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Wie wir wurden, was wir sind

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Wie wir wurden was wir sind - Ein astrologischer Rück- und Ausblick auf die Renaissance und was sie uns zu sagen hat

Heute ist viel von Werten die Rede: Werte, die in Gefahr sind, die verteidigt werden müssen, die sich überholt haben.... Um welche Werte geht es und woher kommen sie?

Bis ins ausgehende Mittelalter war die Ausgangslage einfach: Der Mensch sah sich in eine göttliche Ordnung eingefügt, aus der weder die Herrscher noch das Volk ausbrechen konnten. Alles war gottgewollt.

Das änderte sich im frühen 15. Jahrhundert mit der Epoche, die wir Renaissance nennen. Die Menschen entdeckten das Diesseits und damit Individualität, Freiheit, Grenzenlosigkeit des Geistes sowie wissenschaftliche Methoden zur Ergründung der Schöpfung. Freude am Leben und an der Schöpfung war die Folge.

Mit Hilfe der Wissenschaft sollten alle Geheimnisse der Natur ergründet werden können. Insofern war die Renaissance das Tor zur Neuzeit, denn sie ermöglichte all das, was unser Dasein prägt: Erfindungen und Entdeckungen, die Reformation, die Etablierung des heliozentrischen Weltbilds sowie das Bewusstsein eines mit unveräußerlichen Rechten ausgestatteten Individuums.

Die Philosophie des Humanismus, fordert Ethik, Moral und Selbst-Reflexion in der Religion. Giovanni Pico della Mirandola wurde mit seinem Werk „De dignitate hominem" (Über die Würde des Menschen) zum Chefideologen der neuen Zeit. In den Städten entwickelte sich ein selbstbewusstes Bürgertum, das der Dominanz von Klerus und Adel entgegen trat.

Einfluss der Astrologie

Bei der Geburt der neuen Zeit spielt die Astrologie eine wichtige Rolle. Die Renaissance wurde von einer Neptun-Pluto-Konjunktion in den Jahren 1398/1400 eingeleitet, ein Ereignis, das alle 493, bzw. 494 Jahre stattfindet. Beide Planeten symbolisieren den Umbruch; Neptun auf eine subtile, aber nicht weniger grundlegende Art.

Pluto verlangt das Loslassen, bzw. Absterben, wie die Natur im Skorpion, seinem Zeichen, um Platz für neues Leben zu schaffen. Begegnen sich beide Planeten, sind durchgreifende globale Umwälzungen unvermeidlich; auf der äußeren Ebene, ebenso wie im kollektiven Bewusstsein.

Die wichtigsten Vertreter der Epoche waren Philosophen, Wissenschaftler, Theologen, die den Geist der Zeit erfasst hatten und vor allem Künstler, die viel mehr waren als nur das. Leonardo da Vinci, Michelangelo, Tizian, Dürer und andere wollten weit mehr als nur Kunst schaffen.

Sie wollten die Natur und das Individuum ergründen und suchten nach der perfekten Harmonie, der idealer Landschaft, dem idealen Menschen. Zu ihren wichtigsten Auftraggebern gehörten neben Klerus und Fürsten auch die aufstrebenden Städte. Kunst im öffentlichen Raum wurde zur „kommunalen Selbstdarstellung".

Bei alledem war die Astrologie ein wichtiger Impulsgeber. Eines von Leonardos wichtigsten Werkern - Das letzte Abendmahl - ist eine allegorische Darstellung des astrologischen Tierkreises. Die seltsamen Bewegungen der zwölf Jünger, die von der Kunstgeschichte bis heute nicht überzeugend gedeutet werden können, sind nichts anderes als die typischen Attribute der zwölf Zeichen von Widder bis Fische. Zahlreiche Werke von Dürer sind voll von astrologischen Anspielungen, ähnliches gilt für Tizian, Botticelli und viele andere.

Die Frage drängt sich auf, worum die größten Künstler einer Epoche, in der die Astrologie die höchste gesellschaftliche Anerkennung genoss, einige ihrer bedeutendsten Werke verschlüsselt haben? Furcht vor Verfolgung kann nicht der Grund gewesen sein.

Vermutlich stand die Absicht dahinter, Werke zu schaffen, deren tieferer Sinngehalt nur denen offenbar wird, die einen ähnlichen geistigen Horizont besitzen. Leonardo wie Tizian und Botticelli waren an mythologischen und religiösen Themen ausgesprochen interessiert. Von Leonardo ist bekannt, dass er zu Geheimzirkeln Kontakt hielt, die im besten Sinne esoterisches Wissen pflegten und weitergaben. Der früh verstorbene Raffael wiederum sah in Leonardo ein großes Vorbild.

Hohes Ansehen

Der Klerus, der immer noch mächtig war, aber nicht mehr unantastbar, stand der Wissenschaft ablehnend gegenüber, förderte aber die Astrologie. Viele Kirchenfürsten konsultierten regelmäßig ihre Hofastrologen. Papst Julius II. ließ nach seiner Wahl 1503 sogar den geeigneten Zeitpunkt der Krönung von seinen Astrologen errechnen.

Die Wissenschaft selbst grenzte sich noch nicht von der Astrologie ab; im Gegenteil, ihre einflussreichsten Vertreter wie Johannes Kepler oder Tycho Brahe beschäftigten sich intensiv damit. Ihre Forschungen und Entdeckungen sollten dazu dienen, Gottes kosmische Ordnung besser zu verstehen und den Menschen verständlich zu machen.

Das Horoskop wurde als Möglichkeit betrachtet, sich diese Ordnung zu erschließen. Kepler befasste sich in seinem bedeutendsten Werk „harmonice mundi" (Weltharmonik) nicht nur mit den Umlaufbahnen der Planeten, sondern er versucht nachzuweisen, dass das Universum in sich eine einzige göttliche Harmonie bildet, die sich durch Klang ausdrückt.

So resümiert der 2004 verstorbene einflussreiche Kulturphilosoph Eugenio Darin über die Epoche: „Die Astrologie verbindet sich also mit ganz verschiedenen Bereichen: Religion, Politik, Medizin und Wissenschaft. Gleichzeitig kennt sie die unterschiedlichsten Anwendungsformen und präsentiert sich als Geschichtsphilosophie oder Ontologie, als fatalistischer Naturalismus oder als Astralkult - und anderes mehr. [...]

Umso entschiedener muss eine These zurückgewiesen werden, die inzwischen zu einem Stereotyp avancierte: die Behauptung, dass in der Renaissance eine klare Trennung zwischen Astrologie und Astronomie (d. h. zwischen divinatorischer und mathematischer Astrologie) stattgefunden habe".

Die Werte der Renaissance haben in der Astrologie eine bedeutende Ausdrucksform gefunden. Heute werden sie in Frage gestellt, vor allem von Kulturrelativisten, die den universellen Anspruch der Menschenrechte als europäische, ja nachkoloniale Überheblichkeit ablehnen und gegenüber religiösen Dogmen ausspielen: Etwa das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das durch sexuelle Verstümmlung gefährdet wird; auf freie Ausübung der Religion mit der Möglichkeit eines Religionswechsel ohne Bedrohung; auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, bis hin zur Partnerwahl und Kleidung.

Werte wie Individualität, Humanität, Freiheit, Vielfalt, Toleranz und Säkularismus sind mit der Renaissance ins öffentliche Bewusstsein getreten und ungeachtet aller Rückschläge und Katastrophen nie wieder in Vergessenheit geraten. Es lohnt sich, an ihnen festzuhalten und sie zu verteidigen.

Klemens Ludwig

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