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Unser Erbe - Astrologie in der Öffentlichkeit

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TIERKREISZEICHEN
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Was wird gemeinhin mit dem Preußenkönig Friedrich II. verbunden? Neben Drill und Militarismus sicher die Aufklärung. Der große Voltaire war sein Freund und ein gern gesehener Gast auf Schloss Sanssouci. Aber Astrologie? Wohl kaum. Ganz zu Unrecht.

In seinem Arbeits- und Schlafzimmer wurde der Monarch vom Tierkreis geradezu behütet. Im Zentrum der Decke befindet sich ein achtfächeriges Sonnensegel mit einem dekorativen Leuchter. Darum herum ist der astrologische Tierkreis in alten vertrauten Bildern angebracht. Die Zeichen wirken ruhig und strahlen Kraft aus, so wie sich Friedrich gern sah. Und historisch besonders bemerkenswert: Die große Preußenkönig starb in diesem Zimmer; also unter dem Tierkreis. Was Voltaire dazu gesagt hat, ist nicht überliefert.

Überhaupt, die Preußen! Auch auf der Stuckdecke im überwältigenden Porzellankabinett des Berliner Schlosses Charlottenburg ist der Tierkreis zu sehen sowie als Wanddekoration im Arbeitszimmer Friedrichs I.

Dennoch mangelt es nicht an Versuchen, die Astrologie aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen. Doch im bemerkenswerten Gegensatz dazu ist diese alte Weisheitslehre seit vielen Jahrhunderten sichtbarer Teil des öffentlichen Lebens: An oder in Kirchen, Klöstern, Schlössern und Rathäusern, aber auch in Gerichtsgebäuden, Bürgerhäusern, Bahnhöfen, Schulen, Verkehrswegen oder anderen Stellen, wo man es kaum erwarten würde, finden sich die Symbole des Tierkreises oder der Planeten.

Viele hundert Orte mit astrologischen und kosmischen Symbolen gibt es allein in Deutschland; und das ist nur die Spitze eines Eisbergs. Ungezählte wurden übermalt, zerstört, verdeckt; sei es aus Ignoranz, sei es mutwillig, wie im Kölner Dom.

Sakrale Präsenz

Der Kölner Dom ist eines der bekanntesten deutschen Bauwerke. Etwa sechs Millionen Besucher finden Jahr für Jahr den Weg dorthin. Sie ahnen nicht, dass der astrologische Tierkreis dort gleich zweimal vorhanden ist.

Bei der Fertigstellung der Domkirche 1880 war vor dem Hochaltar ein 1.300 qm großes Fußbodenmosaik mit kosmischen Symbolen zu bewundern. Im Zentrum des Kunstwerks befindet sich die Sonne, um sie herum ein geschwungenes Achteck mit der Darstellung der Tageszeiten und Mondphasen. Davon gehen zwölf Sonnenstrahlen mit den Tierkreiszeichen aus. In den Ecken des Mosaiks sind die vier Elemente zu sehen.

Wer heute den Kölner Dom betritt, findet von dem Kunstwerk nichts mehr vor. Es wurde nicht zerstört, aber komplett verdeckt. Bei Renovierungsarbeiten in den 1950er Jahren haben die Verantwortlichen über dem Mosaik eine Parkett-Empore aus errichtet, auf der sich der moderne Altar befindet. Auch wenn die Hinwendung zur Gemeinde bei Gottesdiensten eine sinnvolle Errungenschaft ist, erscheint es fragwürdig, dafür ein bedeutendes Kunstwerk zu opfern. Eine Kopie an anderer Stelle des Doms oder eine Glasempore wären eine Alternative.

Und doch kann, wer den Kölner Dom besucht, auch die Tierkreiszeichen betrachten. Es gibt sie ein zweites Mal, unverschleiert, doch wenig beachtet. Dabei handelt es sich um Glasfenster im Nordturm. Man entdeckt sie, wenn man sich vom Haupteingang aus sofort nach links wendet. Zur Außenseite hin befindet sich eine Glasfenster-Fassade mit acht senkrechten und vier waagerechten Reihen. In den obersten drei Reihen der überwiegend in roten und blauen Tönen gehaltenen Fenster befinden sich die Tierkreiszeichen. Sie sind nach den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft angeordnet.

Dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt, dokumentiere zahlreiche weitere sakrale Ziele in ganz Deutschland. Der Rekord hält die St. Anna Kirche in München-Lehel. Dort ist der Tierkreis dreimal angebracht.

Mit einer kulturhistorischen Besonderheit wartet die Evangelische Dreifaltigkeitskirche von Bad Teichnach auf: Eine kabbalistische Lehrtafel aus dem 17. Jahrhundert. Die Kabbala ist die jüdische Einweihungslehre, in der auch die Astrologie eine Rolle spielt. Die Tafel wurde von der ebenso gelehrten wie frommen Prinzessin Antonia von Württemberg 1673 gestiftet und in dem Kurort Bad Teinach öffentlich zugänglich gemacht, wo sie ihre Ferien verbrachte.

Das Werk ist voller mystischer, biblischer und jüdischer Symbole. Astrologisch bemerkenswert ist, dass die zwölf Söhne Jakobs in den Symbolen der Tierkreiszeichen dargestellt werden.

Raum für kosmische Symbole

Weit verbreitetet in ganz Europa sind zudem Tierkreis-Uhren. Sie stammen aus einer Epoche, als das Bewusstsein um die unterschiedlichen Qualitäten der Zeit noch verbreitet war: Kronos steht für die gezählte, die laufende Zeit, auch die Zeit-Quantität. Dem gegenüber steht Kairos für die Zeit-Qualität, was heute mit dem „günstigen Zeitpunkt" beschrieben wird. Da Uhren im individuellen Bereich sehr kostspielig waren, wurden sie öffentlich zugänglich gemacht. Ulm, Tübingen, Esslingen, Heilbronn, Pforzheim in Schwaben; die Ostsee-Städte Rostock und Stralsund; Schaffhausen, Bern und zahlreiche andere Orte in der Schweiz, Österreich und südlich der Alpen beherbergen besonders eindrucksvolle Tierkreis-Uhren an Rathäusern, Stadttoren oder Kirchen.

Die Astronomie will davon wenig wissen und betont, dass es sich um rein astronomische Uhren handele. Als die Uhren entstanden sind, gab es die Unterscheidung zwischen Astronomie und Astrologie, zwischen dem Beobachten und Deuten der Sterne, jedoch noch gar nicht.
Die meisten der Uhren gehen auf die Renaissance zurück. Damals wurden darüber hinaus die Wände zahlreicher Rats- und Bürgerhäuser, Schlösser und Kirchen mit dem Tierkreis geschmückt, so dass der Kunsthistoriker Dieter Blume von „kommunaler Selbstdarstellung" durch die Astrologie spricht. Zu den wichtigsten Zielen dieser Art in Deutschland zählen das Kloster Niederaltaich bei Regensburg sowie die Stadtresidenzen von Neuburg an der Donau und Landshut. Letztere verfügt sogar über ein eigenes Sternenzimmer.

Nach einem zeitweiligen Niedergang der Astrologie im Zuge der Aufklärung - Friedrich zum Trotz - griffen Künstler des Jugendstils und des Historismus diese Symbolik wieder verstärkt auf. Dazu zählen der Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe in Darmstadt sowie die Donauquelle. Letztere wurde 1875 von dem Bildhauer Adolf Heer gestaltet. Sie wird von einem steinernen Kreis eingefasst, dessen Innenseite von den zwölf Tierkreiszeichen geschmückt ist.

Die vertrauten Bildsymbole wirken souverän und erhaben. Nach aufwändigen Renovierungsarbeiten strahlt die Quelle seit November 2015 wieder in altem Glanz.

Kirchen, Schlösser, Baudenkmäler und öffentliche Uhren - sie alle vereint, dass sie als Basis für die Darstellung astrologischer Motive dienen. Darin zeigt sich, dass die Astrologie schon immer Teil des öffentlichen Lebens war. Ihr diesen Platz zuzugestehen, bedeutet nicht zwangsläufig, sich zu ihr zu bekennen. Es ist nicht mehr als Respekt vor der Tradition.

Buchhinweis: Klemens Ludwig und Reinhardt Stiehle: Die Straße der Astrologie. 444 himmlische Reiseziele in Deutschland, Chiron Verlag, Tübingen 2017

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