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Begrenzung oder nicht? Über falsche Fragen in der Flüchtlingsfrage

08/01/2016 10:09 CET | Aktualisiert 08/01/2017 11:12 CET
dpa

Es gibt keinen Wert ohne Gegenwert - und beide sind positiv zu verstehen. Diese Einsicht ist eine Kernaussage der Philosophie, die bis in die Antike zurückreicht. Bereits Aristoteles spricht in seiner Nikomachischen Ethik vom rechten Maß, um deutlich zu machen, dass kein Wert etwas Selbstverständliches und Unumstößliches ist, sondern stets in einer spannungsreichen Balance zu anderen Wertvorstellungen zu sehen ist und die Herausforderung des menschlichen Lebens darin besteht, diese Balance zu finden. Ein Beispiel soll das Gesagte verdeutlichen:

Großzügigkeit ist eine christliche Tugend und für viele ein Wert, der gerade in Zeiten von Flüchtlingskrisen besondere Beachtung genießt. Was Großzügigkeit aber genau ist, hängt sehr vom Kontext ab.

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Nehmen Sie den Fall, dass Ihr Lebenspartner sich großzügig zeigt, indem er Sie hin und wieder zum Essen einlädt. Das werden Sie ohne Frage schätzen. Was aber, wenn Ihr Lebenspartner nicht nur Sie, sondern jedes Mal gleich das ganze Lokal mit einlädt? Dann hätten Sie vermutlich ein Problem damit, weil seine Großzügigkeit zur Verschwendung wird und somit zu einem Unwert, wie es Schulz von Thun in seinem Wertequadrat nennt.

Folgt man dem Gedanken des Wertequadrates weiter, so lässt sich im Kontext von Großzügigkeit auch der Fall konstruieren, dass Sie von Ihrem Lebenspartner nie zum Essen eingeladen werden - nicht einmal zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Dann zeigt sich Ihr Lebenspartner geizig und der Gegensatz zur Großzügigkeit ist gefunden: Geiz.

Wichtig an dieser Stelle ist die Fortführung des am Quadrat orientierten Gedankenganges, dass es nämlich ein Maß an Geiz gibt, das durchaus positiv zu verstehen ist. Die Rede ist von der Sparsamkeit. Keiner erwartet von seinem Lebenspartner, dass man ständig zum Essen eingeladen wird, sondern vielleicht hin und wieder, und sicherlich entwickelt jeder Verständnis dafür, wenn der Lebenspartner Geld spart, um es für sich in anderen Situationen zur Verfügung zu haben.

Infolgedessen lassen sich im konstruierten Fall, aber auch in jedem anderen Entscheidungskontext, zwei Werte finden, die beide positiv zu sehen sind und aber in ein und derselben Situation virulent werden können: Großzügigkeit und Sparsamkeit.

Eine sinnvolle Balance zwischen zwei Werten finden, ohne in ein Extrem abzugleiten

Das rechte Maß zeigt sich schließlich daran, wie es einem gelingt, eine sinnvolle Balance zwischen zwei Werten zu finden, ohne in ein Extrem, einen Unwert abzugleiten. Im genannten Beispiel wären das der Geiz und die Verschwendung.

Das mit diesem Beispiel veranschaulichte Problem der Nichtselbstverständlichkeit des Selbstverständlichen bestimmt die aktuelle Flüchtlingsdiskussion und überraschenderweise gelingt es der Bundesregierung bis heute nicht, ein rechtes Maß in ihrer Position zu finden.

Obschon die eine oder andere Stimme in Richtung einer Begrenzung der Zuwanderung ertönt, das Votum bleibt für eine uneingeschränkte Aufnahme von Flüchtlingen. Damit wird aber die Aufnahme von Flüchtlingen in ein Extrem gedrängt, in dem sie sich selbst abschafft: Eine grenzenlose Aufnahme hört auf, eine Aufnahme zu sein.

Wo jeder willkommen ist, braucht es der Aufnahme nicht mehr. Auch der Deckmantel der Humanität kann, so wichtig diese ist, hier nicht helfen: Wenn Grenzenlosigkeit im Zeichen der Humanität zu Inhumanität führt, ist sie bereits selbst in ein Extrem verfallen.

Richtig verstanden bedarf also eine Aufnahme der Begrenzung, die positiv zu verstehen ist: Sie ist der Gegenwert zur Aufnahme und kein Extrem. Dieses wäre vielmehr in einer Abschottung zu sehen, in der Grenzen für keinen Menschen, egal in welcher Situation sich dieser befindet, geöffnet werden. Und damit zeigt sich, dass auch Begrenzung ohne Aufnahme nicht zu denken ist. Wo nur noch über Begrenzung gesprochen wird, hört diese auf zu sein und wird zur Abschottung.

Begrenzung und Aufnahme sind zwei Seiten einer Medaille, wenn es um das rechte Maß in der Flüchtlingsfrage geht

Begrenzung und Aufnahme sind also die zwei Seiten einer Medaille, wenn es um das rechte Maß in der Flüchtlingsfrage geht. Es macht keinen Sinn, die Frage nach einer Begrenzung zu stellen, ohne über Aufnahme zu sprechen. Ebenso macht es keinen Sinn, die Frage nach der Aufnahme zu stellen, ohne über Begrenzung nachzudenken.

Infolgedessen ist es aus ethischer Sicht unzulänglich, in Diskussionen den einen Wert gegen den anderen Wert auszuspielen, ebenso wie es verkehrt ist, beide nur in Extremen zu denken oder zu verstehen. Vielmehr besteht die Herausforderung, das rechte Maß zwischen Begrenzung und Aufnahme zu finden - und zwar so schnell wie möglich, um nicht nur den Flüchtlingen mit Humanität zu begegnen, sondern auch den Helfern.

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