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Bosniaken Hoffen auf Lebenslange Haft für Ratko Mladić

22/11/2017 10:02 CET | Aktualisiert 22/11/2017 10:02 CET
Dado Ruvic / Reuters

Am frühen Mittwochmorgen werden sich ein paar Hundert Menschen vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag versammeln. Zeitzeugen, Angehörige von Opfern, politische Aktivisten, Bosnier aus ganz Europa. Sie werden dort bis zum Nachmittag ausharren und blau-gelbe Flaggen schwenken.

Ab 10 Uhr soll der Angeklagte Ratko Mladić im Gerichtssaal sein Urteil empfangen. Die Anklage lautet: Genozid, Kriegsverbrechen, Verbrechen an der Menschlichkeit. Während des Urteilsspruchs werden die Wartenden schimpfen und sie werden weinen. Andere halten ganz still ihre Banner, Plakate und selbst geschriebene Aufrufe in den Händen.

Wahrscheinlich wird auch wieder der hochgewachsene Mann anreisen, der auch schon zu Radovan Karadžićs Urteilsverkündung im vergangenen Jahr da war. Er hält ein Time Magazine von 1992 hoch, auf dem er selbst zu sehen ist. Zwischen ihm und seiner 25 Jahre jüngeren Version auf dem Cover ist keine Ähnlichkeit mehr zu sehen.

Der Mann ist Fikret Alić, ein Überlebender des Todescamps von Prijedor. Sein skeletthafter Körper hinter dem Stacheldraht wurde damals zum Sinnbild des Bosnienkrieges. Es erinnerte uns an Auschwitz und wir kapierten, dass das serbische Militärregime gerade dabei war, einen Genozid an seinen muslimischen Mitmenschen zu vollstrecken.

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General Ratko Mladić ist einer der gewichtigsten und grausamsten Antreiber der Verbrechen während des Krieges in Bosnien-Herzegowina. Seit dem zweiten Weltkrieg gab es in Europa keinen vergleichbaren Psychokiller. Einer, der sich über seine Taten und Opfer lustig macht, das Gericht verspottet und sich als Held feiern lässt. In nur drei Tagen ließ er 8000 Menschen erschießen.

Wir erinnern uns an1995: Sein wie in Marmor gemeißelter starrsinniger Zug um den Mund. Ein irrer Cowboy, der durch das kleine Srebrenica stolziert. Wie er dort vor und für Kameras Schokolade an die ausgehungerten muslimischen Kinder verteilt. Mladić und der holländische General der UN-Schutztruppe, wie sie mit Slivovic auf den Sieg der Serben über die Muslime anstoßen.

Das schreckliche Scheitern der Schutztruppe unter Mladićs Druck. Als alle tot sind, übergibt General Mladić dem Holländer zum Abschied aufwändig verpackte Präsente für seine Familie. "Schöne Grüße!" winkt er fröhlich hinterher.

Sarajevo. Vier Jahre umzingelt und bombadiert, die Sniper in den Hügeln, der zerrissenen Körper auf dem Marktplatz, die erschossenen Kinder, für die es einen eigenen Friedhof gibt, am Ende 10.000 Tote in der wunderbaren Olympiastadt. Zeitweise standen über 70 Prozent der Fläche Bosniens unter der Kontrolle von Mladićs Truppen.

Mladićs Anklage lautet: Genozid gegen 8000 Bosniaken in Srebrenica im Juli 1995 und gegen nicht-serbische Bewohner in acht anderen Gemeinden im Jahr 1992. Dazu Verfolgung von Bosniaken in ganz Bosnien-Herzegowina und Terror gegen die Bewohner Sarajevos von 1992-1995 und Geiselnahme von UN-Personal.

Hoffen auf angemessene Strafe für Mladić

Es scheint logisch: Lebenslange Haft ist die einzig angemessene Strafe für Mladić. Das Beweismaterial und die Zeugenaussagen räumen jeden Zweifel an seiner Schuld aus. Aber in Den Haag muss das nicht unbedingt etwas heißen. Bei Radovan Karadžić ist diese Rechnung nicht aufgegangen.

Entlarvt als treibende Kraft hinter den ethnischen Säuberungen, sah das Tribunal dennoch nur 40 Jahre Haft vor. Schuldig am Genozid in Srebrenica, aber nicht schuldig an der Vertreibung bosnischer Muslime und Kroaten aus Dörfern, die die serbischen Truppen für sich beanspruchten. Eine Enttäuschung, die das Vertrauen in den Gerichtshof weiter minderte.

Während Karadžić politisch für die Verbrechen verantwortlich war, tigerte General Mladić selbst hämisch grinsend durch die bosnischen Städte und wies Tötungen an. Einige der Menschen, die seine Verhandlung verfolgen, sind ihm begegnet, vielleicht haben sie sogar mit ihm gesprochen. Für sie und all diejenigen, die während der Belagerung in Sarajevo oder in Srebrenica gelitten haben, ist das Urteil am Mittwoch eine höchst persönliche Sache.

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Zum Beispiel für die "Mütter von Srebrenica", eine Aktivistengruppe, die sich ebenfalls auf dem Platz vor dem Tribunal aufreihen wird. Einige dieser Frauen werden mit dem Bus aus Bosnien anreisen, eine 30-Stunden-Fahrt nur für den Schuldspruch. Sie werden Fotos ihrer ermordeten Männer und Kinder dabei haben. Sie werden hoffen, dass die serbischen Politiker durch das Urteil endlich aufhören, die Schuld von sich zu weisen. Am Abend fahren sie wieder heim.

Andere Witwen sehen keinen Sinn in Demonstrationen. Esma, zum Beispiel, ist Mitte 60 und erst vor einigen Jahren nach Srebrenica zurückgekehrt. Ihr Mann und ihre beiden Söhne wurden damals von Mladićs Leuten erschossen. Sie wohnt jetzt allein in ihrem großen Haus auf der Durchgangsstraße.

Ihre Schlafzimmer vermietet sie manchmal an Touristen. Sie selbst schläft immer in der Küche auf dem Sofa und lebt ein tristes Leben im serbisch dominierten Ort. "Was auch immer der Urteilsspruch ist, es wird zu wenig sein", sagt Esma. "Es ist einfach zu wenig für uns alle, die so viel durch seine Boshaftigkeit gelitten haben."

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Natürlich hält Ratko Mladić jede Anschuldigung für eine Unverfrorenheit und für einen Komplott. Während viele Serben seine Festnahme im Jahr 2011 befürworteten, steht jedoch ein kleiner, aber unbeugsamer Teil der serbischen Bevölkerung hinter ihm. 640.000 Euro wurden bislang aus der Serbischen Republik an Mladić und co. in Den Haag gespendet.

Während des Verfahrens hat sich der 74Jährige erwartungsgemäß asozial aufgeführt. Als der Richter die Anklagepunkte vortrug, fixierte er die Angehörigen der Opfer und strich mit der flachen Hand an seiner Kehle entlang. Er weigerte sich, sich zur Anklage zu äußern, störte mit Zwischenrufen, tauchte mit Russenmütze auf, wollte ständig Termine verschieben, bis zuletzt.

Absurde Rache an den "Türken"

Um die Popularität von Kriegsverbrechern wie Mladić in seiner Heimat zu begreifen, muss man sich vorstellen, dass ein Teil der Serben politisch noch auf dem Amselfeld im Jahr 1389 steht. Als das serbische Heer gegen die Osmanen kämpfte - und scheiterte. Trotzdem feiern die Serben diesen Tag alljährlich: als Symbol des Opfers für ihre christlichen Werte.

Am ersten Tag der Erschießungen von Srebrenica faselt Mladić in eine Kamera, dass Serbien sich nun endlich an der verlorenen Schlacht auf dem Amselsfeld rächen würde. "Wir geben die Stadt den Serben. Endlich werden wir uns an den Türken rächen". Damit erinnert General Mladić einige Landsleute an die unerschrockenen serbischen Wehrbauern, die damals die Grenze vor den "Türken" schützten.

Mladić als Türkenbefreier, der den Serben endlich ihre Großnation beschert. Brutal, stur und gegen alle Widrigkeiten, das heißt: gegen den Rest der Welt, der kurioserweise nicht kapiert, was den Serben zusteht.

Heute vertritt er all die, die nach dem Ende des Bosnienkriegs und der Niederlage im Kosovo 1999 mal wieder von der Weltverschwörung gegen das serbische Volk überzeugt waren. Die bekannte Reaktion aufs Scheitern.

Sonja Karadžić, Tochter Radovans, Abgeordnete der Serbischen Demokratischen Partei der Serbischen Republik, behauptet öffentlich, die Morde in Srebrenica seien eine Inszenierung gewesen - um einen Grund für die Bombadierung von Belgrad zu haben. Und während die Bosniaken dieses Jahr im Juli wieder die Opfer dieses Massakers betrauerten: beleidigter Protest im serbischen Banja Luka, auf Postern steht: Support for Ratko Mladić - Stop the lies about Srebrenica

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Auf dem Platz vor dem Kriegsverbechertribunal wird auch Belma aufgeregt warten, die einer Aktivistengruppe aus Sarajevo angehört. Die 35Jährige hofft, dass das Urteil von Mladić härter ausfallen wird als das von Radovan Karadžić im vergangenen Jahr. Für Belma sind die Urteile in Den Haag elementar für eine Versöhnung zwischen den verfeindeten Politikern der Volksgruppen.

"Dieses Urteil kann Tatsachen über den ganzen Krieg etablieren. Was in den Schulbüchern stehen wird, was die Welt von den ex-jugoslawischen Ländern glaubt. Nur mit einer gerechten Strafe kann es weitergehen", beteuert sie. "Mladićs Urteil ist die Basis für die Anerkennung der serbischen Kriegsverbrechen. Und Anerkennung ist der erste Schritt zur Versöhnung".

Daneben gibt es auch viele bosniakische Leute, die schon lange nicht mehr an eine Versöhnung glauben und sich nur am Rande für das Urteil interessieren. Der 28jährige Vedad, der in Sarajevo für eine kanadische Computerfirma arbeitet, atmet tief durch. "Mir geht dieses Tribunal auf die Nerven. Der Krieg ist über 20 Jahre her und fast sieben Jahre lang brauchen die für einen Urteilsspruch".

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Klar wünsche er sich, dass Mladić lebenslang in Haft bleibt, aber überraschen würde ihn gar nichts mehr. Außerdem befürchte er, das Urteil produziere nur eine neue politische Krise. "In unserem Alltag wird sich jedenfalls nichts ändern", ist er sich sicher. Seit über zwei Jahrzehnten verteidigen die drei nationalistischen Eliten Bosniens ständig ihre jeweiligen ethnischen Gruppen gegen die anderen.

Teilweise sind sogar noch die gleichen Politiker in der Regierung wie damals im Krieg. Zugleich führt der Präsident der Serbischen Republik, Milorad Dodik, den separatistischen Nationalismus von Karadžić fort. "Egal, was passiert, die serbischen Politiker werden das Urteil für zu hart und die bosnischen für zu schwach finden".


Biografie von Ratko Mladić

Ratko Mladić wird am 12.3.1942, während des Zweiten Weltkriegs, in einem Dorf südlich von Sarajevo geboren. Kind einer Partisanenfamilie, der Vater stirbt 1945 im Kampf gegen die kroatischen Ustascha. Ratko folgt ihm zum Militär, wird Kommandeur des Jugoslawischen Militäreinheiten in Mazedonien und im Kosovo. Als das Land 1991 zerfällt, kämpft Mladić wie sein Vater gegen kroatische Separatisten. Als sich 1992 der Krieg auf Bosnien ausbreitet, will er unter Slobodan Milosević das Land für die Serben erobern. Mladić wird General und beginnt mit den Säuberungen in Bosnien und Kroatien.

Im Februar 1994 erschießt sich Mladićs Tochter Ana mit 26 Jahren mit der Lieblingspistole ihres Vaters; vermutlich aus Gram über ihren Vater. Mladić glaubt nicht an Selbstmord, sondern an einen Komplott seiner Feinde und wird noch brutaler und psychopathischer.

1999 zerbricht der Traum von Großserbien: Milosević wird nach Den Haag ausgeliefert. Damit wackelt auch Mladićs Sicherheit. Dann 12 Jahre auf der Flucht: Zunächst verstecken ihn alte Armeekollegen und Freunde aus dem Bosnienkrieg in Militäranlagen aus Titos Zeiten. Noch wird er verehrt, kein Versteck ohne Kurpark und wilde Parties.

Ab April 2002 fahndet das Internationale Kriegsverbrechertribunal nach ihm. Seine Etablissements werden unglamouröser, der Kreis der Verstecker verkleinert sich. Jahrelang lebt er in einem Hochhaus in Belgrad ohne Telefon, kaum Besuch. Ganz anders als Karadžić, der als rauschebärtiger New Age-Heiler jahrzehntelang in seiner Praxis Patienten empfang.

Als Premierminister Zoran Đinđić im März 2003 erschossen wird, verhält sich Mladić noch diskreter. Seinen Leibwächtern droht er bei Informationslecken mit der Ermordung ihrer Kinder. 2004 willigt Präsident Tadić ein, Richtung EU blinzelnd, Mladić zu suchen und nach Den Haag auszuliefern.

2005 zieht der Gesuchte aufs Land, vertraut nur noch Verwandten. 2011 endet alles in Lazarevo im Norden Serbiens. Am 26.5. spüren ihn zwei Offiziere des Innenministeriums in einem zugigen Zimmer auf, von der Außenwelt isoliert, und krank. "Ich bin der, den sie suchen", sagt Mladić zur Begrüßung.

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