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Der Tag an dem Brian Wilson bei mir anrief

03/07/2015 12:01 CEST | Aktualisiert 07/07/2016 11:12 CEST
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Als ich kürzlich Love & Mercy anschaute, den Film über das Mastermind der Beach Boys, erinnerte ich mich, wie an einem Augustnachmittag 2008 mein Telefon klingelte. Brian Wilson hockte in Los Angeles bei Capitol Records und trank seinen Morgenkaffee. Ich sollte mit ihm für ein Interviewmagazin über sein Album That Lucky Old Sun sprechen.

Ich hatte komplexe Nerdfragen vorbereitet, nochmal schnell alle Beach Boys-Bücher gelesen, und war aufgeregt. Mein großer Held sollte merken, wie tief ich in seine Musik eingetaucht war. Am Ende kam alles ein bisschen anders.

Bevor ich Brian Wilsons Musik wahrhaftig lieben lernte, hatte ich als Teenager bloß hier und da zu den Surfhits gewippt. Und wenn der DJ meiner Oberhausener Stammdisco zwischen einer Sixties-Girlgroup und einem Ramones-Song Good Vibrations spielte, hatte ich zwar eine gewisse Magie gespürt, aber nicht weiter drüber nachgedacht.

Erst später entdeckte ich die Kunst von Brian Wilson

Ich war mit meinen aktuellen Lieblingen beschäftigt, Prefab Sprout, New Wave und Power Pop, für alte Musik war kein Platz. Dass ich später einmal Brian Wilsons Kunst entdecken würde, hochkomplexe, geradezu wahnsinnige Kompositionen leicht und catchy klingen zu lassen, scheint im Rückblick nicht mehr so weit hergeholt.

Ende der Achtziger Jahre, zu Kokomo-Zeiten, sah ich die Beach Boys auf der Bühne eines Freibads in Arizona. Eigentlich perfekt, denn den Strand mochten sie ja sowieo nie. Aber Carl und Dennis Wilson waren schon tot, und Brian kränkelte in seinem Psychogefängnis herum.

Und so wurde es zwar zu einem lustigen, spießigen amerikanischen Familiennachmittag mit Hot Dogs und twistenden Mädels auf dem Fünfmeterbrett. Aber von den Herren, von denen es nur Al Jardine in die neuzeitliche Brian-Wilson-Sippschaft geschafft hat, kamen nur noch ein paar Spritzer der alten Beach Boys rüber. Für echte Wellen fehlte die Wilson-Magie.

Wenig später legte mir ein Freund Brian Wilsons Autobiografie Mein kalifornischer Alptraum ans Herz. Ob sie nun der irre Psychiater verfasst hat oder nicht: Fortan las ich alle Bücher über die Beach Boys. Über die exzentrischen Aufnahmesessions, Feuerwehrhelme, Sandkasten, Drogen, Brians Akribie.

Über sein unermüdliches Streben nach Harmonie, das ihm seine schönsten Momente mit seinen Brüdern und seinem Cousin beim Singen brachte. Über den Horrorvater und Brians Dämonen und Eigensinnigkeiten. Ich wollte Brian Wilson so gerne persönlich retten, aber da kam mir seine Melinda zuvor. Also blieb mir nur seine Musik.

Auf Pet Sounds und Surf's Up entdeckte ich bei jedem Hören etwas Neues, ein Rascheln, ein Tiergeräusch, irgendwo eine Sirene. Ich lernte, dass das geisterhafte Surren am Anfang von Good Vibrations eine Art Theremin war. Und überall Harmoniegesänge, zugleich völlig bizarr platziert und wiederum so passend, dass man sich die Lieder ohne diese Gesänge gar nicht mehr vorstellen kann. Am meisten berührte mich Brian Wilsons naive Freude an der Melodie, mit der er seine sensiblen Kompositionen und das wohl innovativste und harmonischste Zusammenspiel von Gesängen und Klängen der Popgeschichte erschaffen hat.

Es wurde immer schlimmer

Dann kam die Dennis Wilson-Phase. Auch ein Genie, auch mit dem Leben überfordert, und dazu richtig gut aussehend. Ich hing mir das Cover von Pacific Ocean Blue an die Wand und schaute immer wieder die Beach Boys-Doku An American Band. Sein Forever trieb mir Tränen in die Augen. Und es wurde noch schlimmer.

Auf einer Kalifornien-Reise machten mein Freund (zeitweise mit Feuerwehrhelm auf dem Kopf) und ich uns auf die Suche nach einem Bootssteg in Marina del Rey. Von diesem Bootssteg soll der arme, zugedröhnte Dennis Wilson 1980 ins Meer gesprungen sein, weil er alte Familienfotos vom Meeresgrund retten wollte, die er irgendwann einmal ins Wasser geworfen hatte. Ihn hatte niemand gerettet. Am Hafen gab es tausend Bootsstege.

Wir verstanden nicht, dass es nirgendwo ein Dennis-Wilson-Denkmal gab. Wir verachteten die Bewohner von Marina del Rey, die nicht wussten, wo das Leben ihres Dennis geendet hatte. Wir quatschten dem Beach Boys-Biografen Domenic Priore (Listen! Look! Vibrate! Smile!) auf den Anrufbeantworter. Er rief nicht zurück. Letztlich fanden wir ein Beach Boys-Café in Hermosa Beach, wo zwar einige Originalinstrumente an den Wänden hingen und es einen Little Deuce Coupe-Burger gab, man aber lieber Pearl Jam hörte.

Mittlerweile liebte ich auch die verschmähten Hits. 2002 feierte Brian Wilson überraschend seine Auferstehung mit Pet Sounds-Tournee und neuer Band. Beim Konzert in Hamburg freute ich mich sowohl mit den Spex-Lesern und Brian-Wilson-Nerds über Pet Sounds als auch mit den Jeanswesten mit Eagles-Aufnähern, die bei Help Me Rhonda von ihren Sitzen sprangen. Brian war wieder da, wenn auch reichlich mitgenommen. Er vollendete Smile, machte eine schöne Weihnachtsplatte und rief bei mir in Köln an.

Brian Wilson klang fröhlich und begrüßte mich mit meinem Namen. Er wollte wissen, ob ich gute Laune hätte. Auf meine erste Frage schwieg er einfach. Auf die nächste auch. Er fragte wieder, ob es mir gut ging. Dann wieder Schweigen. Wie spät es bei mir sei, wollte er wissen. Wenn es Übersprungshandlungen am Telefon gibt, ich habe sie bestimmt alle dargeboten. Schließlich legte ich meinen Fragebogen zur Seite.

Wilsons kurze präzise Antworten auf meine improvisierten Fragen kamen mal wie aus der Pistole geschossen, dann wieder stockend. Wenn er versuchte, komplexere Sachverhalte zu erklären, brach er häufig ab und entschied sich für die einfache Variante.

Das Gespräch ist damals in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung erschienen, nachdem das Magazin Galore es für zu seltsam befand.

Brian, Sie haben eine neue Platte veröffentlicht. Ihre Stimme klingt auf That Lucky Old Sun so gut wie lange nicht mehr.

Brian Wilson: (freudig) Danke schön, vielen vielen Dank! Ich fühle mich auch, großartig! Das ist gut zu hören.

Woran liegt das?

Wilson: Training, Training, Training! Ich laufe jeden Tag. Und ich schreibe Songs. So bleibe ich am Leben. (lacht)

Sie leben in Kalifornien und nannten Ihre Band die Beach Boys, aber Sie waren nie gern an Strand. Hat sich das mittlerweile geändert?

Wilson: (empört) Nein! Ich mag den Strand nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal am Meer war!

Mögen Sie denn die Sonne?

Wilson: (verwundert) Natürlich mag ich die Sonne!

Was schätzen Sie sonst an Kalifornien?

Wilson: Die Restaurants!

Fast zeitgleich zu Ihrer neuen Platte ist auch das lange verschollene Album Pacific Ocean Blue Ihres sehr jung verstorbenen Bruders Dennis von 1977 wieder veröffentlicht worden. Was löst das bei Ihnen aus?

Wilson: Ich finde das fantastisch.

Hat das Erinnerungen an Ihre gemeinsame Zeit zurückgebracht?

Wilson: Ja, ein wenig schon. Schöne Erinnerungen.

Wie erleben Sie den Trubel, der um Sie stattfindet, wenn Sie eine neue Platte veröffentlichen?

Wilson: Das macht mich sehr nervös. Weil ich nicht weiß, ob die Platte erfolgreich sein wird. Das macht mir Angst. Ich habe ja absolut keine Ahnung, ob ich Erfolg damit haben werde.

Ihr Album erscheint bei Capitol Records, wo Sie mit den Beach Boys 1961 Ihre Karriere begannen. Was bedeutet das für Sie?

Wilson: Wieder bei Capitol zu sein, ist eine recht sentimentale Angelegenheit für mich.

In den Achtziger und Neunziger Jahren haben Sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. War Ihnen da überhaupt bewusst, was für eine Institution Sie sind in der Popmusik?

Wilson: Ich hatte nicht die geringste Ahnung.

Bis Sie vor zehn Jahren wieder begannen, Konzerte zu geben?

Wilson: Genau. Ich war absolut überwältigt von all den Fans.

Wie haben Sie Ihren ersten Auftritt erlebt?

Wilson: Erst war ich sehr eingeschüchtert, aber nach wenigen Takten war es dann okay.

Wie sehr strengen Konzerte Sie an?

Wilson: Es ist harte Arbeit, aber das ist es wert.

Sie gelten gemeinhin als verschlossener Mensch. Wie ist das heute?

Wilson: Am liebsten bin ich zuhause. Ich bin gern mit meiner Familie zusammen. Das gibt mir Halt. (denkt lange nach) Das macht das Leben leichter, wissen Sie?

Geht es Ihnen denn gut?

Wilson:Ja, alles in Ordnung.

Haben Sie denn noch manchmal mit Dämonen zu kämpfen?

Wilson: (leise) Ja, manchmal schon. Aber nicht so schlimm wie früher. Die Tage werden immer heller.

Haben Sie denn Ihr Klavier überhaupt anrühren können, als es Ihnen richtig mies ging?

Wilson: Ob ich Lieder geschrieben habe, als es mir schlecht ging? Sicher! Ich kann mit den schlimmsten Depressionen noch Lieder schreiben.

Würden Sie sagen, dass Ihre Schwierigkeiten mit dem Erfolg Ihrer Beach Boys eingesetzt haben?

Wilson: Das könnte sein. Es passierte zur selben Zeit.

Träumen Sie manchmal von diesen Jahren?

Wilson: Nein. Ich träume nur von meinen Freunden.

Haben Sie Kontakt zu den restlichen Beach Boys?

Wilson: Um Gottes Willen, nein! Die kann ich nicht leiden!

Haben Sie sich jemals mit Ihrem Cousin Mike Love versöhnt?

Wilson: Natürlich nicht! Ihm wurden die Rechte am Bandnamen und an vielen Beach Boys-Songs überschrieben.

Bekommen Sie denn Anteile?

Wilson: Ja, ich bekomme ein wenig.

Bei allen schweren Problemen und Krisen: Ihnen ist es finanziell immer gut gegangen. Wie

haben Sie es geschafft, nicht in die Falle zu tappen, Ihr Geld zu verschwenden?

Wilson: (lacht) Es war immer genug da. Da habe ich wirklich Glück gehabt. Die Beach Boys wurden ja immer wieder von jeder Generation neu entdeckt, ähnlich wie die Beatles. Es gab nie einen Einbruch.

Auf welche Ihrer Platten sind Sie besonders stolz?

Wilson: Auf Smile bin ich stolz. Pet Sounds ist auch in Ordnung.

Und welche Lieder bedeuten Ihnen am meisten?

Wilson: Forever She'll Be My Surfer Girl, Southern California und Goin' Home.

Das sind alles Lieder von Ihrer neuen Platte.

Wilson: Exakt!

Die Platte scheint eine besondere Bedeutung für Sie zu haben.

Wilson: Ja. Weil ich mich so gut fühle wie lange nicht.

Haben Sie den Prozess bewusster erlebt als früher?

Wilson: Exakt! Das ist es.

Und was war die schönste Erfahrung dabei?

Wilson: Das Singen! Und die Gesänge zu arrangieren.

Die Harmonien ...

Wilson: Exakt! Ich liebe Harmonien! (schweigt lange) Ich suche immer nach Harmonie. Dann komponiere ich etwas und wir gehen ins Studio. Dann habe ich Harmonie.

Und wie ist das außerhalb Ihrer Musik?

Wilson: In meinem Leben habe ich endlich auch etwas Harmonie.

Was, wenn es mal nicht so gut läuft?

Wilson:Dann gehe ich in den Plattenladen und kaufe eine Schallplatte mit vielen Harmonien!

Was kaufen Sie denn dann?

Wilson: (ungläubig) Welche Platten ich dann kaufe? Nur Sechziger und Siebziger-Musik natürlich. Perry Como, Andy Williams, Countryplatten.

Was spielen Sie am liebsten auf dem Klavier?

Wilson:Rhapsody In Blue von George Gershwin.

Singen Sie auch, ohne am Klavier zu sitzen?

Wilson: Niemals!

Was bedeutet Ihnen mehr: Musik zu komponieren oder Ihre Lieder mit der Welt zu teilen?

Wilson:Beides! Mir bedeutet beides genau gleich viel.

Was machen Sie, wenn Sie nicht trainieren oder Musik machen?

Wilson: Ich habe Hunde. Ich habe sage und schreibe 15 Hunde! Fünfzehn! Einen Pudel, einige Yorkshire Terrier. Die anderen habe ich vergessen.

Dann gehen Sie viel spazieren?

Wilson: Nein, nie!

Sondern?

Wilson:Ich gehe gern ins Kino.

Was sehen Sie sich an?

Wilson: Humorvolle Filme.

Wie sähe für Sie ein perfekter Tag aus?

Wilson: Aufstehen, in ein Restaurant oder Café gehen, frühstücken, nach Hause kommen, meine Vitamine einnehmen und dann für den Rest des Tages Klavier spielen.

Wie oft kriegen Sie das so hin?

Wilson: (lacht) Fast jeden Tag!

Die Texte, die Scott Bennett für Ihr neues Album schrieb, sind zum Teil sehr persönliche Geschichten aus Ihrem Leben. Wie ist das für Sie, dass jemand so über Ihr Leben schreibt?

Wilson: Ich finde das toll. Es ist eine Ehre für mich, dass sich jemand die Mühe macht, über mich nachzudenken, und daraus dann noch einen Songtext macht.

Ihr alter Weggefährte Van Dyke Parks, der auch am legendären Album Smile mitschrieb, hat die Kurzerzählungen geschrieben, die Sie zwischen den Songs vortragen.

Wilson:Ich liebe Van Dykes Kunst, Texte zu schreiben. Geht es Ihnen gut? Wo leben Sie?

In Köln.

Wilson: Ich mag Deutschland sehr.

Sie haben Pet Sounds und Smile in Deutschland aufgeführt. Was genau an Deutschland gefällt Ihnen?

Wilson:Ich mag die Straßen! Sie sind alt, hübsch und schmal. Ihr habt viel Kopfsteinpflaster, nicht wahr?

Ja, die gibt es hier häufig. Haben Sie schon neue musikalische Projekte im Kopf?

Wilson: Um Himmels Willen! Soweit bin ich noch nicht.

Vielen, vielen Dank für das Interview! Es war mit eine große Freude.

Seit damals hat Brian Wilson noch mehr Platten gemacht und Konzerte gegeben. Kürzlich erschien No Pier Pressure. Aber am besten, Sie sehen sich Love & Mercy an.


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