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München, Deine Straßen!

22/11/2017 17:39 CET | Aktualisiert 22/11/2017 17:39 CET
SVEN HOPPE via Getty Images

In der Ausstellung „Denkverlauf" wird erneut NS-Opfern gedacht - in einer jener Straßen Münchens, die es längst geben könnte.

Die digitale Kunstinitiative Memory Gaps ::: Erinnerungslücken von Konstanze Sailer geht in Kürze in das vierte Jahr ihres Bestehens. Als Initiative digitaler Erinnerungskultur setzt sie sich zur Aufgabe, nicht nur an einzelne, sondern in abwechselnder Reihenfolge Monat für Monat an sämtliche NS-Opfergruppen zu erinnern. Einige Kommunen und Gedenkprojekte haben sich dieser Aufforderung bereits angeschlossen.

Otto Selz (* 14. Feb. 1881 in München; † 27. Aug. 1943 im KZ Auschwitz) war ein deutscher Psychologe und Philosoph. Selz wuchs in München auf, absolvierte das Ludwigsgymnasium und studierte Rechtswissenschaften, Psychologie und Philosophie. Ab 1912 war er - unterbrochen durch Kriegsdienst - Dozent für Philosophie und Psychologie an der Universität Bonn, ab 1923 Professor für Psychologie und Pädagogik an der Hochschule Mannheim.

1934 wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Nach einer fünfwöchigen Internierung im KZ Dachau emigrierte Selz 1939 nach Amsterdam, wo er weiter forschte, lehrte und sich um eine Ausreise in die USA bemühte. Nach der NS-Besetzung der Niederlande wurde er 1943 verhaftet und im Durchgangslager Westerbork interniert. Otto Selz wurde am 24. Aug. 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er bereits kurz nach seiner Ankunft, am 27. August 1943, ermordet wurde.

Bis zum heutigen Tag existiert keine Straße in München, die seinen Namen trägt. Hingegen ist nach Werner Egk nach wie vor eine Straße, der Werner-Egk-Bogen in Schwabing-Freimann benannt. Egk war Komponist und Dirigent und wurde ab den 1930er Jahren für den Bayerischen Rundfunk tätig. Zwischen 1936 und 1940 war er Kapellmeister an der Staatsoper Berlin, danach bis 1945 Leiter der Fachschaft Komponisten der STAGMA in der Reichsmusikkammer. Er erhielt zahlreiche NS-Ehrungen, Preise und staatliche Kompositionsaufträge und gelangte 1944 als Komponist auf Hitlers sog. Gottbegnadeten-Liste. Anstelle von Werner Egk, der seit 1981 sogar Ehrenbürger Münchens ist, könnte in Schwabing-Freimann an Otto Selz erinnert werden.

Über die Gesetze des geordneten Denkverlaufs" lautet der Titel des bereits 1913 erschienenen Werkes, in dem Otto Selz u. a. denk- und bewusstseinsspezifische Aspekte der Wissensaktualisierung untersuchte. 1934 wurde Selz aufgrund des sogenannten Berufsbeamtengesetzes von 1933, welches der NSDAP erlaubte, jüdische und politisch missliebige Beamte willkürlich aus dem Dienst zu entfernen, im Alter von 53 Jahren zwangsweise in den Ruhestand versetzt.

Warum nicht Otto-Selz- statt Werner-Egk-Bogen?

Werner Egk der Komponist und Dirigent hieß eigentlich Werner Joseph Mayer, das Akronym „Egk" sollte angeblich „ein guter Komponist" bedeuten. Zu jener Zeit, als Otto Selz Berufsverbot erhielt, vertonte Egk unter anderem 1933 das NS-Festspiel „Job, der Deutsche", komponierte aus Anlass der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin das prämierte Orchesterwerk „Olympische Festmusik" und 1941 die Filmmusik zum HJ-Film „Jungens".

Die Kunstinitiative der Malerin Konstanze Sailer wird mit einer weiteren Ausstellung von Tuschen auf Papier in virtuellen Räumen eröffnet. Die Galerien befinden sich ausnahmslos in Straßen oder an Plätzen, die es nicht gibt, die es jedoch geben sollte: solche mit Namen von Opfern der NS-Diktatur. Monat für Monat wird so das kollektive Gedächtnis erweitert. Monat für Monat werden damit Erinnerungslücken geschlossen.

Dominik Schmidt

Dieser Text erschien zuerst bei "der Freitag".