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Wie meine Tochter in die Fänge der Pflegemafia geriet

01/06/2017 09:48 CEST | Aktualisiert 01/06/2017 13:00 CEST
Kristina Becker

Das Jugendamt hat mir mein Kind geklaut. Ich bin eine entsorgte Mutter, fühle mich hilflos und im Stich gelassen. Weder weiß ich, wie es meiner Tochter geht, noch, wo sie ist. Vielleicht werde ich sie nie wieder sehen. Mein Kind ist und bleibt verschwunden - mitten in Deutschland im Jahr 2017.

Das alles habe ich unserem System zu verdanken. Heime machen Milliarden mit diesem Geschäft. Über neun Milliarden Euro Einnahmen bringt alleine die stationäre Unterbringung der Kinder jährlich. Und die Anzahl der Kinder steigt stetig.

2005 wurden knapp 26000 Kinder in die Obhut von Jugendämtern genommen, 2014 schon über 48000. Und 2015 sogar mehr 77000 Kinder, laut statistischem Bundesamt. Eines davon ist meine Tochter Daria.

Doch wie kam es dazu, dass ausgerechnet sie in die Fänge dieser Pflegemafia geriet?

Vor knapp zehn Jahren kam Daria auf die Welt. Von ihrem Vater trennte ich mich noch vor der Geburt. Ich bekam das alleinige Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht. Aber ich sagte ihm, dass er sie gerne regelmäßig sehen darf. Er kann Vater sein, aber ich will keine Beziehung mehr zu ihm haben.

Ich glaube, er hatte von Anfang an gar kein Interesse an ihr. Aber er hat sie als Druckmittel benutzt. Und er begann mich zu stalken. Zum Beispiel stand er einmal am Gartenzaun und fragte, ob er zu Daria darf. Ich willigte spontan ein, wollte Daria ja nicht den Kontakt zum Vater nehmen.

Ich bekam Angst und rief die Polizei

Wir saßen gemeinsam im Kinderzimmer, als er versuchte, einen Streit zu beginnen. Ich ließ mich nicht darauf ein, dann wurde er richtig sauer. Er beschimpfte mich vor Daria mit „dreckiges Stück Scheiße" und „miese Schlampe". Ich bekam Angst und rief die Polizei.

Als ich dem Polizisten sagte, dass ich meinen Ex reingelassen habe, meinte er, dass ich doch selbst schuld sei. In dem Moment wusste ich: Auf die Hilfe der Polizei kann ich mich nicht verlassen.

Ich fand heraus, dass es zu Stalking meistens nach Trennungen kommt. Vor allem seitens der Männer. Und man kann kaum etwas dagegen tun. Ich habe meinen Ex deswegen mehrmals angezeigt, gebracht hat das nichts.

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Ich ging zu einer Opferberatung und erfuhr, dass Stalking zwar eine Straftat ist, aber sobald ein Kind im Spiel ist, kann der Vater sagen, dass er nur das Kind sehen wollte und ist damit fein raus. Davon sind wohl eine Menge Frauen betroffen. Ich hatte also schlechte Karten. Und musste das Stalking viele Jahre ertragen.

Wir wohnten in einem Dorf in Brandenburg. Der Kindsvater ist dort geboren und aufgewachsen. Ich nicht. Schon bald bekam ich das Gefühl, dass viele der Dorfbewohner hinter ihm stehen und mir viele Sachen verheimlichen.

Er besuchte meine Tochter heimlich im Kindergarten

Ich fand zum Beispiel heraus - leider erst nach vielen Jahren - dass er meine Tochter heimlich im Kindergarten besuchte, obwohl er kein Recht dazu hatte. Die Kindergärtnerin war die Schulfreundin seiner Schwester. Wenn er zu Besuch in den Kindergarten kam, schickte sie die anderen Kinder sogar aus dem Raum, damit er ungestört mit meiner Tochter spielen konnte.

Während eines Elterngesprächs drohte mir mein Ex indirekt damit, dass er russische Bekannte hat, die Arme und Beine brechen können und er wisse, was es kostet. Ich dachte, ich höre nicht richtig.

Wenige Zeit später verfolgte er mich auf einen Supermarkt Parkplatz und wollte mir Daria aus dem Auto reißen. Ich rief die Polizei. Und er verließ fluchend den Parkplatz.

Eine Woche später hätte er Umgang mit ihr gehabt, aber sie weigerte sich und wollte bei mir bleiben. Daraufhin wurde er so sauer, dass er mir drohte, Daria in eine Pflegefamilie zu bringen und mir seine russischen Freunde zu Besuch zu schicken.

Bei mir läuteten alle Alarmglocken

Ich wollte meine Tochter schützen und sah nur noch einen Ausweg: Abhauen. Deshalb buchte ich einen Flug für uns. Wir packten unsere Sachen und verschwanden.

Im Ausland ging es uns gut. Daria lernte innerhalb kürzester Zeit die Landessprache - das machte ihr viel Spaß - und sie schloss viele Freundschaften. Zwischenzeitlich beantragte der Kindesvater den Entzug meines alleinigen Aufenthaltsbestimmungs- und Sorgerechts und die Übertragung auf das Jugendamt Havelland, sowie die Heimunterbringung von Daria.

Das heißt, er wollte sie gar nicht selber haben, nur bei ihrer Mutter sollte sie nicht sein. Das Amtsgericht Rathenow entzog tatsächlich aufgrund von Lügen in Abwesenheit ohne Anhörung das gesamte Sorgerecht und übertrug es auf das Jugendamt Havelland.

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Informiert wurde ich darüber nicht, musste aber später wegen Kindesentzug vom Jugendamt vor den Jugendrichter treten. Erst, als ihr Pass ablief und ich zur deutschen Botschaft ging, um einen neuen zu beantragen, erfuhr ich von dem Sorgerechtsentzug.

Der Amtsvormund verweigerte die Ausstellung eines neuen Passes, somit bekam ich keinen Pass für Daria. Da ich nicht wollte, dass sie in ein Kinderheim kommt, beschloss ich, erst einmal ohne Pass und somit illegal dort zu bleiben. Dadurch durfte Daria nicht mit ihren Freunden in die Schule gehen, und konnte ihre Freunde kaum noch sehen. Sie konnte das nicht verstehen und war sehr sehr traurig.

Schlussendlich wurde Daria ausgewiesen

Genau zu dieser Zeit brannte mein Haus in Deutschland. Das war Brandstiftung - doch der Täter wurde nicht gefunden. Wir mussten zurück und hatten kein Zuhause. Das Jugendamt behauptete, dass sie uns keine Unterkunft zur Verfügung stellen können. Das war lächerlich. Es gibt Unterkünfte ohne Ende in Brandenburg.

Schließlich sind wir in Deutschland gelandet und haben drei Monate in Süddeutschland gewohnt. Daria besuchte sofort die 2. Klasse der Grundschule und hatte keinerlei Probleme dort. Ein Amtsarzt bestätigte uns, dass sie kerngesund ist - körperlich und psychisch. Auch das örtlich zuständige Jugendamt kam zu Besuch und stellte fest, dass es dem Kind bei mir gut geht.

Dann wieder eine Schocknachricht. Der Vormund im Jugendamt und der Anwalt des Kindsvaters hatten beschlossen, dass meine Tochter am 4. April 2015, nachdem sie ihren Vater 19 Monate nicht mehr gesehen hatte, an einer Tankstelle an ihn übergeben werden soll, um bei ihm zu übernachten.

Meine Tochter war gerade mal sieben Jahre alt. Wie kann man einem kleinen Mädchen so etwas erklären? Weil sie daraufhin starke Bauchschmerzen bekam, erklärte der Kinderarzt sie für reiseuntauglich. Sie musste nicht bei ihrem Vater übernachten.

Sie warfen mir vor, dass ich versucht habe, mit dem Kind zu fliehen

Kurz darauf erfuhr ich, dass in meinem alten, abgebrannten Haus geplündert wurde. Deshalb kaufte ich ein Zugticket nach Berlin, um vor Ort alles zu klären. Bereits auf dem Bahnhof wurden Daria und ich von der Polizei in Gewahrsam genommen und auf das Polizeirevier gebracht.

Der Kindesvater hatte eine Anzeige erstattet, dass ich vorhätte, mit dem Kind zu fliehen, obwohl sie gar keinen gültigen Reisepass hatte. Ich erklärte ihnen, dass ich mit der Polizei in Brandenburg gesprochen hatte, und wegen einer Diebstahlsanzeige und zum Sichern des Grundstücks nach Brandenburg müsse, zeigte unsere Fahrscheine vor, die das auch bestätigten.

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Am darauffolgenden Tag musste ich in meiner ehemaligen Heimat mit meiner Tochter zum Jugendamt, um den Vorfall zu klären. Dort kam es dann zum großen Drama: Mir wurde gesagt, dass Daria ins Heim kommt. Denn laut Kindesvater und Jugendamt hätte ich ja versucht, mit ihr zu fliehen. Das war für sie die Begründung, mir mein Kind zu nehmen.

Von einer zur anderen Sekunde wurde mir mein Kind geklaut. Ich habe sie noch einmal gesehen. Sie war ganz blass und sagte: „Mama, ich muss ins Heim. Erst wenn du und Papa euch vertragt, darf ich raus". Dann wurden mein Bekannter und ich von der Polizei aus dem Jugendamt geworfen.

Warum hat man uns das angetan?

Im Heim ging es teilweise schlimm zu. Ich durfte sie dort nie besuchen, der Vater ging dort ein und aus nach Belieben. Einmal sah ich sie bei einem sogenannten begleitetem Umgang und war erschrocken: Sie war sehr ängstlich und machte einen ungepflegten und unglücklichen Eindruck. Daria ist und bleibt traumatisiert. Was ihr angetan wurde, kann keiner mehr gut machen.

Sie schrieb einen Brief an den Richter mit der Bitte zu ihrer Mutter zurück zu dürfen. Doch das interessierte niemanden. Dafür telefonierte der Richter mit dem Vormund und man kam überein, dass man eine neue Kindeswohlgefährdung braucht, um eine Begründung zu haben, sie im Heim zu halten.

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Ich hingegen wurde zunächst nicht einmal informiert, wo mein Kind ist. Die Heime, Jugendämter und Gerichte tun, was sie wollen. Sie verdienen einen Haufen Geld mit unseren Kindern. Und keiner unternimmt etwas dagegen.

Das Jugendamt sagt zwar, dass sie erst versuchen zwischen den Eltern zu verhandeln, ihnen zu helfen. Aber in Wirklichkeit provozieren sie regelrecht die Gerichtsverhandlungen, sie handeln nicht zum Wohle des Kindes, sondern nur nach ihren Interessen - zumindest war das bei uns so.

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Vom damaligen Pressesprecher des Heimkinderverbandes habe ich sogar erfahren, dass die Amtsleiterin des Jugendamtes zu ihm gesagt hat, sie sorge dafür, dass ich mein Kind nie wieder sehe. Ich habe keine Ahnung, warum das Jugendamt so gegen mich ist. Sie führen einen Kreuzzug gegen mich.

Mein Ex beantragte das alleinige Sorgerecht und bekam es auch. Daria musste gegen ihren Willen zu ihm, obwohl sie niemals mit ihm zusammengelebt hatte. Zu einem gewalttätigen, cholerischen Psychopathen, der Frauen verachtet und zudem noch mit einer Prostituierten zusammen ist. Ich weiß, dass der Kindesvater auch gegenüber Daria gewalttätig ist, sie schlägt. Er kommt nicht mit ihr klar, sagt, sie sei krank und er wolle kein krankes Kind und sie zurückgeben. Aber das Jugendamt hat nein gesagt.

Das sind Verbrechervereine

Er hatte dem Jugendamt sogar vorgeschlagen, sie zu mir zurück zu bringen. Doch das Jugendamt erlaubte es nicht. Mittlerweile hat er seine Meinung wohl geändert und erlaubt Daria nicht einmal, mit mir zu telefonieren.

Das Jugendamt und Oberlandesgericht interessiert das nicht. Sie sind Verbrechervereine. Genau genommen finanzieren wir Jugendämter, Gerichte und Kinderheime mit unseren Steuern. Wir zahlen dafür, dass Kinder aus Familien gerissen werden.

Ich bin so verzweifelt. Weiß nicht mehr, was ich tun soll. Einen Anwalt bekomme ich nicht, da ich kein Geld dafür habe. Und kein Anwalt tut sich so einen Fall mit Prozesskostenhilfe an. Das ist viel zu viel Arbeit.

Ich fühle mich allein gelassen - vom ganzen System. Das so etwas im Jahr 2017 in Deutschland passieren kann, kann ich immer noch nicht glauben. Nachts liege ich oft wach und denke an sie. Wo sie wohl gerade ist? Was sie macht? Ob ich sie jemals wieder sehe?

Wenn ich nicht schlafen kann, schreibe ich Gedichte. Im Internet veröffentliche ich sie unter meinem Namen, in der Hoffnung, dass sie meine Worte irgendwann liest. Ich habe auch eine Seite mit ihrem Namen auf Facebook, und wir haben ein Heimkinderlied gemacht, was bei YouTube zu sehen ist. Ich will Daria damit zeigen, dass ich sie nicht vergessen haben. Dass ich sie sehr liebe und immer für sie kämpfe.

Hey Steuerzahler, du, du und du:

Hey du Arbeiter, hör mir mal zu!

Hey Sekretärin, Angestellte allesamt,

wisst ihr eigentlich, was abgeht hier im Land?

Da werden Kinder geklaut, verkauft und verschleppt,

ihre Eltern von Amt und Gerichten geneppt.

Fort sind die Kinder, in irgendeinem Heim,

da hilft kein Jammern, kein Klagen, kein Schrein.

Das geht mich nichts an, gibt wohl Grund dazu,

denkt ihr beruhigt, begebt euch zur Ruh.

Ihr irrt, allesamt, und hört jetzt gut zu:

Die Rechnung fürs Heim bezahlst du, du und du!

Fünf- bis Zehntausend Euro im Monat pro Kind,

die Regierung locker aus ihrem Staatssäckel nimmt.

Die Rechnung dafür wird von Steuern bezahlt,

euren Steuern, für die ihr euch plagt.

Jedes Jahr über neun Milliarden,

werden vom Staat in die Heime getragen,

finanzieren dort großen Kummer und Leid,

und nicht ein Kind bleibt davor gefeit.

Denn die Zahlen der Opfer steigen jährlich,

da ist die Regierung mal ausnahmsweise ehrlich:

Fast zweihundert Kinder in Deutschland sind es pro Tag,

die geholt werden für einen fetten Ertrag,

von Trägern, Betreibern, von Seelenschindern,

die profitieren von immer mehr unschuld'gen Kindern.

Diakonie, AWO, ASB, Caritas,

haben am Kinderhandel ganz viel Spaß,

denn sie verdienen Milliarden Euronen,

daran, dass Kinder bei ihnen wohnen,

und sitzen auch selbst in den Gremien,

die ihnen bewilligen die fetten Prämien.

Die Rechnung dafür - und die ist teuer,

bezahlst du, du und du von deiner Steuer.

©Kristina Becker

Das Protokoll wurde von Katharina Hoch aufgezeichnet.

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