Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Kurt E. Becker Headshot

"Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" Eine bildungspolitische Provokation

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DEMONSTRATION GERMANY
Fabian Bimmer / Reuters
Drucken

Die offene Gesellschaft hat ihre Feinde. Fraglos. Aber nicht nur "hinten weit in der Türkei", wie wir in Anlehnung an Goethe mutmaßen dürfen. Kehren wir doch bitte zunächst vor unserer eigenen Haustür - nicht zuletzt in Fragen der Bildungspolitik. Denn ohne die wird auch jede praktische Politik zur Farce.

Erdogan, Putin, Trump und ein paar andere auf diesem Planeten, gemäß eigenem Anspruch Repräsentanten demokratisch verfasster Gesellschaften, gelten hierzulande gemeinhin als Glöckner in besonderer Mission. Ihnen wird unterstellt, das Toten-Glöcklein der offenen Gesellschaft zu läuten. Mehr noch: deren Terminator und Bestatter in einem zu sein.

Die Unterstellung ist gewiss nicht unbegründet. Und dennoch möchte der Psychologe in diesem Zusammenhang gerne von einer Projektion sprechen. Der "offenen Gesellschaft", deren Terminologie wir Karl Popper danken, machen wir unsererseits seit geraumer Zeit nämlich den Garaus. Mit zunehmendem Erfolg, zurückzuführen auch auf einen gravierenden Mangel an Bildung und an verbindlich verbindenden Werten innerhalb unseres aufgeklärten Gemeinwesens im 21. Jahrhundert. Einige Beispiele gefällig?

Am besten gucken alle weg

Dieselgate, VWs von US-Umweltbehörden(!) aufgedeckte Abgas-Manipulationen bei Fahrzeugen mit Dieselmotoren, ist schon längst zum "Gate" aller deutschen Automobilhersteller mutiert, verbunden mit einer skandalös verlangsamenden Untersuchungs-, Aufklärungs- und Informationsarbeit der Regierung "in diesem unserem Land" im Gefolge.

In Anbetracht permanenter lobbyistischer Infiltrationen der politisch Verantwortlichen seitens der Automobilbranche sind die einschlägigen Statements der Regierungsvertreter in diesem Zusammenhang an Heuchelei kaum mehr zu überbieten.

Als hätten die politischen Experten in Berlin nicht schon lange gewusst, was jedem Diesel-Automobilisten bewusst wird, wenn er in der Beschleunigungsphase seines Gefährts eben mal kurz dessen Verbrauchswerte kontrolliert. Es würde sicherlich zu weit führen, von einer umfassenden Verschwörung zu schwadronieren. Sicher ist jedoch, dass das Prinzip der drei Affen von allen Beteiligten mit Bravour gelebt wurde: Am besten nicht sehen, nicht hören und schon gar nicht darüber sprechen.

Das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie

Dieselgate, ein Beispiel unter vielen, muss als Thema innerhalb eines Verhältnisses von besonderer Tragweite gelesen werden - dem Verhältnis von Ökonomie und Ökologie nämlich. Nur zu gerne lassen wir uns hierzulande einreden, wir seien Ökologie-Weltmeister. Und in der Tat kann im Vergleich mit Blinden ein Einäugiger immer für sich in Anspruch nehmen, König zu sein.

Aber "Könige" in welchem ökologischen Reich sind wir eigentlich? Gewiss: Wir haben die Atomkraftwerke abgeschaltet. Deren technologischer Rückbau und die damit verbundenen Kosten - ungewiss. Die Endlagerung von Atommüll und deren Kosten - nicht geklärt.

Der Transport von Strom von der Nordsee bis nach Mittenwald - eine unberechenbare, nicht planbare Phantasie. Und was nutzt es, wenn wir in Deutschland unter Umweltgesichtspunkten Braunkohle-Kraftwerke stilllegen, deren Technologie jedoch weiterhin ins Ausland verkaufen - als wäre die Umwelt eine ausschließlich deutsch-nationale Angelegenheit.

Die Bewahrung der Natur, ehedem das Anliegen schlechthin einer grĂĽnen Bewegung in den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, wurde von unserer Bundeskanzlerin erfolgreich zur Energiewende kleingeredet, zu einem Paradigmenwechsel quasi im Westentaschenformat, einhergehend mit einer EntmĂĽndigung der Menschen nicht nur in umweltpolitischen Fragen.

Von Transparenz kann nicht die Rede sein

Soweit einige Beispiele praktischer deutscher Politik in der zweiten Hälfte der zweiten Dekade nach der Jahrtausendwende. Ein Geschachere, ein Gemauschele, eine Verfilzung gigantischen Ausmaßes. Von Offenheit und Transparenz in relevanten Entscheidungsprozessen keine Spur. Deutschland - eine offene Gesellschaft?

Das eigentliche Dilemma der offenen Gesellschaft jedoch liegt anderswo - in der Bildungspolitik nämlich. Wer nämlich mit diesen quasi selbstverständlichen Paradoxien, Widersprüchen, Ungereimtheiten und Konflikten eines demokratisch verfassten Gemeinwesens umgehen muss, muss dafür auch gerüstet sein, muss geübt sein im Diskurs, in der Streitkultur, aber auch in der Bewertung von Informationen, im Urteilen und Entscheiden.

Denn in der offenen Gesellschaft demokratischer Prägung ist der Einzelne Souverän, Garant einer funktionierenden Ordnung des Fragens und Hinterfragens und damit auch des Antwortens und Verantwortens in jenem filigranen, von Menschen geschaffenen Kunstwerk der Gewaltenteilung. Die Tatsache, dass souveräne Bürger der Verheißung einfacher Antworten alles vereinfachender Parteien auf den Leim gehen, ist in erster Linie ein bildungspolitisches Desaster.

In der Liebedienerei gegenüber unstrittigen Notwendigkeiten bei der Ausbildung und Qualifizierung von Nachwuchskräften für die Wirtschaft wurde übersehen, dass auch im Maschinenraum der Demokratie qualifiziert gearbeitet werden muss.

Wir brauchen mehr verantwortungsbewusste BĂĽrger

Diese Arbeit kommt in der Partizipation beziehungsweise dem Partizipationsvermögen des verantwortungsbewussten Bürgers an seinem Gemeinwesen zu sich selbst. Ohne diese Partizipation kann es keine offene, demokratisch verfasste Gesellschaft geben. Diese Partizipation freilich setzt einschlägige Bildungsmaßnahmen voraus.

Denn wo sonst, wenn nicht in den Bildungsanstalten in all ihren unterschiedlichen Ausprägungen sollte die Teilhabe am politischen Leben einer Demokratie erlernt werden können? Die generelle Orientierungslosigkeit, die Unfähigkeit zum Beispiel in Fragen der Umwelt- und Energiepolitik oder in Fragen des Umgangs mit Flüchtlingen vernünftig urteilen beziehungsweise den offensiven Diskurs pflegen zu können, ist das Ergebnis eines so gut wie ausschließlich an den Zwecken der Wirtschaft ausgerichteten Bildungssystems.

Demokratie ĂĽben

Die Einübung von Demokratie wurde demgegenüber schmählich vernachlässigt. Die Konsequenzen dieser Unterlassung sind einschlägig in politischen Radikalisierungstendenzen zu besichtigen und nicht zuletzt Ausdruck fehlgeleiteter Bildung - Motto: Stell dir vor, wir leben in einer Demokratie und keiner macht mit.

Oder, schlimmer noch: Die Demokratie wird mangels eigener Urteilsfähigkeit und Bequemlichkeit denen überlassen, die sich nicht scheuen, in einer immer komplexer werdenden Welt verführerisch einfache Antworten zu geben. Speziell in der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts aber brauchen Menschen Orientierung, ein Koordinatensystem an Werten, die ihnen Richtung geben, es ihnen ermöglichen, verantwortungsbewusste Bürger eines demokratisch verfassten Gemeinwesens und damit Führer ihres eigenen Selbst in einer offenen Gesellschaft zu sein.

Und wie sonst sollten diese Werte vermittelt werden, wenn nicht durch Bildung? In der Beantwortung dieser Frage müssen die dafür Verantwortlichen nachsitzen. Denn auch künftigen Generationen muss die Möglichkeit erhalten bleiben, eine Regierung gewaltfrei abwählen zu können. Eine Einsicht Poppers, die ins Stammbuch eines aufgeklärten Staatswesens zu schreiben, Gebot der Stunde ist.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: