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Miegel, Seidel, Hilble - wie lange noch?

07/05/2017 17:00 CEST | Aktualisiert 07/05/2017 17:00 CEST
Michael Dalder / Reuters

Tag der Befreiung, 8. Mai. Den beiden Schriftstellerinnen Agnes Miegel und Ina Seidel, die während der NS-Diktatur heimlich „Nazissen" genannt wurden, attestierte Carl Zuckmayer, dass diese offenbar „einer völligen Hirnvernebelung« verfallen seien, „in deren trübem Qualm sich Hitler als der gottgesandte Erlöser der Deutschen" dargestellt habe.

Es zählt zu den Vermächtnissen des Zweiten Weltkrieges, dass einige Menschen während der NS-Diktatur besonders rasch Karriere machen konnten. Quer durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten, von Künstlern über Wissenschaftler bis hin zu Beamten.

Die Balladendichterin

Da ist zum Beispiel die in Königsberg geborene Schriftstellerin und Balladendichterin Agnes Miegel. Sie unterzeichnete mit 87 weiteren SchriftstellerInnen 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler, war Mitglied der NS-Frauenschaft, nahm Einladungen und Ehrungen der Hitlerjugend an und wurde 1940 NSDAP-Mitglied.

Bis zu einem gewissen Grad hatten Menschen auch damals die Wahl: Manche entschieden sich dafür, jüdische Mitbürger zu verstecken und zu retten. Viele trafen die Entscheidung, durch ihre Haltung der NS-Diktatur so wenig Unterstützung wie möglich zukommen zu lassen.

Agnes Miegel entschied sich dafür, sich als Dichterin über ein Jahrzehnt hindurch vom NS-Regime instrumentalisieren zu lassen. Substanzielle Distanzierungen vom Nationalsozialismus finden sich bei Miegel nach 1945, abgesehen von allgemeinen Floskeln wie etwa „Unrast und Not dieser Zeit", keine.

Agnes Miegel wurde 1944 von Hitler nicht nur auf die sogenannte Gottbegnadetenliste gesetzt, sondern innerhalb dieser auf die Sonderliste der unersetzlichen Künstler. Gleiches gilt für die Schriftstellerin Ina Seidel.

Die Lyrikerin

In München Bogenhausen gibt es nicht nur eine nach Agnes Miegel benannte Straße, sondern seit 1984 auch eine, die den Namen der Lyrikerin Ina Seidel trägt: den Ina-Seidel-Bogen.

Nach beiden Dichterinnen sind auch Straßen und Wege in über drei Dutzend weiteren Städten und Orten Deutschlands benannt. Seidel unterzeichnete wie Miegel 1933 nicht nur das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Hitler, zahlreiche ihrer Artikel und Gedichte während der NS-Diktatur zeugen von aufrichtigem „Führerglauben" und sind voll von glühenden Huldigungen an Hitler.

Zu Hitlers 50. Geburtstag 1939 schrieb Seidel das Gedicht „Lichtdom".

Darin heißt es:

In Gold und Scharlach, feierlich mit Schweigen,

ziehn die Standarten vor dem Führer auf.

Wer will das Haupt nicht überwältigt neigen? "

Der städtische Beamte

Im Münchner Stadtbezirk Neuhausen-Nymphenburg erinnert eine Straße an Friedrich Hilble, einen „äußerst pflichtgetreuen" städtischen Beamten, der sich mutmaßlich in den 1930er-Jahren durch „uneingeschränkte Loyalität" zum NS-Regime „höchst verdient" gemacht hatte.

Wie lange wird Hilble die Ehrung durch einen Straßennamen noch zuteil bleiben? Ein Blick auf die Straßenkarte Münchens zeigt überdies, dass die Hilblestraße direkt auf die Dachauer Straße stößt! Solche Straßen sollten einander nicht einfach nur kommentarlos berühren, denn derartige Berührungspunkte werden niemals zu Brücken.

Auch die Villa von Eva Braun, die bis 2015 in Altbogenhausen stand, konnte letztlich nicht zu einem Ort der Versöhnung umfunktioniert werden, sondern wurde - spät aber doch - abgerissen. Als Denkmal hätte sie vermutlich nur Anziehungskraft für unverbesserliche Relativierer der Geschichte gehabt.

Die vielfach vergessene Wirklichkeit

Judis Weißblüth (* 15. September 1939 in München; † 1943 im Konzentrationslager Auschwitz) wohnte seit ihrer Geburt im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe in München Schwabing, Antonienstraße.

Gemeinsam mit ihren Erzieherinnen lebte sie infolge der behördlichen Auflösung des Kinderheims ab 1942 im sogenannten Barackenlager, einem Sammellager in der Knorrstraße in München Milbertshofen, danach im Sammellager im Stadtbezirk Berg am Laim in der Clemens-August-Straße.

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Am 13. März 1943 wurde Judis Weißblüth gemeinsam mit den verbliebenen Heimkindern und Erzieherinnen nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort am 16. oder 17. März - im Alter von dreieinhalb Jahren - ermordet.

Der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno schrieb in seinem Hauptwerk Negative Dialektik: „Dass es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr aus als nur, dass ... der Geist es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. "

Dieser Text erschien zuerst bei "der Freitag".

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