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Die Aufklärung und die schwierige Toleranz

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THE UNIVERSE
bjdlzx via Getty Images
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Um die Jahreswende ist der öffentliche Fokus mehr als sonst auf die Astrologie gerichtet. Das war nicht immer nur im Sinne einer seriösen Astrologie.

Die Unterhaltungs- und Promi-Prognosen der Boulevardpresse sind ebenso Bestandteil davon, wie die Polemiken der Skeptiker von der GWUP, die sich auf genau diese Prognosen stürzen, um die Astrologie zu diskreditieren.

„Astrologie-Prognoses-Check: Hellseher tappten auch 2016 im Dunkeln" lauten gängige Schlagzeilen.

Dass dabei vor allem die Prognosen herangezogen werden, die in das Weltbild der Skeptiker passen, liegt auf der Hand. Seit ein paar Jahren gibt es verstärkt eine Berichterstattung jenseits der Boulevard-Wahrsagerei und der Skeptiker-Kritik: Auch große, anerkannte Medien, berichten fair über die Chancen und Grenzen der Astrologie und der astrologischen Prognose.

Zu den wichtigsten Quellen der letzten Wochen zählten heute.de, die FAZ Sonntagszeitung, das FAZ Magazin vom sowie zahlreiche Rundfunkstationen und Regionalzeitungen.

Vor allem ein Interview auf heute.de vom ZDF war der GWUP ein Dorn im Auge. Mit einer Pressemeldung u. a. über den Humanistischen Pressedienst (hpd), versuchten sie die Berichterstattung zu diskreditieren.

„Astrologie-Interview keine Sternstunde des ZDF" hieß es beim hpd. Schon dies Organ lässt aufhorchen. Es hat nicht zuletzt durch seine Tiraden gegen den Dalai Lama und den tibetischen Freiheitskampf eine gewisse Bekanntheit erlangt.

Ähnlich wie an dem tibetischen Oberhaupt, wird auch an der Astrologie kein heiles Haar gelassen:
„Unterschiedliche empirische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass überprüfbare astrologische Aussagen - egal welcher Art - statistisch nicht signifikant besser zutreffen als willkürliche Behauptungen. Bereits die zugrunde liegenden Voraussetzungen der Astrologie halten einer krtitisch-rationalen Überprüfung nicht stand".

Zu den ominösen „unterschiedlichen empirischen Studien" fällt mir nur das Winston Churchill zugeschriebene Zitat ein: „Ich glaube nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe". Ich komme später noch einmal darauf zurück.

Besonders befremdet mich an dieser Debatte, wie sehr die Skeptiker all das mit Füßen treten, wofür sie angeblich eintreten: Sie wähnen sich in der Tradition der Aufklärung, die den Menschen aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit" befreien wollte. Eine der zentralen Tugenden der Aufklärung ist indes Toleranz.

Von Voltaire ist sogar der Ausspruch überliefert: „Ich teile Ihre Meinung zwar nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen." Selbst wenn die historische Quelle umstritten ist, wird damit ein wesentlicher Grundsatz der Aufklärung umrissen; ein Grundsatz, von dem die Skeptiker offensichtlich nichts verstanden haben. Oder wie war das mit Rosa Luxemburg, wonach Freiheit immer die Freiheit der Andersdenken ist?

Es ist jedem ungenommen, von der Astrologie nichts zu halten. Warum aber wollen Skeptiker Verbände und Organe mit missionarischem Eifer alle Welt davon überzeugen, dass ihre Haltung die einzig Wahre ist?

Es sei den Skeptikern ins Stammbuch geschrieben, dass noch nie jemand mit vorgehaltener Pistole gezwungen worden ist, zum Astrologen zu gehen. Warum dann nicht ein bisschen mehr Toleranz und Respekt gegenüber denen, die eine andere Meinung vertreten als die eigene?

Welches Ausmaß die Intoleranz einnimmt, zeigt beispielhaft ein Kommentar zu heute.de auf den Kritiker-Seiten: „Es ist unfassbar, dass das Öffentlich-Rechtliche, das von mir Zwangsgebühren einzieht, damit Sendungen produziert, die ich als Verhöhnung seines gesetzlichen Bildungsauftrages sehe. Und ich meine damit nicht nur all die unsäglichen Quiz-, Koch- und Sportsendungen, sondern insbesondere gezielte Verblödung wie das völlig unkritisch geführte "Interview" mit einem Astrologen. Ich will solchen Mist nicht sehen und vor allem: nicht mitfinanzieren müssen."

Abgesehen davon, dass die Verfasserin selbst dann nicht der Astrologie begegnet wäre, wenn sie keine Heute-Sendung ausgelassen hätte, weil es ein reines Online-Interview war, lässt eine solche Haltung gegenüber allem, was einem selbst nicht gefällt, Schlimmes erahnen. Nur gut, dass solche Personen nicht über die Machtmittel der Inquisition verfügen.... Wer mit dogmatischem Absolutheitsanspruch allein seine Meinung für die einzig Wahre hält, setzt sich automatisch ins Unrecht, selbst wenn er für eine vermeintlich gute Sache eintritt.

Was die Astrologie-Kritiker angeht, so bin ich fest davon überzeugt, dass nur eine verschwindend geringe Minderheit unter ihnen sich jemals auf ein persönliches Horoskop eingelassen hat. Das ist das gewichtigste Argument für die Astrologie, die seriöse Astrologie.

Bereits dieses Attribut wird von den Skeptikern nicht akzeptiert. Ich möchte dennoch hervorheben, was seriöse von unseriöser Astrologie unterscheidet: Seriöse Astrologie hat immer das individuelle Horoskop als Basis und kommt darauf zu ihren Aussagen.

Alles, was nicht von einem persönlichen Horoskop ausgeht, kann nicht seriös sein. Und für ein solches Horoskop wird zwingend die Geburtszeit benötigt. Die sog. Zeitungshoroskope sind reine Unterhaltung.

Und der wahre Schatz der Astrologie liegt nicht unbedingt in der Prognose - auch wenn die am meisten verlangt wird. Noch viel besser eignet sie sich zur Analyse der Persönlichkeit, die Stärken, Schwachstellen und Herausforderungen anzeigt und Handreichungen gibt, wie damit produktiv umgegangen werden kann.

Insofern beweist sich Astrologie im praktischen Alltag, und ich kann aus meiner eigenen Erfahrung zahllose Menschen nennen, die durch eine astrologische Beratung Orientierung und Perspektive erhalten haben. Das ist der Beweis für die Astrologie, keine fragwürdigen Untersuchungen oder Statistiken.

Wie wenig sich die Skeptiker mit der seriösen Astrologie auseinandergesetzt haben, dokumentiert eine andere These aus der oben zitierten Presseerklärung: „Schließlich entbehrt es jeder wissenschaftlichen Grundlage, dass die Position der Planeten am Himmel das menschliche Leben auf der Erde beeinflussen könnte, wie es Astrologen behaupten."

Behaupten sie das? Ich jedenfalls nicht. Die Beziehung von Oben und Unten; von Himmel und Erde, ist ein analoger, kein kausaler. Die Himmelskörper beeinflussen nichts, sondern sie zeigen an, sehr präzise.

Sie sind damit wie ein Thermometer, das sehr präzise nicht nur die Temperatur anzeigen kann, sondern auch wie sich das Wetter entwickelt, ob ein Hoch oder ein Tief heraufzieht und worauf ich mich einstellen sollte. Niemand würde jedoch behaupten, das Thermometer macht die Temperatur.

Ich kann keinen Skeptiker ernst nehmen, der sich nicht auf die individuelle Deutung seines eigenen Horoskops eingelassen hat. Nur über den Weg kann Sinn und Unsinn der Astrologie erfasst werden. Und dabei stehen die Astrologen ausgesprochen gut da.
Klemens Ludwig