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Das dickste Fell

20/03/2016 10:07 CET | Aktualisiert 21/03/2017 10:12 CET
TIMOTHY CLARY via Getty Images

Guido Westerwelle war im Herbst 2009 seit ein paar Wochen neuer Außenminister als er die Jungen Liberalen auf ihrem Bundeskongress in Saarbrücken besuchte. Nach seiner Rede und der obligatorischen Fragestunde schenkten wir ihm einen kleinen Globus und ein Nackenkissen, damit er auf den zahlreichen Flügen im neuen Amt ein wenig ausspannen konnte.

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„Damit können Sie auch mal eben einen Powernap im Auto einschieben", scherzten wir. Westerwelle nahm die Geschenke dankend an, schritt noch einmal zum Mikrofon und sagte „Vielen Dank; das Wort Powernap habe ich übrigens verstanden."

Am Tag nach dem historischen Wahlsieg im Jahr 2009, als die FDP mit 14,6 % das beste Ergebnis ihrer Geschichte erreichte, trat ein vom Wahlkampf geschaffter und übermüdeter Guido Westerwelle in Berlin vor die Kameras und weigerte sich, die Frage eines BBC-Reporters auf Englisch zu beantworten.

Dafür wurde er wochenlang auch von solchen Leuten öffentlich durch den Dreck gezogen, die nicht einen geraden Satz in irgendeiner Fremdsprache herausbekommen. Nach außen hin nahm er diese Häme mit Humor und mit dem dicksten Fell einer ganzen Politikergeneration. Nur wenige werden wissen, wie sehr sie den Menschen Westerwelle beschäftigt haben mag.

Westerwelle, der Jura-Student


Als Bonner Jura-Student war Guido Westerwelle von 1983 bis 1988 der zweite Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen. Schon vor dem Ende der sozialliberalen Koalition auf Bundesebene hatte sich die damalige Jugendorganisation der FDP, die Deutschen Jungdemokraten, von der Partei entfremdet.

Die Jungdemokraten standen linksaußen, strebten eine Überwindung des Kapitalismus an und bezeichneten die FDP als „Agentur der Kräfte, die wir eigentlich bekämpfen". Dagegen formierten sich die JuLis als eine Jugendorganisation, die in der FDP inhaltlich wirken wollte.

Innerparteiliche Diskussionen, Streitkultur und konstruktive Kritik sollten unbedingter Bestandteil politischer Arbeit sein, aber der politische Gegner außerhalb und nicht innerhalb der FDP stehen.

Politik braucht Mehrheit


Dabei ging es den Jungen Liberalen nicht darum, ein dezidiert bürgerlicher oder gar rechter Jugendverband der FDP zu sein. Es geht darum, dass Politik Mehrheiten braucht, um in die Tat umgesetzt zu werden.

Keiner hat es später so wirksam und leidenschaftlich vermocht, Mehrheiten innerhalb und außerdem des liberalen Spektrums zu organisieren und zu mobilisieren wie Guido Westerwelle. Ihn zur Karikatur eines herzlosen „Neoliberalismus" zu machen, wurde weder Westerwelle noch einem richtig verstandenen Neoliberalismus, der politischen Idee der sozialen Marktwirtschaft, gerecht.

Als Parteivorsitzender und auch noch als Bundesaußenminister hat Guido Westerwelle regelmäßig den Austausch mit den Jungen Liberalen gepflegt. Vor jedem Treffen mit Westerwelle legten wir uns kritische Nachfragen zur deutschen Außenpolitik und zur Lage der FDP zurecht. Ich glaube nicht, dass er jemals ins Schwitzen geraten ist.

Kaum ein Funktionsträger der Jungen Liberalen ist während des vergangenen Vierteljahrhunderts ohne bohrende Fragen nach seinem Verhältnis zu Guido Westerwelle ausgekommen. Wir arbeiteten uns an ihm ab. Wir alle wussten, dass man mit ein wenig Distanz zu Westerwelle auf Zustimmung und Unterstützung stoßen konnten. Von seinen Erfolgen haben wir trotz allem gerne profitiert.

Fast über seine gesamte Amtszeit als Parteivorsitzender hinweg, von 2001 bis 2011, konnte die FDP bei Landtagswahlen zulegen, bis sie am Ende für kurze Zeit sogar in allen 16 Landesparlamenten vertreten war. Während dieser Zeit wuchs die Mitgliederzahl der FDP im Gegensatz zu allen anderen Parteien an.

Jene, die unter dem Parteichef Guido Westerwelle in die FDP eingetreten sind, werden ihn als prägende politische Figur für die eigene Biographie niemals vergessen. Er hat es vermocht, junge und auch alte Menschen so anzusprechen, dass politisches Engagement in einer demokratischen Partei für sie in Frage kam.

Ein hervorragender Rhetoriker


Als ich einmal auf einem FDP-Bundesparteitag einen Antrag zur Verlegung aller Bundesministerien aus Bonn nach Berlin begründete, meldete sich der leidenschaftliche Bonner Westerwelle zur Gegenrede. Er fertigte mich nach allen Regeln der Kunst ab, sodass unser Antrag haushoch abgeschmettert wurde. Man konnte sich wahnsinnig über ihn ärgern, wenn es ihm wieder und wieder gelang mit seiner Leidenschaft einen Parteitag zu „drehen".

Aber man bekam Gänsehaut, wenn er über Dinge sprach, die ihm wirklich wichtig waren - ob das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland, die Freiheitsbewegungen in der arabischen Welt oder das Ziel einer umfassenden weltweiten Abrüstung.

Seine kurze Rede zur Eurokrise auf dem FDP-Bundesparteitag 2011 in Frankfurt, will man sich gerade in diesen Tagen immer wieder anschauen, weil Europa vor großen Herausforderungen steht.

Wir würden ihn jetzt gerne zu einem Bundeskongress der Jungen Liberalen einladen, um ihn nach seiner Sicht der Dinge zu fragen. Mit seinem Tod bleibt eine Gewissheit: Es war eine Ehre, von diesem Mann politisiert zu werden.

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