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Ketzerisches zum Thema Bevölkerungswachstum

26/02/2017 17:31 CET | Aktualisiert 26/02/2017 17:32 CET
Nikada via Getty Images

Das Problem der Überbevölkerung ist das wichtigste Problem der Menschheit, aber es ist weitgehend aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden.

„Das Bevölkerungswachstum ist für jedes einzelne Problem des Planeten mitverantwortlich", meint die britischen Primatenforscherin Jane Goodall. Es ist sehr frustrierend, dass sich die Menschen nicht mit diesem Thema beschäftigen wollen. „Wenn es nur wenige von uns geben würde, dann wären die negativen Sachen, die wir machen, egal, und Mutter Erde würde das allein erledigen - aber wir sind so viele", ergänzt Goodall. Deshalb müsse über eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums nachgedacht werden.

Überbevölkerung ist kein Thema mehr

Der Bevölkerungsforscher Camilo Mora glaubt, dass das Problem der Überbevölkerung weitgehend aus dem Bewusstsein - auch der wissenschaftlichen - Öffentlichkeit verschwunden sei, und das sei ein ernsthaftes Problem.

Mora stützt sich in seinem Review-Artikel im Fachmagazin Ecology and Society auf die Analyse von knapp 200 Studien, in denen der Anstieg der Weltbevölkerung von derzeit sieben Milliarden Menschen auf neun bis zwölf noch vor dem Jahr 2050 prognostiziert wird. Gleichzeitig findet aber weder in den Medien noch in der Politik eine adäquate Diskussion über die katastrophalen Folgen eines solchen Bevölkerungsanstieges statt.

Alle Probleme hängen von der Zahl der Menschen auf der Erde ab

Dabei hängt die Entwicklung der Menschheit wesentlich von der Zahl der Erdenbewohner ab. Alle anderen Probleme sind nur Ableitungen dieses Grundproblems. Es gibt einen Klimagipfel, aber gibt es einen Welt-Bevölkerungsgipfel, der viel nötiger wäre? Nein! Warum?

Gegenmaßnahmen zum exponentiellen Bevölkerungswachstum in Afrika zu ergreifen, könnte im heute alles beherrschenden politisch korrekten Denken als Rassismus ausgelegt werden. Da will niemand den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen, man betet lieber gesund, tabuisiert und kuriert dann mit moralischer Überheblichkeit an Symptomen herum, anstatt mit Taten der an Quelle der Probleme anzusetzen. In den 70er Jahren war der Westen weniger ideologieverbohrt und Geburtenkontrolle in der 3. Welt wurde breit diskutiert.

Aber heute ist das Thema weltweiter Familienpolitik und deren Durchsetzung außer in China überall in der Welt tabu. So wird sich die wachsende Erdbevölkerung spätestens in 2 Jahrzehnten mit drastisch zunehmenden Rohstoff und Nahrungsmittelproblemen konfrontiert sehen. Laut Camilo Mora unterschätzen Medien und Politik das Problem in immenser Weise. Allein der Nahrungsmittelbedarf werde bis 2050 um 70 bis 100 Prozent steigen, obwohl bereits jetzt eine Milliarde Menschen hungere und die Frischwasservorräte der Erde sinken.

Die schnell wachsende Bevölkerung in den am wenigsten entwickelten Ländern

Es sind vor allem die am wenigsten entwickelten Länder der 3. Welt, die mit dem Problem einer dramatisch wachsenden Bevölkerung konfrontiert sind. Heute überleben in Afrika alle 6 Kinder einer Familie, anstatt wie vor wenigen Jahren nur 2 oder 3. Dies ist ein Resultat der besseren medizinischen Versorgung, die nicht zuletzt ein Ergebnis des westlichen Einflusses & der Entwicklungshilfe ist.

In der Vergangenheit hatte eine hohe Kindersterblichkeit für ein angemessenes Bevölkerungswachstum gesorgt. Auf diese Weise brachten sich Nahrungsmittelproduktion, Ressourcenverbrauch und Bevölkerungswachstum in ein natürliches Gleichgewicht. Dies ist für westliche Moralvorstellungen vielleicht ein zynischer Gedanke.

Aber ein Gedankenspiel macht deutlich: Wäre vor 300 Jahren eine dominante außerirdische Kultur nach Deutschland gekommen & hätte damals dafür gesorgt, dass die Kindersterblichkeit minimiert wird, so dass alle 8 oder 10 Kinder einer Familie überlebt hätten, wäre in kürzester Zeit die Bevölkerungszahl explodieret, die Menschen drastisch verarmt & massive Hungersnöte ausgebrochen. Unsere heutige Situation wäre sicher eine katastrophale.

Ähnliches passiert heute in der 3. Welt. Die westliche Kultur verstärkt diese Probleme, indem sie an andere Kulturen eigene Moralmaßstäbe anlegt, die nur sie sich heute leisten kann.

Die 3. Welt und die westliche Moral

Aber die westliche Moralvorstellung ist an eine ganz bestimmte gesellschaftliche Situation gebunden, nämlich an ein kleinfamilienorientiertes Gesellschaftssystem mit sozialer Marktwirtschaft, in dem es keinen Bevölkerungsdruck gibt & das staatliche Rentensystem die Altersversorgung garantiert.

In der 3. Welt sind die Kinder die Rentenversicherung der Eltern. Je weniger Geld die Eltern haben, desto mehr Kinder brauchen sie, damit ihre Rente später sicher ist. Je mehr Kinder die Eltern haben, desto besser ist ihre Rentenversicherung. Geburtenkontrolle steht also im Widerspruch zur Rentensicherheit.

Staatliche Rentensysteme wiederum lassen sich nur in wohlhabenden industrialisierten Gesellschaften aufbauen. Mit dieser Problemlage haben nahezu alle Länder der 3.Welt zu kämpfen. Zusätzliche Probleme schaffen die aus dem Westen importierten Ideologien.

Ein drastisches Beispiel dafür liefern die Philippinen mit ihrem aus dem Abendland eingeführten katholischen Christentum. Die Durchschnittsfamilie hat 7 Kinder. Die Kirche verstand es mit großem Erfolg die Kindersterblichkeit zu senken, gleichzeitig sabotierte sie auch mit großem Erfolg jegliche Geburtenkontrolle.

Das Land gleicht praktisch eine Badewanne in das ununterbrochen viel Wasser hineingegossen wird. Die Wanne wird immer voller, aber aus moralischen Gründen wird nichts dagegen unternommen. Aus denselben moralischen Gründen wird noch dazu der Überlauf verstopft. Die Folgen sind abzusehen.

Auf meiner Reise durch die Philippinen berichteten Frauen, die schon 4 oder 5 Kinder hatten & nun die staatlich subventionierte Antibabypille nehmen wollten, dass ihnen von katholischen Priestern mit Exkommunikation gedroht, & man glaubt es kaum, ihnen im Jenseits Höllenqualen in Aussicht gestellt wurden. Der psychische Druck wurde ihnen zu groß, so ließen sie die Finger von der Pille. Dann folgten die nächsten Schwangerschaften.

Ein typisches Beispiel für die Informationspolitik der Medien: Am 27. 9. 15 verkündete Claus Kleber im Heute-Journal euphorisch, wie es gelungen sei mit westlicher Hilfe, die Kindersterblichkeit in Malawi entscheidend zu senken.

Dazu Informationen der GIZ zu Malawi:

Das Bevölkerungswachstum ist hoch und stellt das Land vor erhebliche Probleme bei der Ernährungssicherung und der Versorgung der Bevölkerung mit sozialen Diensten. Weitere Probleme, die die Entwicklung des Landes hemmen, sind ungleich verteilte Einkommen, schlechter Zugang zu Ausbildung und medizinischen Grunddiensten sowie eine sehr hohe HIV/AIDS-Rate.

Klebers Moral-Beitrag spiegelt das tabubeladene kurzfristige Denken der öffentlichen Medien in Deutschland typisch wider.

Problemlöser Produktivitätssteigerung?

Das Lösungsmodell des Westens für die Bevölkerungsprobleme der 3. Welt ist, dass dort eine Produktivitätssteigerung das Bevölkerungswachstum übertrifft und sich so die Probleme in Luft auflösen. Dies ist wohl auf Dauer keine realistische Lösung, ganz abgesehen davon, dass sich die Wasservorräte der Welt nicht steigern lassen.

Dass die Erde weder ein exponentielles Bevölkerungswachstum noch eine exponentiell wachsende Industrie- & Nahrungsmittelproduktion geschweige denn beides aushält, darüber wird im Westen lieber nicht allzu detailliert nachgedacht, da er sonst womöglich seine humanistischen, am Individuum ausgerichteten Moralvorstellungen aufgeben müsste. Und von romantischen Träumen wird in Deutschland zuletzt abgelassen. Lieber werden Realisten als Zyniker beschimpft.

Stammeskulturen sind das größte Hindernis für Entwicklung

Im Jahre 1900 lebten in Afrika rund 130 Millionen Menschen, 2010 war es gut 1 Milliarde. Nach der UNO-Bevölkerungsprognose werden es 2050 2,2 Milliarden und 2100 3,6 Milliarden sein. Die ersten Auswirkungen sind an den Flüchtlingsströmen zu bemerken. Aber Medien & Politik stellen sich beim Thema Familienplanung taub, um ihre hohen moralischen Maßstäbe nicht in Frage stellen zu müssen und gerade deshalb versagen sie moralisch vollkommen.

Gerade in den Stammesgesellschaften Afrikas ist das Entwicklungspotenzial aufgrund der Stammeskulturen und deren Mentalität am geringsten. Tribalistische Kulturen sind das größte Hindernis für Entwicklung. Ein Stamm bekämpft in der Regel den anderen und gönnt ihm nicht die Butter auf dem Brot. Dazu hemmen paternalistische Gesellschaftsstrukturen und exzessive Korruption die Entwicklung. Auf meinen Reisen in Afrika wurde das mehr als einmal von Afrikanern beklagt: What can we do? That´s africa!

Nur in Hochkulturen sind große Produktivitätssteigerungen möglich

Hochkulturen entstanden in der Geschichte der Menschheit nur, wenn sich ein Stamm imperialistisch gegen alle Nachbarstämme durchgesetzt und diese unterworfen hatte. Auf diese Weise wurden große Strukturen geschaffen, die Vereinheitlichung von Sprache und Schrift und anderen Standards und die Machtfülle zu deren Durchsetzung ermöglichte.

Inkas, Mayas und Azteken haben mit brutaler Macht alle ihre Nachbarstämme unterworfen und konnten dann eine eigene Hochkultur aufbauen. Deren Macht wurde dann durch die nächste einmarschierende Hochkultur, die Spanier gebrochen.

Auch die Industrialisierung Deutschlands war erst möglich, als sich die deutschen Stämme zu einer großen Einheit, dem Deutschen Reich zusammengeschlossen hatte. Erst dann war Rechtssicherheit und einheitliche Standards in großem Maßstab gegeben. Erst dies ermöglichte eine Vereinheitlichung und Rationalisierung und damit die Industrialisierung Deutschlands. In Afrika ist eine solche Entwicklung nicht absehbar.

Eine andere Frage ist, ab welchem Grad der Komplexität der westlichen Industriegesellschaften deren Fehleranfälligkeit so groß ist, dass ein Kollaps droht. Man male sich nur einmal einen landesweiten Stromausfall aus. Deutschland wäre von einer Minute auf die andere am Ende, für die ländlichen Gebiete Afrikas würde sich wenig ändern.

China ist mit dem umgekehrten Problem Afrikas konfrontiert. In China schaffen zwar viele Menschen auch große Nachfrage, doch steigen Löhne und die Produktivität aufgrund des technischen Fortschritts noch schneller und gefährden zunehmend Arbeitsplätze. Die beständig steigende Lebenserwartung verschärft diese Situation noch.

Die fromme Hoffnung, dass das Bevölkerungswachstum in Zukunft ressourcenverträglich sinke, ist mehr als vage. Die Produktion der Nahrungsmittel kann auf die Dauer nicht mit der Bevölkerungsexplosion mithalten. Der westliche Sozialromantiker konfrontiert sich auch lieber nicht mit der Vorstellung, dass jede chinesische & jede indische Familie Auto fahren möchte.

Individuell wird er jedem das Recht zubilligen, die kollektiven Auswirkungen mag er sich lieber nicht ausmalen & flüchtet lieber in nebulöse allgemeine Wunschvorstellungen. Ökopopulistische Wünsch-Dir-Was Artikel kann man jeden Tag in der Zeitung lesen. Westlicher Moralpopulismus trieft ununterbrochen aus allen Medien.

Asiatische Moralvorstellungen und der Westen

Dagegen sind die asiatischen Moralvorstellungen möglicherweise viel moderner, da sie viel eher die kommenden Probleme zu lösen versprechen.

Ganz einfach auf den Punkt gebracht, ist das westliche Denken darauf orientiert, dass das Individuum selbstbestimmt ist und es ihm materiell gut geht.

Wenn dies der Fall ist, kann sich der Einzelnen selbst verwirklichen. Der Staat schafft dafür ein angemessenes Regelwerk für alle und als Folge geht es auch der Gemeinschaft gut, so das westliche Denkmodell. Und dies funktioniert auch, solange exponentielles Wachstum möglich ist.

Das asiatische Denken funktioniert genau umgekehrt: Es müssen vor allem Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass es der Gesellschaft gut geht. Ist dies erreicht, geht es auch dem Einzelnen gut. Das Gemeinwohl steht vor dem Eigenwohl.

Entsprechend gab es in Asien keine französische Revolution mit einer Proklamation der individuellen Menschenrechte. In Asien wird der Einzelne als Teil einer Gemeinschaft gesehen, der der Einzelne verpflichtet ist.

Im Westen steht das Wohl des Einzelnen im Vordergrund. Diesem Wohl ist die Gemeinschaft verpflichtet. Aber nicht lange ist es her, dass John F. Kennedy sagte: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst. Heute mutet diese Frage anachronistisch an, in Asien würde sie gar nicht erst gestellt, denn Selbstverständliches muss man nicht hinterfragen.

Das Tabu der weltweiten Familienplanung

Eine weltweite Geburtenkontrollpolitik ist tabu. Die UNO schweigt. Die Forderung, 10% der Entwicklungshilfe in weltweite Familienplanung zu investieren, wird nicht einmal diskutiert.

Das einzige Land der 3. Welt, das das drängende Problem des Bevölkerungswachstums mit östlichem Denken einigermaßen erfolgreich in den Griff bekommt ist China.

Für diese Leistung wird China aber nicht gedankt, nein es wird dafür an den westmoralischen Pranger gestellt. China bedient sich eben nicht westlicher Moral, sondern schottet sich wohl zu Recht teilweise sogar dagegen ab.

Ich bin gerade wieder bei Freunden in China und finde kaum jemand, der sich gegen die eigene Bevölkerungspolitik ausspricht. Obwohl sich alle über deren Nachteile sehr wohl im Klaren sind, sprechen die Vorteile für sich. Das Beispiel Indien wirkt wahrlich abschreckend.

Aber wie sagte der Westler Bertolt Brecht, Autor des „chinesischen" „Der gute Mensch von Sezuan" ehedem: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Nur wer vollgefressen ist, denkt umgekehrt.

kjg

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