir meistens: Keine Antwort, mal ein sehr kurzer betroffener Blick. Viel Kleinreden, eine gute Portion Leugnen und Bitten um noch mehr Geduld. Und noch mehr VerstĂ€ndnis. VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass in erster Linie doch auch die Mobbenden eine Chance brĂ€uchten.

Echtes MitgefĂŒhl fĂŒr Dich, mein Kind, hat bisher jedoch keine/r der LehrerInnen gezeigt. Nicht eineR sagte:

"Oh Gott, das arme Kind! Es tut mir leid, dass so etwas passiert ist. Ich werde alles tun, um das zu Ă€ndern. Sollten mir Informationen fehlen, dann beschaffe ich sie mir. Und ich wĂŒrde sie bitten, mir aufzuzeigen, wie weit die Folgen in das Leben des MĂ€dchens und der Familie hineinreichen. Ich will verstehen, was da geschieht." Nix.

Diese Schule ist sicherlich gut, wenn es um das Vermitteln von Lerninhalten geht, keine Frage. Wenn man als SchĂŒlerIn dort keine Probleme hat, dann ist man eventuell ganz gut aufgehoben.

Wir haben alle aktiviert, die Dir helfen können: einen Jugendpsychologen, eine Diplompsychologin, die Schulleitung, den Jahrgangsstufenkooridnator, den Kinderarzt und ich frage mich, ob es etwas bringt, wenn ich das Schulamt kontaktiere.

Wenn wir unser Haus verkauft und ein Haus in der Heimatstadt Deines Vaters gefunden haben, dann gehst Du auf die Schule, die er einst besucht hat. Das fĂŒhlt sich fĂŒr uns sicherer an, als wieder einen neuen Vertrauensvorschuss in eine fremde Schule zu geben.

Wie geht es Dir, mein Liebling?

Ich sehe, wie Deine HĂ€nde oft zittrig sind. Du bist angespannt und fahrig. Du weinst oft. Du hast Schlafstörungen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen. Du bist aggressiv uns gegenĂŒber, weil Du den Schauplatz nach Hause verlagerst, da Du in der Schule hilflos oft genug 10 bis 15 aggressiven Kindern gegenĂŒber stehst.

Dein Gesichtsausdruck hat sich verÀndert von fröhlich, offen, selbstbewusst bis nachdenklich zu traurig, introvertiert, aggressiv und ablehnend.

Du hast einige Kilos zugenommen, weil Essen Dich tröstest. Unter der Zunahme leidest Du, weil Du gerade dabei warst, mit Deinem eigenen Stil zu experimentieren und Deine Klamotten nun eng und unbequem sind. Du trĂ€gst keine ausgefallenen Sachen mehr, sondern versteckst Dich in „Jungs-Klamotten". Kein Interesse mehr am Schminken und Experimentieren wie vorher. Das Mobbing beeintrĂ€chtigt Deine Entfaltung und Entwicklung. Du willst wie ein Junge aussehen, damit Du Dich stĂ€rker fĂŒhlst, weil die Mobber alle mĂ€nnlich sind. Wenn man darĂŒber in Ruhe nachdenkt, möchte man schon wieder ausflippen.

Du fĂŒhlst Dich hĂ€sslich und dabei sagen mir so viele Menschen, wie hĂŒbsch Du bist und ich selber sehe es natĂŒrlich , aber Du siehst es nicht mehr.

Du hattest zwischenzeitlich Deinen Instagram-Namen in „Trash" geĂ€ndert und Deine Status in „Please don't hate me". Es ist herzzerreißend.

Der Kinderarzt dokumentierte Deine Symptome, die laut seiner Aussage typisch fĂŒr eine solche Situation sind. Er sprach Empfehlungen aus und lĂ€chelte Dir sehr mitfĂŒhlend zu, was Dir sichtlich gut tat.

Wenn Du leidest leide auch ich. Ich sage Dir das bewusst selten, damit Du weißt, dass ich mit Dir fĂŒhle, aber Du nicht zusĂ€tzlich von meinen GefĂŒhlen belastet bist.

Ich liebe Dich so sehr - ich wĂŒrde Dich am liebsten den ganzen Tag drĂŒcken, halten und vor der Welt verstecken. Ich habe Dich stark gemacht, so weit ich es vermochte. Aber irgendwie hat es nie gereicht. Das ekelhafte Verhalten Deiner MitschĂŒlerinnen und MitschĂŒler hat Dich immer mehr verletzt als ich auffangen konnte. Und aufgefangen habe ich das Verhalten der SchĂŒler und Lehrer bis zum Burnout. Ja, die Schulsituation war einer der Faktoren meiner völligen Erschöpfung, wegen der wir zur Mutter-Kind-Kur fuhren.

Ich sehe beinahe hilflos zu, wie Du leidest. Es ist mir unertrÀglich geworden.

Die liebe Tagesmutter Deines kleinen Bruders, die ein sehr gutes Auge fĂŒr Menschen hat und vor allem mit dem Herzen auf Kinder blickt, sagte neulich:

"Deine (also meine) Kinder sind so selbstbewusst. Sie wissen, dass sie geliebt werden. Um ihrer Selbst Willen. Sie brauchten keine dauernde BestĂ€tigung von außen. Sie sind sehr reif, haben viel EinfĂŒhlungsvermögen und auch Selbstbewusstsein. Das vertragen viele Andere nicht. Sie fĂŒhlen sich verunsichert davon. Ich sehe deine beiden großen Töchter und merke, wie die JĂŒngere richtig mĂŒde ist. Das Kind ist einfach ermĂŒdet vom dauernd Kampf, vom vielen Aushalten, von all den Verletzungen, vom Sich-Wehren-MĂŒssen.. Ich bin so froh, dass ihr umzieht und das ist ein wunderbarer Ausdruck von Liebe: Sehen, wie die Familie leidet und dann so eine große Entscheidung treffen. das wird vieles von alleine heilen."

Das war tröstlich zu hören. Ich hoffe, sie behÀlt Recht mit der EinschÀtzung, dass es heilsam wird.

Mein sĂŒĂŸes, geliebtes Baby, das keines mehr ist!

Die Erinnerung daran, mit welcher Freude und Neugier Du die Welt erkunden wolltest und mit welcher Wucht sie sich Dir dann in's Gesicht warf, ist furchtbar.

Mobbing macht Ă€ngstlich, Mobbing nimmt SelbstwertgefĂŒhl.

Mobbing sorgt dafĂŒr, dass Du Dich immer Ă€ngstlich umdrehst, wenn auf der Straße jemand lacht. Obwohl er Dich natĂŒrlich gar nicht meint. Ich habe das beobachtet und es tat furchtbar weh.

Du bist ein wundervoller Mensch!

Du bist witzig, klug und vielseitig talentiert. Du bist sensibel und Du hast mit mir in der zweiten Klasse bereits Hamlet gelesen und Dich ĂŒber die wunderbaren Metaphern gefreut. Nun hast Du keine große Lust mehr an Literatur, am Lernen selber. Du hast Wissen voller Freude aufgesaugt. Jetzt sagst Du:

"Ich bin enttÀuscht von meiner Intelligenz. Wegen ihr werde ich ausgegrenzt und geholfen hat sie mir bei diesen Problemen dann auch nicht."

Du hast Albernheit geliebt und Unsinn jeder Art. Wenn irgendwo ein winziger MarienkĂ€fer oder niedlicher Schmetterling aufgedruckt war, warst Du verzĂŒckt.

Zugleich in der Phase der eigenen Metamorphose namens PubertĂ€t zu stecken und dann so verletzt und gedemĂŒtigt zu werden, das ist furchtbar und hinterlĂ€sst Spuren.

Du bist stark, das sehe ich. Aber ich will nicht, dass Du Deine StĂ€rke an kleine Wichte abgeben musst, die keine eigene haben. Ganz gleich, ob sie eigentlich in Wahrheit ebenfalls MitgefĂŒhl brauchen. Sie leben von Deiner Kraft und Deiner Energie. Ich möchte, das Du beides fĂŒr Dich selber nutzen kannst, wie es Dir zusteht. Sie holen Dich andauernd aus Deiner Mitte, weil sie keine eigene haben.

Deine ganze Familie liebt Dich und freut sich, wenn wir dieses Kapitel irgendwann in den kommenden Monaten abschließen dĂŒrfen.

Du nimmst gerade sehr erfolgreich ab, begegnest Deinen Angreifern mit wachsender innerer Abgrenzung und spĂŒrst, wie wenig sie Dich dadurch noch erreichen oder gar verletzen können. Anstrengend ist Schule natĂŒrlich immer noch. Aber nicht mehr zerstörerisch. Du hĂ€lst es aus, weil Du weißt, dass ein Ende in Sicht ist.

Du sollst Dich selber wieder gerne entdecken und liebevoll annehmen können. In der eigenen, inneren Liebe zu bleiben ist ein Weg, die Außenwelt anzunehmen. Es ist sehr schwierig, aber Dank all Deiner FĂ€higkeiten wirst Du das schaffen.

Wir sind fĂŒr Dich da. Immer.

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Deine Mama
und Deine ganze Familie

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Essential Unfairness.

Im Rahmen einer gemeinschaftlichen Blogparade teilen derzeit immer mehr Blogger ihre Erfahrungen zu diesem Thema. Die entsprechenden Artikel hierzu findet ihr auf gluckeundso und essential unfairness.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen ĂŒber Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut lĂ€uft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prĂ€gen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fĂŒhlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener FlĂŒchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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