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Erinnerungsdefizite von Hamburg bis M├╝nchen und Wien

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
HOLOCAUST
arianarama via Getty Images
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Nach zahlreichen Menschen, die vor etwa acht Jahrzehnten in einem Naheverh├Ąltnis zum NS-Regime gestanden waren, sind heute immer noch Stra├čen in Hamburg, M├╝nchen, Wien und zahlreichen anderen St├Ądten in Deutschland und ├ľsterreich benannt.

Einige dieser Stra├čenschilder erhalten erkl├Ąrende Zusatztafeln, doch solche Geschichtskosmetik reicht nicht aus.

Viele renommierte Pers├Ânlichkeiten machten zur Zeit des Nationalsozialismus zum Teil gl├Ąnzende Karrieren; in Wissenschaft und Kunst, in Wirtschaft und Politik. Den Jahren der nach Kriegsende zum Teil nur z├Âgerlichen Aufarbeitung der NS-Geschichte folgten Jahrzehnte der umfassenden Forschung und Dokumentation.

Erinnerungsdefizite bestehen jedoch auch heute noch im Umgang mit jenen Stra├čennamen, die nach wie vor nach Menschen benannt sind, die ein Naheverh├Ąltnis zum NS-Regime hatten. Die Namensgeber waren teils NSDAP-Mitglieder oder in NSDAP-Vorfeldorganisationen engagiert, viele sympathisierten offen mit der rassistischen NS-Diktatur, teils aus innerer ├ťberzeugung, teils aus Karrierestreben, indem sie sich dem Regime geradezu andienten.

Auf der "falschen Seite der Geschichte"

Jenen, die damals auf der "falschen Seite der Geschichte" standen, sollen ihre wissenschaftlichen, k├╝nstlerischen oder sonstigen F├Ąhigkeiten und Leistungen nicht abgesprochen oder weggenommen werden.

Doch sie standen nicht aufseiten der Millionen NS-Opfer, welche in den Konzentrationslagern jener Zeit ermordet, vergast, erschossen oder durch bewusste Unterern├Ąhrung get├Âtet wurden. Sie waren vielfach Mitl├Ąufer in einem Unrechtsregime, das Millionen Juden, hunderttausende Roma und Sinti, Zeugen Jehovas, homosexuelle M├Ąnner und Frauen sowie politisch Andersdenkende auf industrielle Weise systematisch vernichtet hatte.

Nicht jeder Mensch eignet sich zum Helden, die Zw├Ąnge des NS-Alltags waren schrecklich; Hannah Arendt erinnerte daran, dass jeder banale Einkauf durch die Gru├čpflicht bereits einem politischen Akt ├Ąhnelte. Doch letztlich konnte in einem gewissen, minimalen Freiraum fast jeder Mensch eine Entscheidung treffen: die Entscheidung des eigenen Verhaltens zu diesem unmenschlichen, m├Ârderischen Regime.

Geschichtskosmetik reicht nicht

Wo sind die vielen Stra├čen, die der Opfer der NS-Diktatur gedenken? Jene der j├╝dischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, K├╝nstlerinnen und K├╝nstler und Pers├Ânlichkeiten, die etwa Wien in der Ersten Republik mitpr├Ągten? Die zur kulturellen Identit├Ąt beitrugen und zwischen 1938 und 1945 verfolgt, deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet wurden? Einstweilen behalten die NS-Mitl├Ąufer ihre Stra├čennamen und Politiker enth├╝llen gegenw├Ąrtig zumeist nur Zusatztafeln.

Indes machen die Opfer der NS-Diktatur das, was sie seit nunmehr etwa 80 Jahren tun: sie "st├Âren" die Kontinuit├Ąt dieses kommunalpolitischen Ablaufs nicht.

Sie werden sich auch weiterhin dazu ruhig verhalten, dass Stra├čen nicht nach ihnen, sondern nach "den Anderen" benannt sind. Sie werden auch k├╝nftig nicht pers├Ânlich ihr Recht einmahnen k├Ânnen, dass ihrer gedacht werde. Sie werden nicht aufbegehren, sich nicht in Gegenrede ├╝ben, dass so viele von denen, die in der NS-Zeit geschickt gl├Ąnzende Karrieren machten, die Namensgeber bleiben.

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Nicht einmal dagegen, dass einige von diesen erst in den 1990er- und 2000er-Jahren (!) Stra├čennamen neu verliehen bekamen. "Wir leben mit Toten, und die denken nicht um", meinte Max Frisch in anderem Kontext, doch wieso denken die heute Verantwortlichen nicht um? Zugunsten jener, die damals auch zu den Dagewesenen z├Ąhlten? Die einst auch am Stadtgeschehen teilnahmen und Kultur schufen, die zu einer besseren Zukunft beitragen wollten?

Dreifach vergessen

Wo sind die Stra├čen, die nach Helene Taussig (Malerin), Adele Jellinek (Schriftstellerin), Ilse Pisk (Fotografin), Friedl Dicker-Brandeis (Architektin), Malva Schalek (Malerin), Ruth Maier (Schriftstellerin), Paula Heller-Santa (Operns├Ąngerin) oder Martha Geiringer und Leonore Brecher (Wissenschaftlerinnen) benannt sind? Sie alle hatten urspr├╝nglich eine Zukunft, die sie mitgestalten und nicht nur "ableben" wollten.

Nicht nur wie eine "Schraube von einer Maschine abfallen", wie Ruth Maier dies formulierte. Dass sie mit Z├╝gen aus der Stadt deportiert werden w├╝rden, um in Konzentrationslagern ermordet zu werden, h├Ątten alle diese Frauen f├╝r ihr Leben kategorisch ausgeschlossen. Dennoch war das ihr Schicksal.

Und heute? Nur wenig erinnert an sie. Sie bleiben dreifach vergessen: als NS-Opfer, als K├╝nstlerinnen und Wissenschaftlerinnen und auch als Frauen. Die ehemaligen NSDAP-Mitglieder und NS-Mitl├Ąufer und viele Karrieristen der Zeit jedoch bleiben in Stra├čennamen pr├Ąsent und geehrt. Und erhalten Zusatztafeln. Welches Narrativ erzeugen wir damit heute, im Zeitalter des aufkeimenden Populismus?

Erinnerungsl├╝cken schlie├čen

Die (nicht gef├Ârderte) digitale Kunstinitiative des Gedenkens, "Memory Gaps ::: Erinnerungsl├╝cken", wurde im Jahr 2015 zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen. Monat f├╝r Monat werden seither Ausstellungen von physisch realen Kunstwerken in virtuellen R├Ąumen er├Âffnet, eine Auswahl aus tausenden Tuschen auf Papier, die an s├Ąmtliche NS-Opfergruppen erinnern. In Stra├čen und an Pl├Ątzen, die es nicht gibt, die es jedoch geben sollte; gleichzeitig werden Monat f├╝r Monat mit den Mitteln digitaler Erinnerungskultur Stra├čennamen zur Umbenennung vorgeschlagen.

Ganz im Sinne des New Yorker Rabbi Marshall Meyer: "Heute m├╝sst ihr entscheiden, welches andere Gestern ihr morgen wollt!" Als virtueller, digitaler Br├╝ckenbau in die Vergangenheit, als Schlie├čen von Erinnerungsl├╝cken, als Beitrag zum kollektiven Ged├Ąchtnis in zahlreichen St├Ądten Deutschlands und ├ľsterreichs.

(Konstanze Sailer, Dominik Schmidt, 10.02.2017)

Dieser Text erschien zuerst bei "Der Standard".

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