Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Prof. Dr. Dr. Klaus Oestreicher Headshot

Die Briten wären gut beraten, gegen einen Brexit zu stimmen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT
Russell Boyce / Reuters
Drucken
  • Das Kernproblem der Briten ist vor allem ihre nicht verarbeitete Vergangenheit
  • Die Leave-Kampagne hat bis heute nicht ein tragfähiges Argument vorgebracht
  • Unser Finanzplatz London wird nicht Bestandteil eines Handelsabkommens sein

"Großbritannien lebt von den Zinsen seines Empires, hat nur leider vergessen, dass es dieses seit 70 Jahren nicht mehr gibt." Dieses Zitat eines im Ruhestand befindlichen britischen Managers sagt eine Menge aus. Über Jahrhunderte war Großbritannien dominant und ist heute nur noch ein Staat von vielen. Der Chancellor George Osborne beklagte in seiner Budgetrede, dass die Produktivität des Landes ein großes Problem ist.

Das ist das nächste Dilemma, wenn man in der EU im direkten Wettbewerb mit Ländern wie Deutschland oder Frankreich steht, die dem "Empire" den Rang abgelaufen haben. Angela Merkel, "die mächtigste Frau Europas", "Deutschland, Europas führende Nation": kein BBC-Bericht ohne diese direkten Zusätze. Und genau da liegt das Kernproblem: verletzter Stolz, nicht verarbeitete Vergangenheit und geschürte Emotionen.

Die Leave-Kampagne hat bis heute nicht ein einziges tragfähiges oder durch Beweise gestütztes Argument vorgebracht. Emotionen und das Versprechen einer brillanten Zukunft außerhalb der EU. Womit, wodurch, wovon? Keine Antwort. Die Wurfsendung an alle Haushalte beinhaltete nicht ein einziges tragfähiges Argument, aber sie schürte Ängste mittels unkontrollierbarer Immigration von EU-Bürgern. Die Remain-Kampagne verwies zu Recht darauf, dass alle wichtigen internationalen Organisationen einstimmig auf den Niedergang hinweisen.

Dass Immigranten der Wirtschaft zuträglich und ein vernachlässigbarer Kostenfaktor sind, wird von Boris Johnson & Co. genauso unter den Tisch gekehrt wie abgestritten wird, dass der Brexit den Niedergang bedeutet. Dieser sei ja nur auf Annahmen aufgebaut. Stimmt. Aber welche Zahlen am Ende dastehen werden, ist sekundär. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird das Problem das Minus vor jeglicher dieser Zahlen sein.

HSBC und JP Morgan werden aus London abziehen

England (!) wird einen hervorragenden Deal in aller Welt bekommen. Womit? Mit einer Autoindustrie, die dem Land nicht gehört? Mit Supermärkten, die (überspitzt formuliert) um eine Null als Ergebnis kämpfen und Filialen schließen, während Aldi und Lidl Rekordgewinne einfahren und über alle Maßen expandieren? Mit einem Finanzplatz London, der nicht Bestandteil dieser Handelsabkommen ist?

Wo aber zu erwarten ist, dass HSBC die Ankündigung, den Hauptsitz nach Schanghai zu verlegen, wohl noch schneller realisiert und JP Morgan bereits in der BBC den Abzug seiner über 4000 Arbeitsplätze angekündigt hat? Man baut auf die USA. Wo gehen gerade die USA hin? Dorthin, wo das Geld ist. Bei 56 Millionen Engländern oder dann knapp 450 Millionen EU-Bürgern?

Engländer - in diesem Land ist es kein Geheimnis, dass das nächste schottische Referendum dann sicher folgt. Genau das bestätigte Nicola Sturgeon, Schottlands First Minister, gestern auf ITV ganz klar. Briten schließen auch nicht aus, dass Nordirland sich in der Zukunft der Republik anschließen könnte.

Weiter geschwächt, wovon will solch eine Volkwirtschaft überleben? Vollmundig - wie Boris Johnson - zu sagen, dass Großbritannien in vielen Wirtschaftsbereichen führend ist, bedarf des Belegs, in welchen. Ja, in welchen? Das wusste wohl auch Johnson nicht, zu einer Zeit, in der allein die Automobilindustrie auf die Risiken für 800.000 Arbeitsplätze aufmerksam machte.

Schottland will in der EU bleiben. Engländer, gefragt, was sie davon halten, wenn Schottland in der EU bliebe und Schengen beiträte und sie im eigenen Land dann Grenz- und Passkontrollen hätten, reagierten völlig geschockt.

Die Leave-Kampagne fruchtet, weil nur wenig über die EU bekannt ist

Die ITV-Debatte am 10. Juni zeigte es deutlich: "Take back control". Das war das einzige Argument (?) der Austrittsfreunde. Man hat zum Beispiel keine Kontrolle darüber, wofür Brüssel das Geld ausgibt. Hat das ein britischer Steuerzahler bei seiner Regierung? Im Gegensatz dazu sitzt der Bürger aber noch nicht mal mit am Tisch. Also ein falsches Argument.

76 Millionen Türken werden UK ruinieren. Als ob alle Türken nach UK wollten oder die Türkei morgen EU-Mitglied würde. Genau das demonstriert, worum es geht - Emotionen. Sie lassen sich überall schüren, in jedem Land. Hierzulande aber vielleicht noch einfacher, weil viel zu wenig über die EU bekannt ist.

Ergo, die Leave-Kampagne zeichnet ein emotionales Bild, das auf ITV mit dem Land des Zauberers von Oz verglichen wurde. Sie macht glauben, dass England mächtig genug ist, gleichwertige Handelsabkommen selbst zu schließen. Sie verschweigt dabei sowohl, dass Norwegen oder die Schweiz ohne Mitspracherecht dafür zahlen, als auch deren Konsequenzen in Sachen Immigration, was ihr Hauptargument ist. Ist das "Take back control"? Wohl eher das Gegenteil.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.


Werdet zum Umwelthelfer

Keine Frage: Das Umweltbewusstsein in unserem Land hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch gewandelt. Viele fragen sich allerdings: Wie kann ich wirklich effektiv helfen?

Das ist gar nicht schwer. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org stellt die Huffington Post Projekte vor, die jeder von Euch unterstützen kann.

Artenschutz ist eines der größten Umweltziele weltweit. Einer der gefährdetsten Tiere ist der Ameisenbär in Costa Rica. Das Projekt Tropica Verde hilft dabei, den Bestand der kleinen Tiere in der Region zu sichern. Mit einer Spende könnt ihr die Familienzusammenführung unterstützen.

Noch immer werden Elefanten wegen ihrer kostbaren Stoßzähne abgeschlachtet. Zurück bleiben verstörte Jungtiere. Um die kümmert sich die Aktionsgemeinschaft Artenschutz, die ihr hier unterstützen könnt.

Das Projekt OroVerde - Die Tropenwaldstiftung hilft, eines der wertvollsten Regenwaldgebiete Guatemalas zu erhalten - indem Menschen aus aller Welt Bäume kaufen. Hier geht es weiter zum Projekt.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: