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Die digitale Ökonomie wird die normale Arbeit auflösen

12/09/2015 11:04 CEST | Aktualisiert 12/09/2016 11:12 CEST
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In vielen Ländern wird abhängige Arbeit in Form einer unbefristeten Vollzeitbeschäftigung an einem festen Arbeitsplatz, die tariflich entlohnt wird und sozial abgesichert ist, als „Normalarbeitsverhältnis" bezeichnet. Sie dient der Bestreitung des Lebensunterhalts und geht mit Arbeitsleid einher. Ein über lange Zeit erfolgter Trend zur Arbeitszeitverkürzung galt deshalb als soziale Errungenschaft.

Angesichts der vorherrschenden Dominanz von schwerer und schwerster Arbeit am Bau, am Fließband und unter Tage, war das eine ganz verständliche Einschätzung. Normale Arbeit kann auch prekäre Arbeit sein. Viele Gesellschaften bekämpfen sie, oft unzureichend, mit dem Mindestlohn, damit jeder von seiner Hände Arbeit leben kann.

In Deutschland entstand „normale Arbeit" im Boom der 1960er Jahre, der Begriff des Normalarbeitsverhältnisses spielte jedoch erst in den gesellschaftspolitischen Debatten der 1980er und 1990er Jahre eine Rolle. Seither ist diese Normalarbeit in der öffentlichen Wahrnehmung substanziell bedroht. Bedrängt durch neue Arbeitsformen, befindet sie sich gefühlt gewissermaßen im freien Fall.

Atypische Beschäftigung

Arbeit in Teilzeit oder mit befristeten Verträgen, als Leiharbeiter oder als Minijobber, nimmt heute einen großen Bereich der Beschäftigung ein. Die einen bezeichnen dies als „atypische Beschäftigung", andere sprechen gleich von prekärer Arbeit. In den vergangenen 20 Jahren ist solche angeblich atypische Beschäftigung um über 70 Prozent gestiegen. Manche glauben gar fälschlicherweise, dies sei eine Folge der Arbeitsmarktreformen, die neue Flexibilität schaffen sollten.

Dennoch sind heute in Deutschland immer noch zwei Drittel der Erwerbstätigen „normal" beschäftigt. Seit etwa einem Jahrzehnt ist dieser Anteil nicht weiter geschrumpft, zuletzt hat er sogar wieder zugenommen. "Flexible" oder „dynamische Beschäftigung", wie sie vielleicht besser genannt werden sollte, nahm in dieser Dekade zwar absolut zu, aber nicht relativ.

Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass der robuste deutsche Arbeitsmarkt in dieser Zeit viele neue Normalarbeitsplätze geschaffen hat. Und überhaupt: Global gesehen arbeitet heute knapp die Hälfte der Weltbevölkerung selbständig, nur ein kleiner Teil „normal". So betrachtet ist in Wirklichkeit unsere normale (oder „statische") Arbeit atypisch.

Flexible Arbeitsmodelle

Mit dem Rückgang der schweren Arbeit, dem eigentlichen Arbeitsleid, gewinnen andere Aspekte der Arbeitswelt zunehmend größeres Gewicht. Arbeit ist weit mehr als Broterwerb. Sie schafft soziale Identität und Lebenserfüllung. Damit wächst auch das Bedürfnis, sich Arbeitszeit flexibler einzuteilen, und auch an wechselnden Arbeitsorten tätig sein zu können. Flexible Arbeitszeitmodelle wie Gleitzeit, Arbeitszeitguthaben oder variable Zeitplanungen sind in vielen Unternehmen längst Normalität.

Familie und Beruf so besser verbinden zu können, ist heute der normale Wunsch von Lebenspartnern. Der Bedarf an flexibler oder dynamischer Arbeit erwächst somit nicht nur aus der Notwendigkeit für Unternehmen, sich Marktbedingungen besser anpassen zu können, sondern aus den Bedürfnissen moderner Arbeitnehmer. Diese flexiblen Jobs pauschal prekär zu nennen, ist falsch.

Die aufziehende digitale Ökonomie hat das Potenzial, das Normalarbeitsverhältnis von innen aufzulösen. Die Notwendigkeit zur Arbeit an einem festen Arbeitsplatz und zu festen Arbeitszeiten entfällt. Die Chancen und Bedingungen für Selbstbestimmung als Freiberufler oder Arbeitnehmer-Selbständige werden zunehmen.

Gleichzeitig nehmen soziale Kontakte und die Einbindung in alltägliche Arbeitsprozesse ab, während der Arbeitsdruck, vielfach auch selbstverursacht, wächst. Auf diese Weise könnte ein Potenzial an prekärer Arbeit entstehen, das nicht einfach nur pekuniär bestimmt ist. Die Arbeitswelt der Zukunft muss sich hier neu regeln.

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