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Ich bin seit 14 Jahren Domina - und damit helfe ich vielen Menschen

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BONDAGE
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Ich habe schon immer gesagt, was ich wollte. In den ersten Beziehungen in meiner Jugend habe immer ich die Bedingungen gestellt. Ich bin einfach so.

Nach der Schule habe ich zuerst Verwaltungsrecht studiert, bin einen ganz normalen Weg gegangen. Heute bin ich eine professionelle Domina - und das schon seit knapp 14 Jahren. Vor sechs Jahren habe ich mein eigenes Studio eröffnet. Und es ist mein Traumjob.

Das mag kein konventioneller Beruf sein, aber ich bin davon überzeugt, dass man sonst an keinem Arbeitsplatz der Welt so engen, intimen und tiefen Kontakt zu anderen Menschen hat. Menschen, die ihre Wünsche und Gedanken in ihrem Alltag verstecken und sich nur mir öffnen. Menschen, die sich mit mir auf einen neuen und unbekannten Weg begeben.

SM ist nicht schlüpfrig oder schmuddelig

Auch ich musste erst lernen, Domina zu sein. Und natürlich passierte das nicht von heute auf morgen. Irgendwo auf dem "ganz normalen Weg", während meines Studiums, hat es mich auf eine Erotikmesse nach Berlin verschlagen, wo ich das erste Mal mit dem Thema SM in Berührung gekommen bin. Ich war sofort fasziniert und es hat mich nicht losgelassen. Wieder zuhause habe ich mich dann bei einem Studio in München informiert, mein Studium geschmissen und die dunkel-bunte Welt des SM kennengelernt.

Als ich das erste Mal ganz alleine eine Session gehalten habe, war ich sehr aufgeregt. Der Sub, also der "Kunde" einer Domina, hat natürlich immer eine gewisse Erwartungshaltung. Er will ja Kontrolle abgeben und etwas empfangen, da muss man als Domina schon professionell arbeiten.

Damals war das ganze außerdem noch etwas ziemlich verpöntes und verbotenes. Leicht war mein Start deshalb nicht. Heute jedoch spreche ich ganz offen über meinen Beruf. In meinem eigenen Studio habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das ganze Thema SM, Bondage und Fetisch aus der "Schmuddelecke" rauszutreiben.

Die Menschen müssen sich für ihre Träume und Bedürfnisse bei mir nicht schämen. Vor allem, weil meine Kunden ganz normale Menschen sind. Keinem der Familienväter, Firmenchefs und Ehemänner würde man seine Vorlieben ansehen.

Ihre Lebenssituationen, Berufe und Persönlichkeiten sind ganz unterschiedlich - und so auch ihre Wünsche. Mit den Männern, die zu mir kommen, unterhalte ich mich zuerst. Ich muss ja erfahren, wie ihre Fantasien aussehen. Manche haben eine sehr genaue Vorstellung davon, was ihnen gefällt, manchmal müssen wir aber auch einfach gemeinsam ausprobieren, was ihnen Spaß macht.

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Dabei muss es aber gar nicht immer das Auspeitschen sein, das spätestens seit 50 Shades of Grey für BDSM klischeehaft geworden ist. Manchmal genießen es die Männer auch einfach nur, eine Zeit lang in einem Raum oder Käfig eingesperrt zu sein. Sie wollen die Kontrolle darüber abgeben, was jetzt mit ihnen passiert, ihr Schicksal in die Hände von jemand anderem geben.

Meine Kunden haben ganz unterschiedliche Wünsche

Es gibt viele Männer, die große Verantwortung in ihrem Beruf haben, und die Zeit in einem Domina Studio deshalb so sehr genießen, weil sie einmal die Kontrolle abgeben können. Sich fallen zu lassen und genießen. Nicht zu wissen, was als nächstes passiert und genau das schön zu finden - das ist der persönliche Reiz vieler meiner Kunden.

Denn über Männer habe ich in meinem unkonventionellen Beruf vor allem eines gelernt: Sie wollen alles richtig machen, wissen aber oft nicht, was sie eigentlich machen und wie sie sein wollen. In Erziehung und Medien wird den Männern so viel abverlangt. Sie sollen Helden, Gentlemen und Softie sein, stark, erfolgreich und einfühlsam, ein bisschen Arschloch, damit es den Frauen nicht zu langweilig wird, und trotzdem eine treue Seele.

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Viele haben daran zu knabbern. Sie sind überfordert. Wenn sie dann auch noch ihre Bedürfnisse ihrer Frau offenbaren und sie diese verurteilt, kann es schon mal hart werden. Es ist das schlimmste, was man in so einer intimen Situation tun kann.

All diese Menschen und unterschiedlichen Beweggründe kennen zu lernen, das macht meinen Beruf zum Traumjob. Mit ihnen zu reden, zu arbeiten und einen tiefen Blick in ihre Persönlichkeiten zu erlangen, das ist es, was mich daran fasziniert, Domina zu sein. Wenn ich mal zwei Tage nicht in meinem Studio bin, dann vermisse ich die Arbeit auch.

Frauen sollten dasselbe dürfen

Ich lerne nicht nur verzweifelte Männer kennen. Auch Paare, bei denen der Sex einfach etwas langweilig geworden ist, berate ich manchmal. Ich finde, dass SM einfach so viele tolle Möglichkeiten bietet. Beim Sex hat man irgendwann alles durch gemacht, dann ist es einfach nicht mehr so spannend, wie mit 20 Jahren. SM hat schon viele Ehen gerettet.

Ich verstehe einfach nicht, warum der ganze Thematik, Sex, Fetisch und SM, in der heutigen Zeit immer noch dieses schlüpfrige Image anhaftet. Es ist die Art vieler Menschen, Genuss und Erfüllung zu finden. Dominas gibt es, weil diese Menschen das privat nicht bekommen können.

Das schlechte Image jedoch scheint mir auch der Grund zu sein, warum so selten Frauen zu mir kommen. Sie wissen erstens nicht, wo sie hingehen sollen und ob es sich gehört und zweitens ist es in uns Frauen einfach verankert, dass wir so etwas nicht tun. Klar, für Männer war es schon immer erlaubt, ins Bordell zu gehen oder ihre Bedürfnisse anderweitig zu erfüllen, aber für Frauen ist das nicht so leicht, glaube ich.

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In meinem Studio arbeiten mittlerweile sogar zwei männliche Dominas, genannt Dominus oder Master, die gerne mit Frauen arbeiten. Viel genutzt wird diese Möglichkeit jedoch leider nicht.

Ich denke, für uns Frauen ist es der letzte Schritt zur Gleichberechtigung, sich auch in dieser Hinsicht dasselbe gönnen zu dürfen. Sich Befriedigung zu verschaffen, wo und wie sie wollen, in ein Bordell zu gehen oder eine Domina zu besuchen. Mit ihrer Sexualität und ihren Vorlieben nicht hinterm Berg zu halten - und sie vielleicht sogar zum Beruf zu machen, so wie ich.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Franziska Kiefl.

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