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Die Deutschtürken wählen Erdogan - und jetzt?

23/04/2017 22:23 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 22:23 CEST

Die Türken in Deutschland stimmen fast mit Zweidrittelmehrheit für das Präsidialsystem Erdogans. Was bedeutet das für Deutschland?

Ein Erklärungsversuch:

Die übergroße Mehrheit der Türkischstämmigen fühlt sich hier insgesamt wohl, dennoch empfinden sich viele als Bürger zweiter Klasse. Das merken sie zum Beispiel bei der Wohnungs- und der Arbeitssuche.

Das Image des Islam und die Bewertung von Erdogan ist in der deutschen Gesellschaft inzwischen äußerst schlecht. Wer noch dazu die Realität in den muslimischen Ländern sieht, der sollte das größte Verständnis dafür haben, dass es vielen Wohnungseigentümern und Arbeitgebern höchst unheimlich ist, Wohnung und Arbeitsstelle an muslimische Deutschtürken oder Araber zu vergeben.

Dieser Teil der Wahrheit wird leider immer unterschlagen, geht es doch darum, Deutsche als bösartige Rassisten zu denunzieren. Aber ich frage mich schon, ob Katrin Göring-Eckardt einem Erdogan-Mustafa einen Arbeitsplatz bei den Grünen zu Verfügung stellen würde.

Wenn man als Deutschtürke solch einem Misstrauen ausgesetzt ist, muss man aktiv dagegen angehen und sich nicht nur in eine Opferrolle flüchten. Was spräche gegen eine Demo einer Million Muslime gegen den Islamismus? Warum passiert das nicht? Dieses Keine-Flagge-zeigen erweckt bei vielen Deutschen den Eindruck, dass ihr Misstrauen berechtigt ist.

Wenn Deutschtürken manchmal geringere Chancen als Urdeutsche haben, kränkt sie dies in ihrem Stolz. Plötzlich kommt dieser Autokrat Erdogan und vermittelt diesen Menschen das Gefühl der Wertschätzung.

„Seit Erdogan fühle ich mich zum ersten Mal richtig als Türke. Er hat uns Stolz gegeben" meinen jetzt viele Deutschtürken. Der Stolz, Deutscher zu sein, wird ihnen ja von der deutschen „Elite" vorenthalten. Dann wendet man sich eben Anderem zu.

Erdogan und Atatürk sind in der Türkei Vaterfiguren. Dies ist bei vielen Führern in der 3. Welt der Fall. Die kulturellen Vorstellungen von Familie und Clan werden dort auf die Politiker übertragen.

Viele Deutschtürken sagen nun, sie hätten auch für das Präsidialsystem gestimmt, weil sie sähen, wie die gesamte deutsche Medienmacht alle in eine Meinung gegen Erdogan dränge. Da ist was dran. So ist die deutsche Medienlandschaft das genaue Spiegelbild der türkischen. Was hier flächendeckend für schlecht gehalten wird, gilt dort als gut.

In den Medienkampagnen gegen Erdogan und Trump gelten die Wähler als eine verführte, tumbe, blöde Menschenmasse. Das lässt am Demokratieverständnis des herrschenden Establishments zweifeln. Sollen Wahlergebnisse nur respektiert werden, wenn Vertreter des eigenen Weltbildes an die Macht kommen?

Dass die Türken einen Führer gewählt haben, der zu ihrer Kultur passt, dass scheint den Kommentatoren nicht in den Sinn zu kommen.

Grünen Chef Özdemir fordert nach dem türkischen Referendum von den Deutsch-Türken in Deutschland ein klareres Bekenntnis zum Grundgesetz. "Die Auseinandersetzung um Herz und Verstand der Türkeistämmigen muss endlich aufgenommen werden", sagte Özdemir der Deutschen Presse-Agentur.

"Künftig muss stärker darauf bestanden werden, dass auf Dauer in Deutschland Lebende nicht nur mit den Zehenspitzen auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, sondern mit beiden Füßen."

Ja was meinen Sie denn damit Herr Özdemir? Wollen Sie damit sagen, dass das grüne Multikulti-Denken am Ende ist. Dass das Wahlergebnis zeigt, dass die meisten Deutsch-Türken leider niemals in unserer Demokratie, geschweige denn in der Multikulti-Romantik angekommen sind.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz meinte, das Auftreten von Nationalisten unter Migranten sei darüber hinaus „keine Besonderheit der Deutsch-Türken, so wenig es uns gefallen kann".

Das gebe es unter allen Migrantengruppen auch in anderen Ländern. Das ist vollkommen richtig. Demokratische und kulturell religiöse Probleme gibt es nicht nur in der Türkei sondern im ganzen muslimisch orientalischen Raum.

Das zeigt aber vor allem, dass alle Umerziehungsphantasien bei den einreisenden Arabern zum Scheitern verurteilt sein wird.

Nur Kampf gegen Rechts?

Und wo ist der Kampf der deutschen Zivilgesellschaft gegen den Islamismus und den politischen Islam? Beide sind für Terrorismus mitverantwortlich und sie stehen mit der Scharia offen gegen die Werte der deutschen Gesellschaft.

Wo ist der Kampf gegen die orientalisch autoritäre Kultur in Deutschland? Wo ist das Eintreten für Feminismus bei den Deutschtürken? Wo sind die Massendemonstrationen von Kirche, Gewerkschaften und Linken gegen die autoritäre Ideologie von fast 2/3 der wählenden Deutschtürken.

In Demonstrationen gegen Rechts ist die linke Ökourgeosie in ständiger Schnappatmung. Aber die Gefahr von Rechts ist eine Schimäre. Welche Machtmittel hat sie denn. Die Rechte besetzt im Gegensatz zur Ökobourgeoisie NICHT die Schaltstellen der Gesellschaft. Ein paar Blogs im Internet ist alles, was sie hat, im Gegensatz zur fast totalen Meinungsmacht des linksgrünen Establishments.

Wenn 63% der wählenden Deutschtürken Erdogan wählen, bedeutet das, dass viele hier geistig nicht angekommen sind und auch gar nicht ankommen wollen. 25 Prozent der Deutschtürken sind Kurden oder Aleviten, sie sind aus existentiellen Gründen gegen Erdogan. Rechnet man diese heraus, ist sogar ein weit größerer Prozentsatz für Erdogan.

Das ist nicht gut für unsere Gesellschaft, aber wer wie Medien und Politik davor die Augen verschließt, bereitet den Boden für den Kampf der Parallelgesellschaften auf deutschem Boden.

Die Grün-Linken wollen Kommunalwahlrecht für Ausländer. Wollen sie tatsächlich, dass Erdogans Ableger im Ruhrpott mitregieren? Wollen sie tatsächlich arabische Vertreter des politischen Islam in den Rathäusern?

Man kann nicht für ein autokratisches System sein, für die Todesstrafe und sich dann beschweren, in Deutschland nicht akzeptiert zu werden. Obwohl diese Menschen in Demokratien leben, in Freiheit und Sicherheit, haben sie für ein autokratisches System in der Türkei gestimmt.

Das, was sie den Deutschen vorwerfen, nämlich sie nicht als Deutsche zu akzeptieren, praktizieren sie in Wirklichkeit selbst. Sie behaupten zwar immer, sie seien Türken UND Deutsche, aber in Wirklichkeit fühlen sie sich nie wirklich als Deutsche. Millionen Menschen, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben, die hier geboren sind, fühlen sich hier fremd und halten an ihrer autoritären Kultur fest.

Die Hoffnung des Establishments auf Umerziehung der Einwanderer zeugt von einer bodenlosen Arroganz des eigenen Denkens und seltsamen Allmachtsfantasien. Die linken Umerziehungsprojekte sind allerdings alle gescheitert. Die Menschen haben keine Lust, sich umerziehen zu lassen, weder durch Integrationskurse noch durch eine Gehirnwäsche der geballten Medienmacht.

Der erste und wichtigste Schritt ist immer, über seine eigenen Fehler nachzudenken. Das würde bedeuten, dass das Establishment zugibt, sich in ihrer Multikuli-Romantik vollständig getäuscht zu haben. Das allerdings setzt selbstkritische Erkenntnisfähigkeit voraus. Aber daran mangelt es bei den Herrschenden immer.

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