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Viele Flüchtlinge leiden in Deutschland an Depressionen - und das gefährdet unsere ganze Gesellschaft

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SYRIAN REFUGEES IN GERMANY
Zohra Bensemra / Reuters
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Dass Flucht und Vertreibung mit einem hohen Depressionsrisiko einhergehen, liegt auf der Hand. Was erwartet Migranten durch Anpassungsstress in Deutschland - in einer Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen schon längst zu den häufigsten klinischen Befunden gehören?

Das Münchner Bündnis gegen Depression hat alle mit dem Problemkomplex verbundenen Themen seit Jahren auf der Agenda - mit dem besonderen Augenmerk auf dem Thema "Migration" im Jahr 2017.

Ein Thema, das unsere besondere Aufmerksamkeit verdient - speziell in Zeiten einer schwierigen Regierungsbildung im Bund und christlichen Schwesterparteien, die sich an "Obergrenzen" der Migration abarbeiten und mit Wortklaubereien von wegen "Richtwert 200.000" in Koalitionsverhandlungen mit Grünen und Liberalen eintreten.

Die moderne Gesellschaft an sich macht schon krank

Eine Veranstaltungsreihe des Münchner Bündnisses weist auf die Umstände des Krankheitsbefunds "Depression" bei Migranten hin. Joachim Hein, Vorsitzender des Bündnisses, weiß: Migranten sind durch Anpassungsstress besonderen Belastungen ausgesetzt.

Nach dem Stress durch Flucht oder Vertreibung wartet der Stress einer Anpassung an den Stress im Gastland - übermächtig und vieldimensional seitens der Behörden, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, vor allem jedoch im Blick auf ein fremdes Alltagsleben.

Das Depressionsrisiko für die Deutschen selbst ist ja schon immens. Der Grund: Viele Menschen fühlen sich überfordert. Stress in der Familie, Stress bei der Arbeit, Zukunftsängste.

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Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen?

Die moderne Gesellschaft an sich macht krank. Das erfahren Migranten oft schmerzlich in der Konfrontation mit den realen Verhältnissen im gelobten Land. Wettbewerbsdruck im Beruf und Konformitätszwang im Verhalten gehen Hand in Hand mit diffuser Angst vor den möglichen Folgen der Globalisierung, der Digitalisierung, dem Klimawandel und den damit einhergehenden gesamtgesellschaftlichen Veränderungen an sich.

Oft ist der Einzelne allein mit seinen Sorgen und Nöten. Der sichere Hort der Familie, gar der Großfamilie, seelisches Refugium noch in den 50er- und 60-er Jahren scheint ein für alle Mal verloren.

Migranten müssen sich nun völlig auf sich gestellt im fremden Land behaupten

Isolation in der Vereinzelung ist das Menetekel unserer menschlichen Gegenwart. Vereinsamung das traurige Resultat. Nicht nur im Alter, sondern jederzeit. Und überall.

Ein Horror-Szenario für Menschen, die, wie viele Migranten, die Sicherheit großfamilialer Bindungen gewohnt sind und sich nun völlig auf sich gestellt in Selbstbehauptung üben müssen.

Eine menschliche Entwurzelung ohne Gleichen. Eine künftige Regierungskoalition in Berlin tut gut daran, Problemkomplexe dieser Art in ihre Verhandlungen mit aufzunehmen.

Mehr zum Thema: "Such dir ne Frau zum Heiraten, sonst kannst du nicht hierbleiben" - wie das deutsche Asylrecht Flüchtlinge zu Verzweiflungstaten bringt

Denn niemandem dürfte damit gedient sein, wenn zum Beispiel die begehrten Fachkräfte aus dem Ausland die Kassen des deutschen Gesundheitswesens belasten und insofern Wasser auf die Mühlen rechtspopulistischer Gruppierungen schütten.

Die sich selbst dynamisierende gesamtgesellschaftliche Depression von Gastgebern und Migranten in einer modernen Gesellschaft birgt nicht zuletzt das Risiko einer politischen Regression - mit unkontrollierbaren Folgen.

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